Stilstand

If your memory serves you well ...

Der Limbo beginnt

Wie vorhergesagt – wir treten in die Zeit der Schlangentänze ein. Hubert Burda will plötzlich gar kein Leistungsschutzrecht mehr, jedenfalls dann nicht, wenn Google streng auf der Grundlage ihres Gesetzes plötzlich so gemein zu ihnen ist. Ihr nagelneuer Daddelautomat wird schließlich nur dann richtig bedient, wenn jemand auch Geld in den Schlitz wirft:

‚Der Präsident des Beschwerdeführers, der Verband Deutscher Zeitschriftenverleger (VDZ), Hubert Burda, erklärte: „Wenn Google nicht umgehend grundlegend verbesserte Vorschläge präsentiert, rufen wir die EU-Kommission auf, alle ihr zur Verfügung stehenden rechtlichen Instrumente zu nutzen, einschließlich einer formalen Mitteilung der Beschwerdepunkte mit effektiven Abhilfemaßnahmen. Eine faire und diskriminierungsfreie Suche mit gleichen Kriterien für alle Webseiten stellt eine essentielle Voraussetzung für eine erfolgreiche Entwicklung des europäischen Medien- und Technologiesektors dar.“

Das klingt für mich ziemlich hohl, und stark nach der Ameise, die sich auf dem Rücken des Elefanten halten konnte, nachdem sich der einmal schüttelte: ‚Hubi, würg ihn!‚ Die Sprache wirkt durchweg martialisch: ‚Umgehend‘ und ‚grundlegend‘ soll Google etwas tun, während es in der Folge, bei den Konkreta, doch merklich unkonkreter zur Sache geht. ‚Formale Mitteilungen‘ und ‚effektive Abhilfemaßnahmen‘ soll es subito geben, und zwar mit ‚allen der Kommission zur Verfügung stehenden Instrumenten‘. Sind das jetzt eher ein oder zwei – oder vielleicht gar keine? Es fragt sich also, welche Folterinstrumente das – bitte schön – denn sein sollten? Und was spielen sie auf diesen ‚Instrumenten‘ bloß für eine Melodie: ‚Muss i denn, muss i denn zum Städtele hinaus‚?

Schließlich haben die anderen europäischen Länder das Problem ja gar nicht, weil die Verleger dort nicht freiwillig derart vor die Wand gerannt sind. Fakt ist, ein deutscher Sonderweg soll auf der Ebene europäischer Rechtshilfe mit Gold gepflastert werden, weil’s national nicht geklappt hat. Denn – so Burdas kühne Behauptung – eine ‚diskriminierungsfreie‘ Umgehung des LSR stelle eine ‚essentielle Voraussetzung‘ für mehr Rendite dar – also für die ‚erfolgreiche Entwicklung des europäischen Mediensektors‘ (unter ‚europäisch‘ tun wir’s mit unserer deutschen Besonderheit ja längst nicht mehr). Damit meint er wohl, dann, wenn Google den teutonischen Wegelagerern endlich ohne Widerrede die Knatter rausrückt. Am liebsten hätten unsere Ameisen, glaube ich, den kompletten Google-Algorithmus, aber auf einem Silbertablett. Was kommt als nächstes? Fordert ‚Vilsa‘ die Coca-Cola-Rezeptur?

Ich denke mal, Google wird ihnen was husten. Sollen sie sich ihre eigene Suchmaschine basteln, wo ‚Bild‘ und ‚Focus‘ wie von selbst immer ganz weit vorn stehen. Das passt auch besser zum intellektuellen Niveau …

Nachtrag: Die Schweizer Verleger, die ja auch rechnen können, sind übrigens durch das deutsche Beispiel schon mächtig schlau geworden: «Ein Leistungsschutzrecht ist für den Verband kein Thema mehr.»

7 Kommentare

  1. Burdas Einlassungen sind ja doppelt komisch. Google hat [bisher] ja nur die Verlage drum gebeten, einer Aufnahme in Google NEWS zuzustimmen – oder draußen zu bleiben. Die Suche ist gar nicht betroffen; und der ein oder andere Verleger hat auch schon das Gesetz dahingehend interpretiert, dass Snippets eh nicht darunter fallen.

    Zum anderen ist da natürlich wieder das, sagen wir, seltsame Konzept freien Handelns in einem freien Markt, die Herr Burda da nach außen trägt. Erst heulen, dass eine Leistung von jemandem gestohlen wird, wenn der angebliche Dieb dann entscheidet, dass er lieber gesetzestreu wird, ein weiteres Gesetz zur Gleichschaltung fordern: Ihr habt uns zu bestehlen, und nur uns, niemanden außer uns – aber dafür müsst ihr uns auch bezahlen.

    Nicht sehr geehrter Herr Burda, so funktionieren weder die freie Marktwirtschaft [da gewinnt am Ende der, der die meisten Straßen, Häuser und Hotels hat] noch die soziale. In jeder – JEDER! – Wirtschaft gibt es Leistungsanbieter und potenzielle Kunden, die sich entscheiden, wem sie eine Leistung für eine Gegenleistung abnehmen. Zwang kommt da nicht vor.

  2. Nun ja – es ist schon eher GEMA als Marktwirtschaft, was ihnen da vorschwebt. Doch ach, es ist nur ein Nebelstreif …

  3. Thorsten Gorch

    26. Juni 2013 at 20:44

    Ach, lasst doch Google einfach sterben. Burda und Liz haben das schon im Griff, den hinter der Paywall ist das goldene Land.

    BTW – ob in einigen Monaten die Preise für professionelle Lohnschreiber so weit unten ist das auch ich mir mal ’ne Kolumne in den Leitmedien leisten kann?

  4. Hinter der Paywall beginnt die Steppe: Ein Journalismus neuer Art, ganz ohne Publikum …

  5. Thomas Hanke

    27. Juni 2013 at 10:06

    „Schließlich haben die anderen europäischen Länder das Problem ja gar nicht, weil die Verleger dort nicht freiwillig derart vor die Wand gerannt sind.“
    Belgien 2011(?): Gericht entscheidet zugunsten der Verlage (Medien?); Google setzt um; Medien: mon dieu / god verdomme.
    Zahlen die nicht sogar jetzt an Google?

  6. Thomas Hanke

    27. Juni 2013 at 10:11

    https://www.google.de/search?q=belgien+Google+leistungsschutzrecht

    Zumindest auch noch abgewendet in Frankreich. Da hat Google nur 60 Mio. an Anteil an einem Lobbyfonds ‚verloren‘.

  7. Ja, unsere Nachbarn haben den Kampf bloß nicht so martialisch und verbissen geführt. Hier wissen sie doch gar nicht mehr, wie sie von ihrem hohen Ross namens Rosinante herunterkommen sollen. In Frankreich zahlt Google jetzt ein paar Peanuts in eine ‚Stiftung‘ oder ein ähnliches Konstrukt ein, was gezielt die Kompetenz beim Umgang mit neuen Medien stärken soll. Vermutlich kam dieser Kompromiss zustande, damit die Verleger auch ein bisschen was in Hand halten durften, um damit herumzuwedeln. Auf so etwas ähnliches wird dieses Hornberger Schießen wohl auch hierzulande hinauslaufen, nehme ich mal an. Ich wäre dann aber auch für Pflichtkurse zum Thema für Verleger …

    In Belgien übrigens gingen die Verlage damals meines Wissens ziemlich nackt vom Hof. Google listete sie einfach nicht mehr, daraufhin krochen sie brav zu Kreuze. Gut, ein gewiefter PR-Fritze findet in jeder Suppe natürlich auch eine Trüffel …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

© 2016 Stilstand

Theme von Anders NorénHoch ↑