Stilstand

If your memory serves you well ...

Deutsch ist doch ganz leicht!

Seine Muttersprache erlernt bekanntlich jeder ‚wie von selbst‘, auch der Lümmel von der letzten Bank. Irgendwann können wir sprechen, wir wissen nicht wie – und wir müssen deshalb schon die Wissenschaft befragen, die dann Mutmaßungen über einen ‚Sprachinstinkt‘ anstellt. Sehen wir andererseits, wie ein armes Würstchen aus dem Ausland sich mit dem Deutschen abquält, so wie wir es auch mit dem Chinesischen täten, vorausgesetzt, wir würden dies endlich mal lernen, dann fühlen wir uns wie Einstein, obwohl wir doch gar nichts dafür können, dass wir uns halbwegs unfallfrei durchs deutsche Sprachterrain parlieren: ‚Deutsche Spraak, schwere Spraak‚, wirft der Spießer in uns dann dem gefrusteten Neubürger an den Kopf – und unser eigenleistungsfreier frühkindlicher Spracherwerb erstrahlt in noch hellerem Glanz, weil wir hiermit dem Deutschen eine besondere Kompliziertheit zuschreiben. Das Deutsche aber ist im Vergleich zu anderen Sprachen eine recht einfache Angelegenheit.

Schwerer zu erlernen als das Deutsche wäre für Neubürger eindeutig das Russische, vielen ehemaligen DDR-Schülern laufen beim Gedanken an die Qual mit der Sprache ihres ‚großen Bruders‘ noch heute kalte Schauer über den Rücken. Ebenso ist das Finnische kein Sahneschlecken, aber auch das Griechische und etliche asiatische Sprachen, welche in eine komplexe, kulturell verschlüsselte Bildlichkeit ausweichen müssen, weil sie kaum Flexionsformen kennen (habe ich mir jedenfalls sagen lassen).

Fakt ist – es gibt überhaupt keine ‚primitiven Sprachen‘, in denen die Menschen babyhaft und mit kindlich-naivem Weltverständnis und mit Hilfe von zwei oder drei simplen Regeln daherstammeln würden – das in etwa ist der Stand der vergleichenden Sprachwissenschaft heute. Vor Gott sind alle Sprachen gleich. Und nur deshalb, weil eine Sprache noch kein Wort für ‚Mikroprozessor‘ oder ‚Blog‘ erfunden hat, ist sie alles, nur nicht primitiv.

Das Deutsche hat aber einige eindeutige Vorteile, die den Menschen das Erlernen erleichtern. So verändert die Flexion das Substantiv nicht bis zur Unkenntlichkeit: Ob ich ‚der Mann‘, ‚des Mannes‘, ‚dem Mann‘ oder ‚den Mann‘ sage – das Substantiv steht ‚in allen Fällen‘ wie ein rocher de bronce im Text – mit der kleinen Ausnahme des Genitiv-S. Wir können also sagen: Im deutschen Satz erkennen wir die Substantive auf Anhieb, weil sie annähernd ungebeugt aus dem Satzmeer ragen, und überdies auch noch groß geschrieben werden (dies ein kleiner Seitenhieb auf unsere Kleinschreibungs-Apostel). Wir erkennen gewissermaßen unsere Schweine am Gang …

Ein weiterer Vorteil ist die positionelle Flexibilität des Deutschen. Während anderswo oft das SPO-Schema (Subjekt-Prädikat-Objekt) den regelgerechten Satz regiert – ‚Der Hund schlich mit seinem Knochen in die Hütte‚ – da herrscht im Deutschen viel Freiheit, ja, fast schon Anarchie: ‚In die Hütte schlich der Hund mit seinem Knochen‚ oder ‚Mit seinem Knochen in die Hütte schlich sich der Hund‚ oder ‚Mit seinem Knochen schlich der Hund in die Hütte‚ usw. Es scheint fast, als sei einzig die Anfangsstellung des Verbs ist in allen deutschen ‚Aussagesätzen‘ tabu, weil wir im Deutschen damit eine Frage einleiten würden: ‚Schlich der Hund mit seinem Knochen in die Hütte?

Die Flexibilität der Satzstellung gibt uns Deutschen viele Möglichkeiten bei der rhythmischen Gestaltung und bei der Nuancierung des Sinns unserer Texte. Denn die Anfangs- und Endstellungen betonen immer auch einen Satzbestandteil. Ein sprachliches Faktum, das uns wohl eher zum ‚Volk der Dichter und Denker‘ gemacht haben dürfte, als irgendwelche genetisch verursachten, nationalpoetischen Ausbeulungen am Hirn.

Betrachten wir den deutschen Satz, dann sehen wir also von vornherein viele feste, dingliche Bestandteile, die mit dem Fuß in einer Art Ursuppe stehen – in den Verbalformen. Hier, bei jenen Wortbestandteilen, welche die Satzhandlung ins Fließen bringen müssen, ist die größte Schwierigkeit zu suchen. Denn das Verb im Deutschen ist ein Chamäleon, das sich unaufhörlich verändert. Befragen wir einen Durchschnittsbürger nach den korrekten Formen von Konjunktiv I und Konjunktiv II – ob ‚befrügen‘, ‚befrägten‘ ‚befragten‘ oder ‚befrögen‘ – dann gerät er prompt in Seenot. Vor allem ist es die Lautverschiebung, die diese Unsicherheit auslöst: ‚ich nehme‘, ‚ich nahm‘, ‚ich habe genommen‘, ‚ich nähme‘ – wer soll sich denn da noch auskennen? Nun, wir natürlich, wer sonst?

Eine weitere, eher randständige Schwierigkeit des Deutschen besteht in seiner Fähigkeit zu ‚antikisieren‘: Gerundium, Gerundivum, die wildesten Partizipkonstruktionen des klassischen Altertums bildet die flexible deutsche Sprache mühelos nach. Ein wenig ’studienrätlich‘ und ‚altbaksch‘ aber klingt das Deutsche dann schon: ‚Im übrigen urteile ich, dass Karthago eine zu zerstörende Stadt sein sollte‚. So etwas reißt heute niemandem mehr vom Hocker, noch nicht einmal gerappt …

13 Kommentare

  1. Ein interessanter Gedanke, das „Volk der Dichter und Denker“ auf flexiblere Sprachstrukturen zurückzuführen – das ist zumindest plausibler, als Gene verantwortlich zu machen. Ich vermute aber, es ist eher eine Konstruktion post festum interessierter Kreise, die nun in der Tat nationalpoetische Ausbeulungen am Gehirn hatten. In anderen Sprachen wird halt anders gedichtet und gedacht, aber auch nicht schlechter.

    Das chamäleonhafte Verb ist übrigens eine indoeuropäische Gemeinheit und bei weitem nicht aufs Deutsche beschränkt, sondern z.B. auch im Griechischen, Lateinischen und Sanskrit vorhanden. Ablautsystem ist hier das Stichwort (im Deutschen durch Lautverschiebung nur deformiert).

  2. Ob eine Zweitsprache leicht oder schwer zu erlernen ist, hängt meiner Meinung nach vor allem von Verwandtschaft derselben zur Erstsprache ab. Wenn man Englisch als Muttersprache hat, ist das Deutsche sicher einfacher zu erlernen als das Russische. Für einen Polen oder Bulgaren dagegen ist Russisch ein Kinderspiel, das Deutsche (allein der Artikelgebrauch beim Substantiv) eine Plage. Und für einen Esten ist gar Finnisch leichter zu erlernen als das Deutsche …

    Der Mythos vom „Volk der Dichter und Denker“ wird ja gern gepflegt. Aber hat er nicht vor allem damit zu tun, dass die Deutschen sich länger als andere Völker nur über gemeinsame Dichter und Denker definiert haben, weil ein gemeinsames Staatswesen fehlte?

  3. Als das Verb noch kein Verb, sondern „Tuwort“ war – also so im Grundschulalter – da tat man es schon mal, das Verb an den Anfang stellen: Schleichen tut sich der Hund mit dem Knochen in die Hütte. Keine Frage, keine Frage.

  4. Die positionelle Flexibilität erleichtert das Lernen? Glaub ich nicht.

  5. Russisch ist nicht so schlimm. Einfache und vor allen Dingen ausnahmearme Grammatik, man muß halt das kyrillische Alphabet lernen. Immer noch besser als gefühlte tausend Zeitformen im Englischen. Polnisch ist eindeutig schwer zu erlernen.
    @Mike: Wo lernt man denn „Tuwort“ oder tu ich was verpaßt haben?

  6. „Schleichen tut sich der Hund mit dem Knochen in die Hütte.“

    Entscheidend ist einzig das finite Verb. Das ist in diesem Fall „tut“, und es steht mitnichten ganz am Anfang.
    Ganzamanfangstellung ist allerdings, außer in Fragen, auch in Imperativsätzen möglich. Glaubt es mir. Und zudem dann, wenn ein im Kontext besonders hervorgehobener Ausdruck die Position vor dem Verb besetzen könnte. Den kann dann man dann unter Umständen auch fallen lassen. Glaubt ihr mir jetzt aber bestimmt nicht.

  7. @ ke: Insofern als ‚Regeln‘ auch etwas sind, was man lernen muss. Eine gewisse Regellosigkeit vermindert – so gesehen – den Lernaufwand …

    @ Quax: Ich selbst habe nie russisch gelernt. Ich kenne aber noch das Gejaule meiner Kusinen und Cousins, die im größten Staatskindergarten aller Zeiten das Russische lernen mussten und nur herumstöhnten. Neben Aktiv und Passiv gäbe es bspw. noch ein ‚Medium‘, also eine selbstreflexive Verbform, die wir üblicherweise mit einem Pronomen wie ’sich‘ erlegen usw. Das aber sind alles ‚On Dits‘, die mir noch im Ohr herumklingeln …

    @ wivo: Das Bild vom ‚Volk der Dichter und Denker‘ hat damals die Frau von Stael in ‚De l’Allemagne‘ entworfen, wenn ich mich recht entsinne. Sie benötigte damals dringend etwas Anti-Napoleonisches. Mir persönlich gefiel Karl Kraus‘ Diktum vom ‚Volk der Richter und Henker‘ stets besser …

  8. „Eine gewisse Regellosigkeit vermindert – so gesehen – den Lernaufwand …“

    Von Flexibilität auf Regellosigkeit zu schließen, dürfte aber ein Kurzschluß sein.

  9. @ Quax: In der ersten Klasse Grundschule, bei Frau Ufmann 🙂

    @ David: Verb ist Verb, ob nun finit oder nicht; aber Dein Imperativsatz gefällt mir besser, danke. Vergieb mir das schlechte Beispiel.

  10. @ Mike: Verb ist zwar Verb, aber diese Wortart kann sehr unterschiedliche Satzglieder ausfüllen: in deinem Beispiel ein Objekt, in Davids Beispiel das Prädikat. Also: Verb ist doch nicht gleich Verb …

  11. „Verb ist Verb, ob nun finit oder nicht“

    Das kann man so sehen. Vergessen kann man dann allerdings Behauptungen wie „das Verb steht in Aussagesätzen prinzipiell nicht ganz am Anfang“ (selbst dann, wenn man fälle wie die von mir genannte Auslassung im Zusammenhang hervorgehobenen Materials beseite läßt). Zum einen ist nämlich die durch den bestimmten Artikel in „das Verb“ gegebene implizite Eindeutigkeitsvoraussetzung nicht erfüllt, weil die Anzahl der Verben im deutschen Satz nach oben hin theoretisch unbegrenzt ist. Zum anderen ist die Generalisierung dann schlicht falsch.
    Erstaunlich richtig ist sie aber gerade dann, wenn man sie auf das finite Verb bezieht, das auch meist gemeint ist. (Ob Klaus Jarchow es hier gemeint hat, teilt er am besten selbst mit, ich glaube aber, die Antwort zu kennen.) Diesbezüglich von „Verbstellung“ zu reden ist eine verwirrende Tradition, die vielleicht darauf zurückgeführt werden kann, daß Sprachwissenschaftler eine erst einmal aufgenommene Begrifflichkeit gewöhnlich nie wieder ablegen. Ändern läßt sich das, fürchte ich, nicht.

  12. @ David: Klar – ich meinte das ‚finite‘ Verb, also jenes, das auf das handelnde Satzsubjekt grammatisch eindeutig bezogen ist. Im ‚Perfekt‘ also bspw. immer das ‚Hilfsverb‘ …

  13. Deutsch hat diese bequeme Kruste in der Satzbau, da kann nicht viel schiefgehen, es sei denn, man verschiebe das Verb woanders. Das wäre dann ein Kapitalverbrechen.

    Ich habe Deutsch gelernt, als wäre es für mich keine Fremdsprache. Die Barierre der Befremdung ist wohl die höchste Hürde, die man überwinden muss. Ich kannte von vielen Mitstreitern diese panische Enttäuschung: „Warum so? Das hat doch keinen Sinn (i.e. verglichen mit der Muttersprache)…“ Ich habe es aber einfach so gelernt, wie es ist, ohne der Befremdung zu Opfer zu fallen. Daher mag ich Deutsch, dagegen mag ich das Enggelische nicht so (in der Schule aufgezwungen).

    Und ich sag’s Euch: Japanisch ist immernoch am einfachsten.

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