Stilstand

If your memory serves you well ...

Der Fischmarkt duftet

Professionelle Marktbeobachter wissen genau, wo ihre dahinschwindenen Kunden zu finden wären. Es nützt ihnen nur wenig. Die erwünschten jungen und kaufkräftigen Zielgruppen, die lesen kaum mehr Zeitungen, sie schauen immer weniger fern. Und das werbedurchblökte Formatradio – ob privat oder öffentlich-rechtlich – gilt in manchen Kreisen längst als ‚Nervmedium‘ schlechthin. In ihrem Alltag, der sich im Internet abspielt, wird die Werbung, wo immer dies möglich ist, mit Ad-Blockern, mit Spam-Filtern und anderen hilfreichen Instrumenten als bloß noch lästig ausgeblendet und eliminiert. Der autonome Verbraucher der Generation 2.0 will von dem Gedudel und Geplärre hochgestemmter Superlative immer weniger wissen – und zugleich besitzt die Werbung in der neuen Medienwelt nicht mehr die alte ‚Macht der Unvermeidlichkeit‘, sie vermag der Aufmerksamkeit des Konsumenten nicht mehr den Fuß in die Tür zu stellen.

Ihre informationellen Bedürfnisse stillen die neuen emanzipierten Verbraucher stattdessen in Blogs, Communities oder Foren, wo sie sich untereinander über die Vorteile und Nachteile von Produkten austauschen. Oft genug ganz und gar nicht zum Wohlgefallen der Hersteller.

Diese Orte, an denen heutzutage ‚der Schwarm‘ – einstmals ‚Masse‘ genannt – sich niederlässt und freiwillig kooperiert, diese Orte sind mit den traditionellen Massenmedien und ihrer Wirkungsweise kaum zu vergleichen. Die Medienwelt erlebt einen Paradigmenwechsel: Gatekeeper und Medienportale haben ihre Funktion deshalb verloren, weil es keine Mauern und Zugangsbarrieren rings um die publizistische Landschaft mehr gibt. Heutzutage artikuliert sich im Prinzip jeder, der will, auch öffentlich – ganz ohne exorbitante Vertriebs- und Druckkosten, die zuvor den Marktzugang regulierten. Die Habermas’sche Welt gepflegter Diskurse, wo einige intellektuelle Mandarine stellvertretend den Willen einer allgemeinen Vernunft verkündeten, die doch nur die ihre oder diejenige ihrer Auftraggeber war, die versinkt hinter dem Horizont.

Das Phänomen des dahindiffundierenden Wählers und Konsumenten, der in die endlosen Weiten des Internet flüchtete, das Phänomen hat eben nicht nur für die Verleger Folgen, sondern vor allem auch für das Marketing und für die Werbung. Die Agenturen, die Art Directors usw., die werden zunehmend irrelevant: Die Peer Groups mit ihren Chats und Thread-Kommentaren ersetzen Litfass-Säulen, TV-Spots und 4-C-Plakate, der ‚Link‘ ersetzt das Response-Kärtchen des Direct Mailings, der Spam-Filter sagt den SEO-Strategen: „Ihr müsst leider draußen bleiben!“.

Mit anderen Worten: Wir leben nicht nur mitten in einer unaufhaltsam ablaufenden Medienrevolution, sondern vor allem auch in einer Marktrevolution – die Menschen emanzipieren sich in einer unfassbaren Geschwindigkeit von altgewohnten ‚Leitmedien‘ und von den Massenmärkten der Vergangenheit. Ganze Wirtschaftsbereiche werden künftig umdenken müssen, sie werden Teil des Schwarms oder nicht mehr sein. Das heißt unter anderem, dass sie andere nicht mehr ‚dichtquatschen‘ können. Denn die bisherige Werbung war doch nur ein Spezialfall des Trolltums …

1 Kommentar

  1. „das werbedurchblökte Formatradio – ob privat oder öffentlich-rechtlich – gilt in manchen Kreisen längst als ‚Nervmedium‘ schlechthin.“

    Es IST ein Nervmedium. Oder, in Deutsch: es ist der Missbrauch eines vormals wichtigen Mediums, das uns nur noch auf die Nerven geht.

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