Stilstand

If your memory serves you well ...

Das Volk – ein Bild

Woran zeigt sich elitärer Dünkel? Vielleicht an solchen Sätzen, wo ein Schreiber alles über die ‚Unterschichten‘ zu wissen vorgibt. Faktisch aber hat er nur seine Vorurteile frisch auf Hochglanz poliert:

„Sechs Stunden Hochzeits-TV am Stück werden es am Freitag sein, die unzähligen Dokumentationen und Quasselrunden vor und nach der Hochzeit nicht mitgerechnet. Dieses Engagement ist, vorsichtig ausgedrückt, mutig. Denn das „Bild“- und „Bunte“-Prekariat, noch am ehesten empfänglich für solche Schmonzetten, weiß in der Regel kaum noch, wo auf ihrer Fernbedienung die Knöpfe fürs Erste und Zweite Deutsche Fernsehen zu finden sind.“

Mit Verlaub, bester Pöbelverächter, diese Hochzeit – die übrigens auch mir am Mors vorbeigeht – die ist doch eher das große Thema unter Zahnwaltsgattinnen, Ladeninhaberinnen und Society-Journalistinnen, die sich – „Hypa, Hypa, Hypa!“ – hier ein ‚Event‘ mit viel blauem Herzblut statt mit Tinte herbeischreiben. Denn das Interesse am Hause Windsor befällt quartalsweise nur diejenigen, die auch wie die Lemminge in den ‚Titanic‘-Film gerannt sind. Und haben Sie sich schon mal gefragt, warum diese Kate und ihr Willi heute seitenfüllend eben auch auf den Titeln aller ‚Leitmedien‘ prangen: „Countdown für das Jawort“, „Dem Jawort so nah“, „Der Prinz kütt“, „Queen schenkt Kate und William Adelstitel“ … ad infinitum.

Diese voyeuristische Leidenschaft für Brautmoden und adlige Lebensplanung existiert hingegen nicht unter Bauern, türkischen Migranten oder Ein-Euro-Jobbern. Das ‚gemeine Volk‘, zumindest hier bei uns in der Provinz, das interessiert sich derzeit eher für explodierende Spritpreise und die große Trockenheit auf allen Feldern. Weil daran schließlich ihre Existenz hängt.

Wer also die ‚Grünen Blätter‘ liest, der muss sich diese Zeitvergeudung auch leisten können. Nebenbei bemerkt, sieht man die meisten Bild-Zeitungsleser, auf einem Haufen versammelt, noch immer im deutschen Bundestag. Das sieht im Grunde auch jeder Dösbaddel ein, nur eben kein Feld-, Wald- und Wiesen-Journalist, der sich notorisch ein Publikum imaginiert, das so nur in seinem ebenso elitärem wie unfundiertem Wolkenkuckucksheim existiert. Dass der übliche Seitenhieb auf die Öffentlich-Rechtlichen dabei nicht fehlen darf – nun ja, das gehört wohl zum Genre. Ein versteckter Geschäftssinn äußert sich hierin, nach dem Motto: Diese Hochzeit ist zwar kompletter Tinnef, aber wir hätten sie trotzdem gern ganz privat, weil nur wir den ‚Qualitätsjournalismus‘ so weitherzig interpretieren können …

2 Kommentare

  1. „Ladeninhaberinnen“, das wird schon stimmen. Aber „Society-Journalistinnen“, wie aller Boulevard-Journalisten, schreiben nun mal für die „“Unterschichten'“. Sie schreiben, was sie selbst nicht lesen möchten, für Leute, die sie verachten. Das ist das Wesen dieser Sorte, das macht das besonders Ekelhafte an ihr aus.
    Die „Grünen Blätter“ (heißen die nicht „Goldene“?) lesen leider nicht hauptsächlich die, die sich „diese Zeitvergeudung leisten können“, wenngleich viele von denen auch. Einigen wir uns doch darauf: Die Hochzeit in England ist ein Ereignis für den Pöbel aller Stände. So viel elitärer Dünkel muß schon erlaubt sein.

  2. Klaus Jarchow

    1. Mai 2011 at 10:31

    „Pöbel aller Stände“ ist gut. Viele Journalisten sonnen sich auch gern im Abglanz der Prominenz, der auf sie fällt, weil sie temporär zu dieser Welt Zugang haben. Die Verachtung der sprechenden Mikrofonständer wäre dann allenfalls jenes Ressentiment, das entsteht, weil man nur dabei ist, aber nicht ‚wirklich‘ dazugehört …

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