Als der Publizist Ludwig Börne im Mai 1832 sein Exil in Paris verließ, um zum Hambacher Fest zu reisen, da säumten begeisterte Menschen schon in Neustadt und Freiburg jubelnd die Straßen. Abends erlebte der schmächtige Mann aus der Frankfurter Judengasse stundenlange Serenaden vor den Fenstern des Gasthofs. Weshalb er die halbe Nacht nicht einschlafen konnte, denn immer wieder wurde er heraustrompetet von Dorforchestern und Sangesbrüdern, die mangelndes musikalisches Können durch patriotische Begeisterung und viel Alkohol wettmachten. Allerdings sei ihm inmitten all der Ovationen auf diesem Fest auch die Geldbörse gestohlen worden. So trocken beschrieb Börne kurz darauf seinen ersten Kontakt mit dem organisierten Liberalismus in Deutschland.

Zweifelsohne war Ludwig Börne damals der populärste Mann in Deutschland. Durch ihn erst war die Publizistik zu einer Macht geworden. Ein großartiger Schreiber mit essigsaurem Witz war er noch dazu, der ob seiner Ironie gefürchtete Herausgeber zunächst der Wage und dann auch der Freien Zeitung der Stadt Frankfurt, die beide in seiner Heimatstadt erschienen. Im freiwilligen französischen Exil, wohin ihn vor allem seine Begeisterung für die Julirevolution 1830 trieb, da machten ihn die Briefe aus Paris (1830 – 1834) vollends zum ‚ersten politischen Publizisten deutscher Sprache‘. Heine konnte diesen verwaisten Thron erst nach Börnes Tod im Jahr 1837 besteigen.

Natürlich gab es seitens der Restauration sofort Versuche, diesen Herrn Börne samt seinem Gewissen einzukaufen. Friedrich von Gentz, der größte literarische Speichellecker am Hofe Metternichs, pries schon 1819 die Wage als das Geistreichste, was derzeit in deutscher Sprache geschrieben werde, das seien großartige kämpferische Werke, gleichrangig mit den großen Polemiken Lessings. Auch Metternich rühmte die politischen Einsichten Börnes.

Der österreichische Hof, berüchtigt als Hort der Reaktion nach den Karlsbader Beschlüssen, bot in generöser Geste auch Börne, dem wortgewaltigen Frankfurter Publizisten, schon im Jahr 1819 ‚beste Konditionen‘ an, Angebote, die heutzutage wohl die wenigsten Journalisten ablehnen würden: Freie Wohnung in Wien, immerhin war dies eine der ‚Szene-Städte‘ des Biedermeier, dazu Zugang zum Hof, das Einkommen eines kaiserlichen Rates, unbedingte Zensurfreiheit für alles, was er schreiben wolle, und das alles auch noch ohne jede Verpflichtung, irgendwelche Dienste leisten zu müssen. Ein ‚Spitzenvertrag‘ also, um mich mal in heutigem Deutsch auszudrücken, ein Vertrag, bei dem sogar der DJV Beifall klatschen würde.

Das schlaue Kalkül Metternichs richtete sich nach allem, was wir wissen, auf den sanften Wandel des Wesens durch die Korruptivität der Lebensverhältnisse: Wer ins System eingebunden wird, der schreibt ganz von selbst irgendwann nicht mehr gegen das System an, das ihn ernährt. Kaum jemand beschäftigte damals mehr Schriftsteller und Publizisten als der zensorenübersäte österreichische ‚Staatsverlag‘ – viele davon waren allerdings auch bloße Spitzel. Diese zynische Strategie klappte erstaunlich oft – bei dem süffelnd-sybaritischen Gentz wie bei den Schlegels, dazu bei der halben Romantik. Wer erst einmal Hofluft schnuppert, der wird ganz von selbst katholisch und prompt staatstragend – das war die psychologisch interessante Metternich-Formel, das Kalkül des klügsten Diplomaten dieser Zeit. Ludwig Börne sollte sozusagen ein Matussek des Vormärz werden, den ja auch sein Weg im Zickzack vom Maoisten zum Autonarren mit konservativer Attitüde geführt hat. Wer also von uns würde heute widerstanden haben? Nicht viele, stellen wir angesichts einer flächendeckend INSM-verseuchten Publizistik in Deutschland fest.

Börne aber widerstand.

Er lebte weiter mehr schlecht als recht von den Subskriptionen und Zuschüssen einiger Gönner und hielt sein Werk auf schnurgeradem Kurs: Hier das betrogene Volk, dort die betrügenden Fürsten – durch diesen politischen Dualismus und durch seinen Witz wurde er damals zum Abgott des deutschen Philisteriums, zum publizistischen Charakterdarsteller der deutschen Republik, jedenfalls bis zu Bismarcks ‚Revolution von oben‘, die Börnes Modell einer ‚Revolution von unten‘ realpolitisch zunächst zu widerlegen schien. Fortan sang das untreue Philisterium lieber Heines Lieder.

In diesem Schatten Heines hat auch Ludwig Börne überlebt, als zeittypische Figur minderer Größe. Bis heute. Außer der Rippmann-Ausgabe, die in den 70er-Jahren im Abi-Melzer-Verlag erschien, können wir uns bis heute keine vernünftige Werkausgabe von Deutschlands erstem und frühestem politischen Publizisten in den Bücherschrank stellen.

Was aber machte Börne – außer der Geradlinigkeit – zum literarischen Popstar des deutschen Biedermeier? Zunächst einmal konnte er Verhältnisse so beschreiben, dass jeder Zensor hilflos war. Wie will man einen Text als republikanisch und „aufrührerisch“ verbieten, der die Restauration in jedem Satz lauthals preist? Allerdings auf eine Art … auf eine Art! Die Kritik trägt hier die Maske der Apologie, die Satire ein Schafsfell. Solche Texte schrieb ein Mann, der seine Ansichten gern in Gleichnisse verpackte, in denen folglich nicht ein einziges politisches Wort vorkam. Börne schreibt bspw. über die Trantütigkeit der Postkutschen jener Zeit – was ja wohl noch erlaubt ist! – und dabei ist jedem intelligenten Leser unmittelbar klar, dass diese ‚Postkutsche‘ Deutschland sein soll, dass die wechselnden Kutscher, von denen einer blöder und unfähiger ist als der nächste, die regierenden Fürsten und Minister darzustellen haben. Auch hier konnte der Zensor mit bloßen Vermutungen seinen Bedarf an Zensurstrichen kaum begründen … Börne lavierte seine Zeitungen mit einem Haufen literarischer Tricks erfolgreich durch all die zürnenden Zensursulas und Abmahnwälte jener Zeit hindurch, rechts und links von ihm schlugen die Blitze ein, und manchmal druckte auch Börne einfach nur die Zensurstriche ab, was prompt erneut Sensation machte.

Börne nannte sein Verfahren ‚Jeanpaulisieren‘ – nach dem Verfasser des ‚Siebenkäs‘. Und manche seiner Sätze könnten noch heute geschrieben werden:

„Die schlechte Schreibart, die man bei vielen deutschen Schriftstellern findet, ist etwas sehr Verderbliches. In Büchern ist der Schaden, den ein vernachlässigter Stil verursacht, geringer und verzeihlicher …  Zeitschriften aber, aus welchen allein ein großer Teil des Volks seine Bildung, wenigstens seine Fortbildung schöpft, schaden ungemein, wenn sie in einem schlechten Stil geschrieben sind. Die wenigsten deutschen Zeitschriften verdienen in Beziehung auf die Sprache gelobt zu werden. [I, 594]

Wem fiele hierbei nicht der bedauerliche Zustand unseres heutigen Lokaljournalismus ein? Vollends befreit konnte Börne dann aufspielen, als er das rettende Ufer in Paris erreichte. Viele seiner geflügelten Worte, die sich bis heute erhalten haben, entstanden an den Ufern der Seine, so, dass „Goethe der gereimte Knecht sei und Hegel der ungereimte„. „Wenn zu uns ins Haus ein Kaiser kommt„, befiehlt er seinem Diener, „dann sehen Sie ihm auf die Finger und lassen Sie ihn nicht allein im Zimmer„. Und mit Trübsinn wäre ganz Deutschland auf Dauer nicht zu helfen, das Lachen, der Scherz und der Galgenhumor seien die wirksamsten Waffen:

„Sterben muss man doch einmal, und darum ist es viel vernünftiger, singend und trinkend zum Richtplatz zu tanzen, als sich wie der betrübte Deutsche auf einer Kuhhaut unter Pfaffengeheul dahin schleppen zu lassen“ (III, 265).

An solchen Sätzen wird zugleich klar, dass der Gegensatz des ‚Nazareners‘ Börne und des ‚Hellenen‘ Heine, eine Legende, an der Börnes großer Nachfolger nach dessen Tod herumstrickte, blanker Bullshit ist. Börne hat niemals ein leib- und lustfeindliches ’nazarenisches‘ Leben geführt. Vielmehr soff und qualmte der Junggeselle in einem suchtähnlichen Ausmaß, wobei er beim Bier in Pariser Handwerkerkneipen saß, und nicht „ganz famillionär“ beim Champagner unter Bankiers wie Heinrich Heine. Heines Phobie war folglich eher sozialer Natur, als echter Snob verachtete er den Mann, den es zu den Plebejern zog.

Mir fällt heute bei der Lektüre Börnes oft der Streit zwischen Bloggern und Journalisten ein. Man setze für den Gentz den Jörges, für den Schlegel den Professor Sinn – ohne dass ich Gentz und Schlegel damit zu nahe treten möchte. Oder man setze bei der staatsfrommen Publizistik anstelle von ‚Weisheit des Regenten‘ und ‚Gottesgnadentum‘ die entsprechenden heutigen Begriffe wie ‚INSM‘ oder ‚Notwendigkeit von Reformen‘ – schon sieht man, dass es im Journalismus eben immer auch auf die Position zum jeweiligen Gesicht der Macht ankommt, ob jemand es wagt, direkt der Medusa ins Auge zu schauen, oder ob er sein Gesicht hinterrücks und kuschelig im Dunkel von Dero Heiliger Rosette vergräbt. Ersteres wäre eher ‚bloggish‘, ein wenig ‚quichottemäßig‘ noch dazu, letzteres ist eher ‚journalistisch‘ – wer keinen Ärger macht, dem geht es auch nicht allzu ärger. Ob er unter heutigen Bedingungen lieber Börne oder Gentz gleichen will, das muss letztlich jeder selbst entscheiden.

Denn die Zeiten verändern sich in meinen Augen weniger, als viele dies denken, die nur im Heute leben möchten und die Geschichte für eine vertrocknete Mumie halten, bloß weil wir jetzt den iPod haben.