Stilstand

If your memory serves you well ...

Das Unaussprechliche

Jeder Text, auch der geschriebene, wiegt sich im Rhythmus der Sprache, zwischen Hebungen und Senkungen, Dehnungen und Kürzungen, den betonten und den unbetonten Silben. Fällt die erwartbare Betonung auf bedeutungsarme Silben, sind komische Wirkungen geradezu unausweichlich. Das gilt – abgeschwächt – auch für das Gewebe der Prosa, obwohl es sich im folgenden Beispiel, der größeren Deutlichkeit halber, um ein Gedicht handelt:

„Zwischen Akten, dunklen Wänden
bannt mich Freiheitsbegehrenden
nun des Lebens strenge Pflicht,
und aus Schränken, Aktenschichten
lachen mir die beleidigten
Musen in das Amtsgesicht.

Als an Lenz und Morgenröte
Noch das Herz sich erlabete,
o du stilles, heitres Glück!
Wie ich nun auch heiß mich sehne,
ach, aus dieser Sandebene
führt kein Weg dahin zurück.

Als der letzte Balkentreter
Steh ich armer Enterbeter
In des Staates Symphonie.
Ach, in diesem Schwall von Tönen,
wo fänd ich da des eigenen
Herzens süße Melodie?

Ein Gedicht soll ich euch senden?
Nun, so geht mit dem Leidenden
Nicht zu strenge ins Gericht!
Nehmt den Willen für Gewährung,
kühnen Reim für Begeisterung,
diesen Unsinn als Gedicht!“

Joseph Frhr. v. Eichendorff

1 Kommentar

  1. Weltklasse! Danke dafür.

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