Allzuviele bilden sich allzuviel auf ihre Ideologien und Ansichten ein, wenn sie zu schreiben beginnen. Sie meinen, irgendetwas ‚befördern‘, sich unbedingt hierfür oder dafür ‚engagieren‘ zu müssen – und sie versauen sich damit doch nur den schönsten Text. Damit ich mit dieser dubiosen Ansicht hier nicht ganz allein in der literarischen Tundra herumstehe, soll mir einer der ganz Großen zur Beglaubigung dienen:

Ich glaube nicht, daß Schriftsteller solche Fragen wie Pessimismus, Gott usw. klären sollten. Sache des Schriftstellers ist es darzustellen, wer, wie und unter welchen Umständen über Gott oder den Pessimismus gesprochen oder gedacht hat. Der Künstler soll nicht der Richter seiner Personen und ihrer Gespräche sein, sondern nur ein leidenschaftsloser Zeuge. … Die Schreibenden, besonders die Künstler, müssen sich allmählich eingestehen, daß man auf dieser Welt nichts begreifen kann, so wie sich das einst Voltaire und Sokrates eingestanden haben. Die Menge meint, alles zu wissen und alles zu begreifen; und je dümmer sie ist, desto weiter erscheint ihr ihr Horizont. Wenn sich aber der Künstler, dem die Menge glaubt, dazu entschließt zu erklären, daß er nichts von dem begreift, was er sieht, so stellt das bereits ein großes Wissen dar und einen großen Schritt vorwärts.

Anton Cechov: Briefe I, 262 f

Anton P. Cechov

Anton P. Cechov