Ich werde an dieser Stelle einfach hin und wieder in meine Regale greifen und ein paar Buchempfehlungen abgeben, wobei ich mich keineswegs an Aktualität und Marktgängigkeit orientiere, sondern eher im Gegenteil daran, ob es sich – in meinen Augen – lohnt, diese Bücher zu lesen. Hierbei gilt für alle Interessierten: Wozu gibt es Antiquariate?

Oberschichts-Sozialismus

Oberschichts-Sozialismus

George Bernhard Shaw’s Bibel des Fabiertums erschien im Jahr 1928 auf deutsch. In ihr stellt der Autor, der weite Teile des Programms der englischen Labour Partei verfasste, seinen evolutionären Weg zum Sozialismus vor. Der Sieg im Klassenkampf ist hier noch ganz und gar der Sieg der besseren Argumente, keineswegs eine ‚Expropriation der Expropriateure‘.

Seine intellektuelle Basis hatte Shaw in der Fabian Society, benannt nach dem römischen Feldherrn Fabian Maximus Verrucosus, der als ‚Zögerer‘ in die Geschichte einging – und so seine historischen Siege errang. In dieser Gesellschaft, zu der bspw. auch H. G. Wells oder Bertrand Russell zählten, dominierte Shaw, dieser brilliante und witzige Redner, alle anderen Mitglieder. In seinem ‚Wegweiser‘ fasste er alle Argumente für einen ‚Oberschichts-Sozialismus‘ der Intelligentsia zusammen: Gewissermaßen aus ‚enlightend self-interest‘ (Adam Smith), aus ‚aufgeklärtem Selbstinteresse‘ also, sollten die herrschenden Klassen den Weg zum sozialen Ausgleich beschreiten.

‚Idealismus‘, ‚bürgerlicher Illusionismus‘ – das waren die Vokabeln, mit denen die eher aktivistisch ausgelegten orthodoxen Popen diverser Marxismen auf solche und ähnliche Texte eindonnerten. Nur wird solche Kritik dem Text einfach nicht gerecht, der bis heute eine große Schule des Witzes und der Argumentation geblieben ist – etwas, woran es der politischen Linken notorisch mangelt. Hierfür ist Bernhard Shaws politisches Meisterwerk ein Vademecum. Abschließend nur ein Zitat, weil es so schön in die derzeitige Landschaft passt (S. 354):

„Gelingt es einer Klasse oder Clique, oder einem Gewerbe, das Parlament zu beherrschen, so kann sie ihre Macht benützen, um zu ihrem eigenen Vorteil jede andere Klasse, jedes Gewerbe auszuplündern, ganz zu schweigen von der Nation als unteilbarem Ganzen. Ein solches Vorgehen verkappt sich natürlich immer als Reform der einen oder anderen Art oder als politische Notwendigkeit. Aber in Wirklichkeit sind es Intrigen, um den Staat zu selbstsüchtigen Zwecken zu mißbrauchen. … Schurken, die ihr eigenes Süpplein kochen wollen, müssen volkstümliche Reformen als Köder benutzen, um Stimmen für Parlamentsgesetze zu gewinnen, an denen sie irgendein persönliches Interesse haben. Überdies sind alle Reformen für irgendwen einträglich.“

Jaja – ‚alle Reformen sind für irgendwen einträglich‘ – – – warum nur muss ich in letzter Zeit, seitdem ich täglich die Thesen des Neoliberalismus den Bach hinab treiben sehe, so viel an die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft denken: