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Der Weg zum Alphajournalisten

Constantin Seibts großartiger Rant gegen die schwarzgelbe Hassgesellschaft hat Kreise gezogen. Bei Facebook wurde schnell die Verlinkungsgrenze erreicht und die Kommentarspalte im ‚Tagesanzeiger‘ will gar nicht mehr enden. Selten hat ein Mensch mit einem einzigen Artikel eine derartige publizistische Bugwelle ausgelöst, er schrieb offensichtlich das, was die Menschen wirklich hören wollten, er traf den Punkt. Spätestens seit dem 8. August 2011 ist er damit im erlauchten Kreise deutschsprachiger Alphajournalisten angekommen, in meinen Augen überragt er all das publizistische Pressfleisch der Matussek, Poschardt und Jörges sogar noch um einiges. Weil nur er es schaffte, zugleich einer bürgerlichen Leserschaft, einem wachsenden Netzpublikum und auch dem aufgeklärten Denken mit seinem Brandartikel „Der rechte Abschied von der Politik“ gleichzeitig zur Sprache zu verhelfen. Der Graben zwischen Netz und Presse wurde hier endlich einmal zugeschüttet.

In jener Nacht, wo Seibt diese Meinung wie im Rausch niederschrieb, hat er alle Standards bisheriger ideologischer Betrachtungsweisen verändert. Das Publikum in den Kommentarspalten ist nicht länger jenes, das in ‚Welt‘ und ‚Spiegel‘ die Kotzrinnen meterhoch mit Gülle füllt, hier artikuliert sich ein waches und aufgeklärtes Bürgertum, dem die übliche Presse schon längst kein Forum mehr bietet. Wagt sich dort doch einmal ein versprengter SVP’ler, ein neoliberaler Jubelperser oder ein anderes Plappermaul aus der Fraktion der Argumentarmen in diesen fortlaufenden Kommentar hinein, dann wird er höchst sachlich und fachlich so abgeledert, dass er das Wiederkommen vergisst. Das Publikum, das sich Constantin Seibt mit seinem Artikel erschrieben hat, ist zugleich jenes, von dem alle Verleger träumen.

Am erstaunlichsten für mich ist die Zahl jener Leser, die jetzt bekunden, ein Abonnement des ‚Tagesanzeiger‘ abschließen zu wollen. Wo immer unseren Zeitungsgranden wegen dahinschwindender Auflagen graue Haare wachsen – hier finden sie eine mögliche Remedur: In klarer und sachlich unterfütterter Meinung, die sich aus konservativen Gründen gegen den neoliberalen Zeitgeist stellt und alle Lügen unserer Gelfrisuren auch Lügen nennt, was zugleich den entnervten Nerv dieses neuen Bürgertums rezeptiv elektrisiert. Dass diese ideologische Re-Orientierung wiederum Konflikte mit den Anteilseignern provozieren muss, die ja als ‚kleine Murdochs‘ von dem großen Lügensystem profitieren, das ist auch klar. Hier stellt sich ihnen dann die große Frage: Machen wir eine Zeitung für das Publikum – oder machen wir eine Zeitung für die Aktionäre? Im Falle von Constantin Seibt war ersteres endlich mal der Fall. Vielleicht aber war es auch nur ein Betriebsunfall bei Tamedia …

Rezeptionsgeschichtlich ist dieser Fall natürlich ungeheuer interessant. Wenn sich Historiker später einmal fragen, wann denn die Abkehr von der großen Vernebelung durch Spin-Doktoren und PR-Industries eingesetzt hat, wann der Zeitgeist die Kurve kriegte, wann sich das aufgeklärte Bürgertum gegen das ‚Enrichissez-vous‘ ebenso überschaubarer wie selbsternannter Eliten erstmals stemmte, dann werden sie diese Artikel von Charles Moore und Constantin Seibt mit Sicherheit heranziehen müssen. Das eben ist die Natur publizistischer Taten. Constantin Seibt jedenfalls hat einen großartigen ‚Scoop‘ gelandet, der kämpferisch in diesen Sätzen gipfelt:

„Es lohnt sich, gegen die neue Rechte anzutreten: Sie sind keine konservative Partei, sondern eine revolutionäre. Sie sind eine Gefahr für die Wirtschaft. Sie sind Totengräber der Mittelklasse. Und Verbündete einer neuen Oligarchie des Geldes. Sie sind die Feinde der Zivilisation.“

Dahinter verbirgt sich ein neokonservatives Programm, das diesen Namen endlich verdient, weil es sich gegen den ökonomischen Anarchismus wendet. Solchen Positionen jubelt jetzt ein neues Bürgertum zu, Constantin Seibt hat ihm die Sprache zurückgegeben … the times they are a´changin …

Hinweis: Der Artikel ist in unredigierter Form jetzt auch in Constantin Seibts Blog zu finden …

1 Kommentar

  1. Ich weiß nicht, wo ich das zum ersten Mal hingeschrieben habe, vermutlich bei einem Kommentar auf ZEIT Online, und zwar im iirc Zusammenhang mit Stuttgart 21: Die Alternativen sind die neuen Konservativen. Sie wollen erhalten, was gut ist. Die alten Konservativen interessieren sich nur noch für sich selbst.

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