Stilstand

If your memory serves you well ...

Der Plauderton

Er biete doch nur Plaudereien, musste sich Don Alphonso vorwerfen lassen, als er es wagte, die verschworene Gilde der Feuilletonisten in seinem FAZ-Blog auf die Schippe zu nehmen. So ganz nebenbei führte er ihnen in zwei aufeinander folgenden Texten vor, wo der Frosch die Locken trägt, was also der Unterschied sei zwischen den hochgestemmten geistesgeschichtlichen Zitaten, den ausgeleierten Reminiszenzen und emsig gepflegten Fremdwortsammlungen des Feld-Wald-und-Wiesen-Feuilletons – und jenen neuerdings sich immer mehr artikulierenden ‚Blog-Tönen‘ ungehemmter Subjektivität, die nur auf eigenen Spuren wandeln. Ein Sound, der alle besseren und geleseneren Blogs zu kennzeichnen beginnt. Das neue Medium schafft sich seine neue Sprache.

Auch mir platzte dort der Kragen, ich verwickelte mich in Gebelfer mit einer gewissen Rosinante in den Kommentaren – und will hier ein wenig ausführlicher erläutern, weshalb das scheinbar Mühelose, das Abschweifend-Digressive und das Anekdotische zugleich die allerschwerste Textsorte ist, die ein Schriftsteller und Journalist überhaupt zu beherrschen vermag. Mir geht es um die Ehrenrettung des Plaudertons.

Um hier gleich mit einem Schwergewicht ins Haus zu fallen, habe ich einfach in den Festmeter meiner Tucholsky-Ausgabe hineingegriffen und den Band VII erwischt. Das tat ich deshalb, weil Kurt Tucholsky ein Meister dieser ewig unterschätzten anekdotisch-geistblitzenden Stilform ist (ich hätte aber auch Fontane, Polgar oder Roth wählen können). Der Text No. 130, den ich im Buch blindlings aufschlug, trägt den Titel „Paris, den 14. Juli“ (GA VII, 358 ff). Siegfried Jacobsohn, der Herausgeber der ‚Weltbühne‘, hatte sich von seinem geliebten Panterchen einen umfänglichen Text zum französischen Nationalfeiertag des Jahres 1925 gewünscht – was sich gut traf, da Tucholsky zu jener Zeit vor dem deutschen und Berliner Elend längst in sein neues Paradies an der Seine geflohen war.

Jeder Durchschnittsjournalist hätte bei solcher Gelegenheit die Guillotine noch einmal klappern lassen, die Köpfe wären blutbespritzt in die Körbe gerollt, bei ihm wäre es ohne Zitate von Danton, Robespierre, Marat oder Saint Just wohl nicht abgegangen, aus den Festreden der Politiker wäre ausgiebig referiert worden, Panzer und Regimenter wären die Avenue des Champs Elysées auf und ab paradiert, und selbst die Bastille hätte das „siegreiche Volk“ wohl erneut stürmen müssen. Wobei uns der Schreiber dann stenzhaft und staatstragend versichern würde, dass solch anarchische Zustände heutzutage, in einem zivilisierten und befriedeten Gemeinwesen, glücklicherweise gar nicht mehr nötig seien. Tucholsky aber beginnt den Text mit der Überschrift „14. Juli“ mit einer handfesten Digression, einer Abschweifung ins ferne Irgendwo:

„Ludwig Fulda, dieser – wie ihn Efraim Frisch einmal genannt hat – „Seiltänzer auf dem Parkett“, weist unter seinen gedichteten Schriften auch das Drama eines dicken Seeräubers auf, der alt geworden ist und keineswegs mehr so romantisch kann, wie die Frauen das von ihm erwarten. Ich habe das Stück nicht gelesen, aber ich bin davon überzeugt, daß dieses schöne Thema rettungslos verpfuscht und verniedlicht ist. Ein dick gewordener Cäsar … nein, mehr: ein bürgerlich gewordener Held, einer, der morgens beim Kaffee die Zeitung liest, hier und da einmal nachsieht, wie denn das damals in dem Seegefecht bei den Azoren war, und grundsätzlich auf keinen Dampfer mehr geht, weil es nun genug ist … Aber er erinnert sich doch gern.“

Je nun – was soll uns das? So fragt sich der verdutzte Leser, der auf den üblichen Leierkasten gespitzt ist, auf dem der Durchschnittsfeuilletonist bei solchen Gelegenheiten seine Weisen zu orgeln pflegt – und nicht auf mediokre Namen wie Ludwig Fulda, die nur Spezialisten noch kennen. Tucholsky führt uns ohne erkennbare Verknüpfung dann weiter, dahin, wo von der Bastille nichts mehr zu sehen ist – „ein paar Steine stehen noch in Paris herum“ – kurz und metaphorisch gefasst: die Revolution sei graueste Vergangenheit, längst zum allgemeinen Nutzen recycelt. Allmählich beginnt dann aber das Eingangsbild symbolisch zu schimmern: Der alte, impotente und saturierte Seeräuber, der sei – ohne dass Tucholsky selbst diese Scharade auflöst – mit dem tumben Volk gleichzusetzen, welches Freiheit heute als Freizeit gründlich missversteht:

„Sie denken sich nichts weiter dabei, als daß eben frei ist, und diese Freiheit heißt: einmal nicht arbeiten müssen … Es ist wie ein religiöser Feiertag für Leute, die nie in die Kirche gehen. Es ist eben heute frei.“

Umstandslos wechselt der Text aufs politische Terrain. Eine Bastille könne heute schon deshalb nicht mehr gestürmt werden, weil die Zwingburgen längst zahllos seien und übers ganze Land verstreut lägen, auch und vor allem in den Kolonien: „Wo steht heute die Bastille?“, fragt Tucholsky – dies der Kern seines mäandernden Textes. Um mit einem überraschenden Bild zu schließen. Der festlich illuminierte Eiffelturm vertritt die Stelle der verschwundenen Bastille, das neue revolutionäre Ziel, der industrielle Despotismus, gewinnt Gestalt:

„An Wochentagen aber strahlt [der Eiffelturm] als Reklame. Herr Citroen hat sich das Recht gekauft, die Buchstaben seines Namens von oben nach unten auf den Turm zu malen, und nun flammen sie da in die Nacht hinaus, groß und deutlich und schreiend. … Da ragt der Eiffelturm in die Nacht, in den hellen Lichtern seines republikanischen Freudenfeuers. Darunter, fast verdeckt, undeutlich und doch erkennbar, die Buchstaben eines Namens, eines Programms, einer Ursache.“

Mit diesen Sätzen endet dieser Bericht, der uns im Plauderton, mit kleinen Beobachtungen und im anekdotischen Stil ein wildes ‚Dit und Dat‘ geboten hat – einen Querbeet-Parcours von senilen Piraten über tanzende Kleinbürger und über die französische und englische Kolonialpolitik bis hin zu Citroen und zum Eiffelturm. Obwohl Worte wie ‚Konvent‘, ‚Bergpartei‘ oder ‚Guillotine‘ im Text gar nicht vorkamen, haben wir mehr über die fortwirkende Bedeutung der französischen Revolution – nicht nur für Tucholskys 20er Jahre – erfahren, als in den gelehrtesten Feuilletons eines Durchschnittsjournalisten.

Ob Tucholsky mit seinen Plaudereien recht hat? Ja, was tut das letztlich zur Sache? Zunächst einmal ist dies nur ein grandioser Text, von dem manche Feuilleton-Redaktion ein Jahr lang zehren könnte. Wer aber heute auf unsere Bankster schaut, die unbeirrt ihre Zertifikate verticken und feixend auf turmhohen Boni thronen, der könnte schon auf gewisse Gedanken kommen.

Der geborene ‚Causeur‘ jedenfalls, wie Fontane sich selbst und den hier vorgestellten Typus des Erzählers nannte, der versteht es, das Entlegenste durch ein inneres Band zu verknüpfen, ein Thema assoziativ zu umkreisen, indem er, oberflächlich gesehen, ständig sein Thema verfehlt, er kann Tiefstes in Anekdotisches kleiden.

5 Kommentare

  1. „Rosinante“, übrigens, schreibt heute in Dons FAZ-Blog ziemlich vom Thema „Der Tod kommt zurück…“ abweichend:
    —>
    Rosinante
    26. April 2010, 14:34

    Könnte man in Niedersachsen, wo bald die Kreuze in den Schulen verboten werden, den freiwerdenden Platz nicht für ein schön gerahmtes Bild von Che Guevara (wahlweise Rosa Luxenburg) und ein zweites von Groucho Marx (wahlweise Jeanne d’Arc) nutzen?
    <—–

  2. Die Schule braucht überhaupt keine Ikonen – selbst wenn es das Bildnis Heimito von Doderers wäre!

  3. Erinnert mich an den alten Witz: ‚Chef, das neu Bild des Führers ist da, was soll ich damit machen?‘ – ‚Tja, aufhängen oder an die Wand stellen, das ist hier die Frage …‘

    Diese Plaudertondebatte … ich kenne das, wenn Kunden hinterher rumfeilschen, ‚das hätte ich auch selber schreiben können‘. Das Leichte ist gar so schwer und doch, gerade in Deutschland so schlecht angesehen. Der teutsche Leser liebt sein Bleiernes, er möchte komplexe Inhalte auch noch schwerverständlich verpackt haben, viele griechisch und lateinisch anmutende Vokabeln, Satzkonstruktionen, die kurz aussehen, aber laaaaaaaang brauchen.

    Und doch, gleichzeitig nichts als Fakten, Fakten, Fakten, geradlinig ’sagen, was Sache ist‘, bloß keine Nuancen, keine Analysen, keine Gedankensprünge, die womöglich zum Denken anregen. Querdenker wollen sie sein, bleiben bloße Querleser.

  4. Gehe ich Recht in der Annahme, dass auch Ihr schöner Text vom Plaudertonfall Don Alphonsos inspiriert ist? (Sie schreiben doch sonst rationaler, stringenter.) Würde mich freuen, wenn die geistige Leichtigkeit wieder in Mode kommt, vielleicht lern ich sie sogar einmal selber …

  5. @ damals: Sachlich gehe ich in vieler Hinsicht mit dem Don nicht konform, da sind wir wohl zu verschieden, aber schreiben kann er – alle Achtung! Zumindest schreibt er besser als all jene, die ihn als bloßen ‚Motzblogger‘ abtun möchten. Kein Wunder, dass er bei dem Zwergenaufstand manchmal ausfallend wird …

    @ Dierk: Sie denken, wenn sie schweres Geld bezahlen, möchten sie auch schwere Texte dafür bekommen. Wer hingegen so schreibt, dass es jeder versteht und jeder den Sätzen zu folgen vermag, der hat geschäftlich die Arschkarte gezogen – auch wenn die Auftraggeber so etwas selbst nie im Leben in Zeilen zwingen könnten. Für ‚Leichtigkeit‘ geben sie doch ihr gutes Geld nicht aus. Sie haben halt so ihre Vorstellungen, die sich zumeist nach dem richten, was der Wettbewerb macht. In der Folge näselt das dann unisono und fürnehmst daher, denn der Kundenwunsch ist ja Befehl, obwohl kein Leser mehr weiß, wer hier Koch und wer Kellner ist – und worum’s eigentlich geht. Verbaler Puffmais …

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