Stilstand

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Der Mittelstand

Ich dachte heute wieder scharf an eine frühere Wahrnehmung, wie falsch die gewöhnliche, allgemein verbreitete Annahme ist, daß der sogenannte Mittelstand den größten Wert habe, die wahre Kraft des Staates bilde, den stärksten Halt der Sitten u.s.w. Nein, alles geht in ihm unter, alles wird matt und klein, wo er herrscht. In der Fülle des Reichtums und der Macht, und in Armut und Bedrängnis, in beiden Gegensätzen, entwickelt sich Großes und Herrliches weit öfter und leichter, als im elenden Mittelstande.“
Karl-August Varnhagen von Ense, Tageblätter, 10. Februar 1840

 

2 Kommentare

  1. Ein ‚positiver‘ Beitrag zum Thema:

    Der „Mittelstand“, gar der elende oder verelendete, findet sich in der deutschen Literatur von verschiedenen Autoren formuliert:

    Karl Bleibtreu in „Bismarck. Ein Weltroman in 4 Bänden“ (1915). (Kapitel ‚Die Brand- [ach, was°! Natürlich]: Feuerprobe’):
    „Bei uns lag der Urgrund aller Friedenssehnsucht nur in niedriger Selbstsucht des Individuums, das sein Behagen nicht geschmälert sehen mag, vielen Friedensschreiern ging es gar nicht schlecht, der verelendete Mittelstand hielt am geduldigsten aus. Wir möchten keineswegs magisterhaft die ideale Forderung präsentieren wie Ibsens Gregers Werle, man darf von ungeläutertem Menschentum nichts Ideales fordern. Dann muß also die Strenge des Staatsgedankens, individuelles Bedürfnis rücksichtslos mißachtend, das Ganze aufrechterhalten.
    http://gutenberg.spiegel.de/suche?q=elende+Mittelstand
    Zu Bleibtreu:
    Er ist ein Autor an der Grenzelinie zwischen expositorischer und fiktionaler Literatur; „Fachmann“ im Naturalismus:
    http://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Bleibtreu

  2. Tscha – dieses Ich-Monster Karl Bleibtreu, der so ziemlich an allem litt, nur nicht an Selbstunterschätzung …

    Mein Zitat steht hier ja nur, um dem allzu bequemen Mainstream-Gedudel vom Mittelstand mal einen Felsbrocken aus Worten vor die Füße zu werfen. Es heißt nicht, dass ich mit dem Varnhagen d’accord gehe. Trotzdem wollen wir doch nicht ganz vergessen, dass zum Beispiel der Nationalsozialismus im Kern eine Mittelstandsbewegung war: Rechtsanwälte, Lehrer, Beamte, Bauern, Unternehmer, leitende Angestellte, Offiziere, Freiberufler …

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