Stilstand

If your memory serves you well ...

Der feuchte Finger

Gerade in Zeiten des Medienwandels hat der Beruf der Kassandra Konjunktur. Hier warnt uns der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Lesen vor den verderblichen Folgen dieses absolut sozialschädlichen Zwischennetzes, das doch bekanntlich nur legasthenische ‚Lese-Zapper‘ produziere:

„Die regelmäßig von der Stiftung Lesen im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung erstellten Studien zum Leseverhalten in Deutschland belegen, wie sehr „Lese-Zapping“ zunimmt. Texte werden nicht als Ganzes rezipiert, oft wird eine Passage übersprungen – oder die Lektüre abgebrochen.“

Da ich nun altersbedingt jene ‚guten alten Zeiten‘ kenne, wo noch kein Bildschirm die Schreibtische zierte, kann ich mir einen Vergleich zwischen Einst und Jetzt nicht verkneifen. Auch in jener grauen Vorzeit habe ich manche Bücher nur mit dem feuchten Finger gelesen, dabei nicht nur einige Absätze überflogen, sondern ganze Kapitel überschlagen, ja so manches Buch habe ich nach zehn oder zwanzig Seiten entnervt in die Ecke gefeuert. Kurzum – das ‚Lese-Zapping‘ ist so alt wie die Lektüre: Unsere kulturbarmenden Weltuntergangspropheten beschwören ständig einen Mythos von einem besseren Gestern, dessen Faktenferne jede empirische Untersuchung ratzfatz zu Konfetti schreddern würde. Ganz abgesehen davon, dass die Stiftung Lesen ihrem Namen zum Trotz völlig unfähig scheint, selbst etwas Lesenswertes zu produzieren:

„Gesellschaft, zumindest im Kleinen, aktiv mitzugestalten: So lautet das Hauptmotiv ehrenamtlicher Helfer in Deutschland. Unabhängig vom Feld, in dem sie tätig sind. Der Anstieg des entsprechenden Engagements im Bereich Leseförderung ist daher auch ein Indiz dafür, dass die gesellschaftliche Relevanz dieses Themas zunehmend in den Blick kommt.“

Beckmessern wir mal ein wenig an der ‚Stiftung Lesen‘ herum: „Gesellschaft, zumindest im Kleinen, aktiv mitzugestalten [falscher Infinitiv]: [hier besser Gedankenstrich statt Doppelpunkt] So lautet das Hauptmotiv [nebenbei, was wären denn ‚Nebenmotive‘?] ehrenamtlicher Helfer in Deutschland. Unabhängig vom Feld, in [‚auf‘ wäre hier die korrekte Präposition!] dem sie tätig sind [‚tätig sein‘ ist bekanntlich eines der denkbar schwächsten Verben, ein Allwetterjäger für notorisch Spracharme]. Der Anstieg des entsprechenden Engagements im Bereich Leseförderung [eine solche attributive Maulsperre tötet jede Lesbarkeit] ist daher [woher noch bitte?] auch ein Indiz dafür, dass die gesellschaftliche Relevanz dieses Themas [typische Politikerstanze, klingt zwar bedeutend, besagt aber nichts] zunehmend [abnehmend?] in den Blick kommt [jaja, ich sehe es vor mir, wie der Blick des Lesers ‚zunehmend kommt‘ und ganz schnell wieder flieht].“

Bester Rolf Pitsch, hat nicht der heutige Leser jedes Recht, angesichts dieses Wortmülls, den Sie ausgerechnet in Ihrer so grottenfalsch benannten ‚Stiftung Lesen‘ dem Publikum unverdrossen in die Tröge kippen, hat dieser Leser da nicht das Recht, ausgiebig ‚Lese-Zapping‘ zu betreiben, um nicht durch Ihre Stanzen ganz und gar verdorben zu werden? Ist es nicht verständlich, wenn er sich stattdessen ganz schnell etwas Gehaltvollerem zuwendet? Was in den Weiten des Netzes ja auch nicht schwer zu finden ist …

5 Kommentare

  1. Nope, ‚in‘ ist genau die richtige Präposition, denn offenbar sehen die Lesefunktionuckel sich als Regenwürmer, die wortwörtlich im Feld arbeiten – sich also durch ihren Dreck schlängeln.

  2. Das Lesezappen gehört sogar zur Qualifikation des Wissenschaftlers. Unmöglich kann er wissenschaftliche Artikel komplett lesen, nur um herauszufinden, dass sie für ihn nicht relevant sind. Es sind einfach zu viele. Reichen die Zapp-Hilfen wie Zusammenfassung und Einleitung nicht aus, dann kommt eben das genuine Lese-Zapping zum Einsatz.

    Vielen Schriftstücken ist das Lese-Zapping sogar ganz einfach. Eimer auf, Zeitung rein, Eimer zu. Wie bei Peter Lustig damals in der Glotze: „Und jetzt ausschalten, Kinder!“ Der Vorteil des bösen WWWs liegt auf der Hand: Es entsteht kein Altpapier dabei.

  3. „Muss es sein? Es muss sein! Es muss sein!“
    Wunderbar. Ich liebe den Stilstand.
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    Natürlich „zappe“ auch ich beim Lesen. Hab‘ gerade mit meiner Gattin darüber gesprochen, weil sie sich durch „Lotte in Weimar“ (ein wenig:) quälte. Noch zehn Seiten, „endlich wird’s spannend“, meinte sie lächelnd.
    Bei Krimis geht das Zappen natürlich nicht und bei wirklich guten Büchern macht man das ebenfalls wohl eher selten. Und bei schlechten (also mich langweilenden oder Bücher von Herrn Ulfkotte) geh‘ ich noch weiter: sie wandern in die blaue Tonne. Hab zu wenig Platz.
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    Zum „besseren Gestern“ passt hier wunderbar Loriots „Früher war mehr Lametta“.

  4. Adler und van Doren haben schon 1940 das systematische Zappen gelehrt:

    http://www.amazon.de/Wie-man-ein-Buch-liest/dp/3861507846

    http://blogs.23.nu/nerxs/wie-man-ein-buch-liest/

    Heute noch lesenswert. Doch. Wenn auch etwas trocken, und natürlich prädigital.

  5. Im Sprichwort trägt der Schuster stets die schlechtesten Schuhe. Vielleicht trägt deshalb auch die ‚Stiftung Lesen‘ immer die schlechteren Texte zu Markte …

    Anders ausgedrückt: Wenn der Leser angesichts ihrer Texte ständig „wegzappt“, dann muss die Schuld noch lange nicht beim Leser liegen …

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