Stilstand

If your memory serves you well ...

Der Berliner Börsen-Courier

An Tagen, an denen ich kulturpessimistisch gestimmt bin, halte ich unsere Bourgeoisie für intellektuell arg auf den Hund gekommen. Um zu dieser Diagnose zu gelangen, genügt es, den Medienkonsum einer heute doch eher bildungsfernen Bevölkerungsgruppe mit demjenigen ihrer Vorgänger von einst zu vergleichen. Also bspw. die ‚Financial Times Deutschland‚ (FTD), die ‚Wirtschafts-Woche‚ oder das ‚Manager Magazin‚ neben die führende Wirtschaftszeitung des Kaiserreichs und der Weimarer Republik zu halten. Ich rede natürlich vom ‚Berliner Börsen-Courier‘ (BBC), der 1868 erstmals erschien, zunächst herausgegeben von dem Bankier George Davidson.

Natürlich enthielt auch dieser Berliner Börsen-Courier zunächst alles das, was den arbeitsenthobenen Spekulanten primär interessiert: Börsenkurse und Hypothekenpreise, hochaktuell dargereicht in einer Morgen- und Abendausgabe. Nebenher aber führte das Blatt an führender Stelle und als Avantgarde im Kaiserreich den Kulturkampf für die Musik Richard Wagners. Später in den 20er Jahren – unter dem genialen Chefredakteur Emil Faktor und herausgegeben von den Brüdern Herrmann – machte sich der BBC um das Brecht’sche Theater verdient.

Wichtiger noch ist mir etwas anderes: Während ich bspw. bei der FTD heute auf Autorennamen stoße wie Kathrin Werner (‚Das Psychogramm der Zocker‚), Anne Kunz (‚Der DAX umtänzelt 5000-Punkte-Marke‚) oder Tim Barz (‚Die Boni-Jagdsaison ist wieder eröffnet‚), da liest sich die Mitarbeiterliste des BBC wie eine Aufzählung alles dessen, was in der Weimarer Republik jemals in die Nähe eines Nobelpreisverdachtes geriet: Walter Benjamin, Joseph Roth, Oskar Bie, Axel Eggebrecht, Oskar Loerke, Ludwig Marcuse, Ernst Weiß, Johannes Urzidil, Wolfgang Koeppen, Leo Lania, Walter Kaul, Paul Lindau, Heinz von Bülow, Eugen Richter … usw. usf.

Mit anderen Worten: Die Bourgeoisie hatte damals noch geistige Ansprüche – und so wie heute das neue Kostüm von Prada kommen muss, so musste damals der gepflegte Text, der dem Banker die drögen Kurstabellen auflockerte, noch einer intellektuellen Fallhöhe genügen, die heute längst geschliffen ist. Der Text musste einen Autor haben, der wiederum musste ‚einen Namen‘ tragen, also ein anerkannter und berühmter Literat sein, mit dem sich die Auseinandersetzung bei der Lektüre lohnte, und eben nicht von einem Feld-, Wald- und Wiesen-Redakteur kommen, dessen Name samt Inhalt heute wie damals austauschbar wäre.

Selbst die Themen hatten einen weiteren Horizont, der den engen Rand des bourgeoisen Portfolios souverän missachtete. Die Leser hatten damals noch echte Interessen, die eben nicht nur renditebezogen waren – und darauf ging ihre Zeitung auch ein.

Solch einen Text wie diesen wünschten wir uns heute manchmal als Vademecum für die Zumutungen unserer ‚Zensursula‘, eine stilistische Sarazenerklinge, die Joseph Roth am 16. 11. 1921 im Berliner Börsen-Courier den damaligen ‚Sittentanten‘ und ‚Anstoßnehmern‘ beim ‚Reigen-Prozess‘ ins Gesicht schlug. Es ging um jenes bekannte Theaterstück, wo ein Arthur Schnitzler nach dem Moralverständnis der Zeit ebenfalls ‚Kinderpornographie‘ verbreitete, in Form jener ’süßen Mädels‘, die der Wiener in einem klassenüberschreitenden gesellschaftlichen Sex-Reigen auf die Bühne gezaubert hatte:

„Sieht man von den muckerischen Argumenten der beruflichen Anstoßnehmer ab; der Tugendbündler von Geburt und Neigung; der öffentlichen Sittentanten; der politischen Nutznießer und gewaltsamen Tendenzmacher – so bleiben immerhin einige Einwürfe ehrlich Erbitterter, die mit jenen Bütteln der Tartuffemoral nicht in einen Brunnen zu werfen sind. Diese Ehrlichen halten dem Dichter die skeptisch-leichte Behandlung menschlicher Heiligtümer vor. Das ironische Lächeln über Problematisches und Natürlich-Religiöses. Sie tadeln nicht die Wahl des Themas, sondern seine Behandlung. Das aber macht gerade die Schnitzler’sche Eigenart aus: Überlegenes Lächeln bei irdischen Schmerzen; die Dinge zwar nicht vom Standpunkt der Ewigkeit zu betrachten, aber vom Standpunkt der Abseitigkeit; die Weltweisheit eines – gesunden Menschenverstandes“.

So etwas aber käme in einer heutigen Wirtschaftsredaktion gar nicht mehr unter der Fußmatte hindurch, „weil es unsere Leser nicht interessiert„, wie dort apodiktisch behauptet werden würde. Wer aber hat recht: Die heutigen Redaktionen mit ihrem desolaten Bild von den Lesern – oder die davongaloppierende Leserschaft mit ihrer Flucht vor solchen Zeitungen?


11 Kommentare

  1. „weil es unsere Leser nicht interessiert“

    Ich wage, zu behaupten:
    „weil es unsere Leser nicht kapieren“.

  2. Eher:

    weil wir zu blöde sind und immer von uns auf andere (hier: unsere Leser) schließen

    Schließlich sind Magazin-, Zeitschriften- und Zeitungsredakteure nicht menschenverachtend, abgehoben, eitel, angeberisch, von oben herab.

  3. @ Dierk: Das hieße ja dann, dass in den Zeitungen nur das steht, was den Journalisten gefällt. Egal, was deren Leser dazu sagen. BILD wie Buxtehuder Tageblatt wären dann ein Spiegelbild des real existierenden Journalisten in unserem Land …

    Nee, nech?

    😉

  4. … wie Kreativwerbung halt.

    Schönes WE!

  5. Interessanterweise waren die Überschriften in den Zeitungen der 20er Jahre selten in dem Sinne prägnant wie heute. Damals las man öfter mal Zeilen wie „Neues aus dem Reichstag“, statt schon in der Überschrift zu erfahren, was es denn nun Neues gab. Heute wäre das wohl „unjournalistisch“. Die Fließtexte dahingegen fand ich damals wesentlich schöner als heute, wenngleich nicht unbedingt besser, gerade weil sie eben oft sehr literarisch waren. Über eine defekte Telegrafenleitung hätten sie den Nachrichtenkern selten hinübergerettet.

  6. Naja – nimm die Prozesskritik dort oben, wo immerhin säuberlich zwei Gruppen von Schnitzler-Gegnern im Gerichtssaal unterschieden werden. Von den Unterstützern ganz zu schweigen. Heute gibt es doch meist nur noch die ‚einhellige Meinung‘, die zumeist ziemlich deckungsgleich mit der des Reporters ist. Mit anderen Worten: Die literarischere Meinung ist oft auch die realistischere und faktennähere, gerade deshalb aber die komplexere, die nicht jedem Simplicius gleich einleuchtet. Denn die ‚Wirklichkeit‘ ist nicht einfach. Ich wünschte, wir hätten solche Gerichtsreportagen noch …

  7. Darin pflichte ich dir ja bei. Ich meine nur: Angesichts der heutigen Ansprüche an „News-Tauglichkeit“ versagen die alten Schlagzeilen. Die „einhellige Meinung“ ist, wie es auch die „Kreise“ sind, eine Katastrophe für die Wahrheitsfindung.

  8. Die ‚Schlagzeilen‘ sind über die Schiene der Werbung in den Journalismus gerutscht. Was nicht per se schlecht sein muss, sie schulen ja die Formulierungskunst. Wer aber glaubt, mit Hilfe der Schlagzeile für den ‚eiligen Leser‘ eine zureichende Informationsgrundlage schaffen zu können, die den folgenden Text entbehrlich macht, der irrt. Eine gute Schlagzeile ist so etwas wie die Wurst vorm Schlittenhund … mit ihr lockt man den Leser in den Text, damit der die gesamte Lektüreladung zur Rezeptionsstation transportiert.

  9. So eine Mischung aus Economist und New Yorker könnte mir auch gut gefallen. Vielleicht fände man sogar genug Edelfedern aus den Bereichen Politik und Kultur. Nur bei den guten deutschsprachigen Wirtschaftsjournalisten sehe ich schwarz. Wenn es die überhaupt mal gegeben hat, dann sind die anscheinend alle wegrationalisiert worden.

  10. @ Fabrikant: Ich weise ohne jeden Eigennutz mal auf das feine Wirtschaftsblog hier hin

  11. @Fabrikant: Bei der ‚brand eins‘ arbeiten noch ein paar.

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