Stilstand

If your memory serves you well ...

Der Dichter sagt Servus

Alles klar – ich verstehe: Wer noch einmal ‚Plagiat‘ zu diesem adoleszenten Wunderwerk europäischer Höchstliteratur sagt, der hat sich aus dem Raum der Literatur so zu schleichen, wie ein indezenter Gast, der im Nobelrestaurant ‚Zum Wahren und Guten‘ einen Furz gelassen hat:

„Wer nur bis Namen und Handlungsorte kommt, dem wird die Gabe fehlen, sich überwältigen zu lassen selbst von diesem Buch, dessen Berückungsmacht ganz unvergleichlich ist in seiner Einheitlichkeit von Sprache und Lebensgefühl, die keine Lücke lässt, in seiner Geschlossenheit persönlicher Struktur, die etwas Fremdes zu dulden sich gar nicht in der Lage sieht. Sphären ohne Raum und Atem Hand aufs Herz, mir scheint, die Behauptung, in diesem Buch sei irgend etwas unverarbeitet liegengeblieben, quellenmäßig übernommen, entlehnt oder gestohlen, entspringt einem Mangel an Gaben. Es wäre genauso richtig und genauso sinnlos zu sagen, das Auge habe das Protoplasma bestohlen oder die Träne die Elemente, weil sie Chlornatrium enthält. Jeder Ursprung ist schließlich materieller Art, aber was Rainald Goetz, Jim Jarmusch oder den Text „Strobo“ des Bloggers Airen angeht, so kommen sie in diesem Buch schlecht weg: wo immer in ihm das Thematische sich nähert, wird es aufgelöst in den konstruktiven Affekt, das Authentische des Vorbilds in die Ordnung eines reflexiv Notwendigen, wo immer man die Seiten aufschlägt, tragen sie den Schein einer Schönheit, die ohne Makel, und die Gesetzmäßigkeit einer Szene, die die volle und krasse Echtheit ist.

Kapiert – ‚Echtheit‘ ist hinfort das Abgeschriebene. Auch Grammatik ist im hymnischen Bereich bloß für die Armen im Geiste. Davon und deshalb schleiche ich mich jetzt davon. Was treibt bloß all diese älteren Herren in die Disco-Szene? Und schreibt dieser Durs Grünbein eigentlich für Ullstein? – Nö, es ist Suhrkamp …

Nachtrag: Immerhin – er hat auch mich verarscht …

6 Kommentare

  1. … ich geb’s auf, dieser Schwulst ist komischer als meine Parodien auf postmodernes Intellektuellenwichsen. Auf keinen Fall witziger, aber der Lacheffekt ist doch höher. Durs Grünbein, betretend sabbelnd, aber voller Demut knie ich vor Ihnen!

  2. Er spielt mit feuilletonistischen Wort-Pretiosen Bullshit-Bingo.

  3. Das war ja eine schöne Idee von Herrn Grünbein. Schön auch, dass er uns erinnert, wie schlecht der allseits verehrte Benn mitunter gechrieben hat.

  4. Zum Nachtrag: Hat er wirklich?

    Ich habe mir die ganze Zeit schon Gedanken gemacht, was Herr G. da eigentlich beweisen wollte, was seine Stoßrichtung ist:

    a) Gottfried Benn war auch nur ein Schmierant.
    b) Plagiat ist gut weil G. Benn das geschrieben hat.
    c) Die Hegemann ist auch nur ein Hoax, wie mein Textle hier.
    d) Ich kenne Gottfried B. und Ihr mal nicht. Nanananana

    Heute Morgen unter der Dusche hatte ich ein nettes Textchen vorbereitet, was Karl Kraus Die letzten Tage der Menschheit von platt gefahrenen neotenischen Amphibien unterscheidet. Dann dachte ich mir, ich spare mir das, es gibt schönere Dinge auf der Welt, z.B. im Internet nach nackten Frauen suchen.

  5. Lustig ist es doch, dass nahezu jeder unseren Feuilletonisten einen solchen Schmus zugetraut hätte. ‚Abschreiben‘ aus dem Pitaval, also aus einer Sammlung berühmter Kriminalfälle, sich also ‚am Stoff‘ zu bedienen, das ist in meinen Augen etwas anderes, als blankes Copy & Paste aus einem literarischen Werk.

    Der Gottfried Benn hatte notorisch einen nicht ganz väterlichen Hang zu ‚jungen Dingern‘, als Opapa noch unterlief ihm in Worpswede ein Techtelmechtel mit dieser Ursula Ziebarth, die damals wohl im besten Hegemann-Alter war. Richtig großartig finde ich nur seine frühen Morgue-Gedichte, wo der Pathologe aus dem Schoß seiner Leichen ganz formvollendet die Maden kriechen lässt, bis der Leser kotzt. Später lag er nicht nur im Falle des GröSchwaZ manchmal daneben, die vielen Drogen mögen ein Übriges getan haben …

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