Wenn es darum geht, seinen Lieblingsfeinden böse Absichten unterzumunkeln, dann übertrifft kaum jemand den Ulf Poschardt. So sind die Grünen zur Zeit bei Wahlen höchst erfolgreich – sogar Deutschlands ultraliberalster Kolumnist muss das neidvoll konstatieren. Was aber müssen deren Siege dann sein? Genau – hohl müssen sie sein. Denn „hinter der Fassade … lauern Denkverbote, Opportunismus und programmatische Erschöpfung.“ So weit, so gewohnt, so grotesk – so durch und durch poschardesk.

Auf dieses Umfälschen alles Offensichtlichen zu bloßem Talmi will ich heute auch gar nicht hinaus. Mir geht es um diese „Regulierungswut„, die der Ulf den Grünen dort unterstellt. Bekanntlich wissen unsere grünregierten Schwaben in ihrem durchregulierten Alltag vor lauter Vorschriften schon seit einem Jahr weder aus noch ein. Aber der allgemeine Wahlpöbel ist ja dumm, meint unser Weltenschummler – und deshalb fällt er auf jeden Betrug herein:

„Ihre [= der Grünen] mausige Distanzierung von den Hartz-Reformen, ihre wüsten Umverteilungsideen, ihre rigide Regelungswut haben ihr Image in der Breite der Wahlbevölkerung kaum geschmälert.“

Mein Gott – so Poschardts implizite Conclusio – was ist mein Volk doch doof! Was er allerdings ‚Regulierungswut‘ nennt, das nennen andere schlicht ‚regieren‘. Denn alles ‚Deregulieren‘ ist bekanntlich leicht: Gesetze abschaffen, mit einem Federstrich Bewährtes streichen, hier was kürzen, dort was schmälern, den lieben Gott einen guten Mann sein lassen, und allen Wildsäuen aus der Wirtschaft konsequent das soziale Feld zum Umwühlen und Kahlfressen überlassen – das in etwa ist das ultraliberale Regierungsideal: Wo privat, da kein Staat zu machen. Man könnte dieses ‚Deregulieren‘ daher besser ein konsequentes ‚Nicht-Regieren‘ auf immer mehr Gebieten nennen. Gutwillige sprechen auch von schwarzgelber Regierungskunst.

‚Regulieren‘ wäre jedenfalls dann ein anderer Ausdruck fürs ‚Regieren‘. Die Wirtschaft weiß dies ja auch, sie haut immer nur den Popanz der anderen, während sie selbst ihre Angelegenheiten stramm durchreguliert. Ihr Gequake nach einem ‚Deregulieren‘ soll doch immer nur für den öffentlichen Bereich gelten. Da, wo es ‚privat‘ wird, wo es also um das Verhältnis der eigenen Würstchenfabrik zum werten Kunden geht, da wird die Beziehung immer mehr durch Regeln ’stranguliert‘ – auf Teufel komm raus.

Hat sich denn noch nie jemand durch das Kleingedruckte in Versicherungsverträgen gewühlt? Hat er noch nie mit qualmenden Mausrad sich durch die Geschäftsbedingungen einer Internet-Vereinbarung gequält, wo in schönster Juristen-Lyrik der mächtigere Vertragspartner sich von aller Verantwortung schon vorab völlig freischwätzt? Die Wirtschaft ‚reguliert‘ also ihren Beritt täglich ganz hervorragend, wer jemals gegen ein großes Unternehmen sich auf ‚Rechtssuche‘ begab, bis seine Haare grau wurden, der weiß dies auch. Poschardts Wut auf eine angebliche „Regulierungswut“ wäre also eher auf ökonomischer Seite mal angebracht. Um beispielhaft zu bleiben: Er soll doch nicht ewig von der Zahl Aigner’scher Arbeitskreise auf eine durchregulierte Landwirtschaft schließen. Selbst die wenigen kompensatorischen ‚Regulierungen‘, die es gibt – wie z.B. die schwarzgelb getünchte Verlagsindustrie-Dienstleistung namens ‚Leistungsschutzrecht‘ – die lassen sich wohl kaum den Grünen in die Schuhe schieben.

Aus dieser Perspektive ist die Forderung von Marktradikalen wie Ulf Poschardt nach einer ‚Deregulierung‘ schlicht nur ein Wortbetrugsmanöver, Public Relations also oder ‚INSM-Deutsch‘. Im Grunde ist es ein verbrauchtes Wort wie auch ‚Reform‘. Wer tatsächlich weniger Regulierung will, der soll erst einmal den Regulierungswahn unserer Privatwirtschaft kräftig schurigeln.

Nebenbei: Wenn der ‚Welt‘ weitaus Wirrster die Grünen als ‚bürgerliche Linkspartei‘ zurecht verortet, wenn die mit diesem ideologischen Stunt auch noch Erfolg haben, dann entgeht dem Ulf der naheliegende Schluss, dass wir dann wohl auch ein ‚linkes Bürgertum‘ bekommen haben. Auch die Verrenkungen der Union, die so gern dort ankommen würde, wo ihr Bürgertum neuerdings ist, sprechen für diesen Befund. Da aber nicht sein kann, was nicht sein darf, kann unser Ulf die Welt auch nicht mehr adäquat beschreiben. Allenfalls eine Welt für die ‚Welt‘ …