Nein, es ist wahrlich kein Sommermärchen, was die schwarzgelbe Koalition derzeit durchleidet. Einigkeit wird zunehmend zu einem knappen Gut – und metaphorisch fallen auch mir nur noch kakelnde Hühnerhaufen statt harmoniebedachter Symphoniker ein. In der Presse klingen derzeit die Berichte aus unserem Heimatland Kakaphonien so:

Bislang hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nur offiziell mitteilen lassen, dass es noch vor der Bundestagswahl 2013 Entlastungen für kleine und mittlere Einkommen geben werde, allerdings noch nicht im kommenden Jahr. Schäuble machte nach tagelangem Schweigen am Wochenende dagegen deutlich, dass er trotz starker Konjunktur und steigender Steuereinnahmen kaum Spielraum für größere Entlastungen sieht.(kurzum: der eine meint dies, der andere das, jeder Vorschlag wird zu Konfetti)

Wenn aber die Koalition schon kein Sommermärchen erleben darf, dann ließe sich vielleicht stattdessen der Märchenton in die Berichterstattung einführen. Dieses Genre zeichnet sich durch seine betonte Schlichtheit in Satzbau und Wortwahl aus – vor allem aber durch konsequente ‚Entindividualisierung‘: Statt konkreter Personen trifft der Leser auf ‚personifizierte Rollen‘, statt mit ‚Angela Merkel‘ hat er es mit ‚der Kanzlerin‘ zu tun, und wenn dann doch mal ein Name auftaucht – bspw. Rumpelstilzchen, der Däumling, Kalif Storch – dann wurde der Protagonist fern vom Alltag getauft. Prompt umgibt den Text ein magischer Klang:

„Mißmutig saß die Kanzlerin im großen Saal und seufzte. Erneut hatte der Schatzmeister ihr den Tag verdorben. Zu gern wollte sie wohltätig sein, und beliebt im Volk. Dieser finstere Mann mit den zusammengekniffenen Lippen aber zeigte mit dürrem Finger immer nur mahnend auf leere Schatullen. „Die braven Leute draußen im Land haben doch genug zu essen“, greinte die Kanzlerin, „alle Räder drehen sich, die Schiffe fahren – warum nur sind meine Schatzkisten so leer?“

In diesem Moment betrat ihr Chefdiplomat Vitzliputzli den Saal. „Nicht auch das noch!“, stöhnte die Kanzlerin in sich hinein. Nach außen aber tat sie freundlich: „Was bringt ihr mir, guter Mann?“. „Die Lösung der Finanzkrise, Frau Kanzlerin“, strahlte Vitzliputzli gut gelaunt und tänzelte vor ihr auf und ab. „Wie das?“ „Alles ist im Grunde ganz einfach“, antwortete Vitzliputzli, „bei einer meiner Reisen in ferne Länder besuchte ich den großen Magier Sinn Sala’a Bin – und der enthüllte mir das Geheimnis Gold zu machen“.

„Lasst hören, guter Mann“, sagte die Kanzlerin, bei der sich nun doch Interesse regte. „Es ist ganz einfach“, erwiderte Vitzliputzli, „wir müssen nur alles Gold und Geschmeide, alles, was überhaupt noch in den Schatullen zu finden ist, mit beiden Händen zum Fenster hinauswerfen, schon kommt auf magische Weise das Geld vertausendfacht von den dankbaren Bürgern zurück.“ Die Kanzlerin tippte sich an die Stirn: „Wenn der Vitzliputzli doch nur einmal ernsthaft sein könnte“, dachte sie …

Ein Märchen? – Na klar, das ist ein Märchen …