Stilstand

If your memory serves you well ...

Das journalistische Manifest

An der Textsorte Manifest, am aggressiven Zuspitzen von Sachverhalten zur Thesenform also, habe ich mich noch nie versucht. Zeit wird’s:

1. Der Journalismus soll – seinem Selbstverständnis zufolge – die Mächtigen dank der aufklärerischen Kraft der Öffentlichkeit kontrollieren und die ‚Wahrheit‘ hinter den Potemkin’schen Kulissen aufdecken. Historisch war das schon höchst selten der Fall. Heute weniger, denn je.

2. Der Journalismus soll die Partizipation der Menschen am demokratischen System bewirken, indem er ihnen Entscheidungshilfen ‚für oder wider‘ an die Hand gibt. Faktisch aber gleicht das Angebot der Medien einem sozialistischen HO-Laden, wo – statt argumentativer Vielfalt – in allen Medien das Immergleiche im Schaufenster steht.

3. Der Journalismus soll mit den Mitteln der Sprache die Leidenschaft und das Engagement der Menschen wecken. Faktisch kommt – mit einigen Ausnahmen – überall eine Rumford’sche Sprachsuppe für Geistesarme auf den Tisch, in der sich allenfalls die Gemeinplätze und Stanzen noch wohlfühlen. Das Publikum aber schiebt den Teller weit von sich.

4. Der Journalismus soll ‚unabhängig‘ von den Sachverhalten und Machtstrukturen dieser Welt berichten. In der Realität quillt aus nahezu allen Zeilen immer nur das Interesse bestimmter Gruppen und Lobbies.

5. Der Journalismus soll die besten und intelligentesten Köpfe einer Nation an sich binden. Das mag früher so gewesen sein. Heute finden wir weithin nur noch ‚beamtete Schreiber‘, die Dienst nach Vorschrift und strikt gemäß Redaktionslinie betreiben.

6. Der Journalismus soll sich von wirtschaftlichen Einflüssen freihalten. Die zunehmende Vermischung von Journalismus und Public Relations spricht heute eine völlig andere Sprache. Die Journalisten sind Teil dessen, was sie kontrollieren und kritisieren sollten.

7. Der Journalimus soll zudem ‚erzählen‘ können, um über das Medium der schriftstellerischen ‚Narration‘ das Chaos des Faktischen in Sinn, Zusammenhang und ‚Moral von der Geschicht‘ zu ordnen. Die Fähigkeit dazu hat er – immer bis auf wenige Ausnahmen – verloren.

8. Der Journalismus soll recherchieren und sich Zeit für eine Geschichte nehmen. Wer will, darf jetzt zum Lachen in den Keller gehen …

9. Der Journalismus benötigt natürlich finanzielle Mittel, um seine Aufgabe wahrzunehmen. Neuerdings fallen ‚online‘ sogar große Kostentreiber wie Druck, Vertrieb usw. fort. Es würden also theoretisch sehr viel mehr Mittel für journalistische Kernaufgaben freigesetzt. Wer aber glaubt, das käme dem Journalismus zugute, lebt in einer anderen Welt.

10. Der Journalismus stellt, gesellschaftlich und historisch gesehen, eine Schwundstufe dar. Das Publikum dankt es ihm zunehmend auf seine Weise.


2 Kommentare

  1. Um ehrlich zu sein, lieber Klaus, ist der Journalismus selbst gar nicht in der Krise. Ganz im Gegenteil: Eigentlich erlebt er doch im Zuge dieser ganzen neuen Medienformate einen nie dagewesenen Höhenflug.

    Wer sich in der Krise befindet, sind die Institutionen, die Journalismus wirtschaftlich betreiben und diesbezüglich Gewinnabsicht haben müssen – denen geht es in der Tat nicht sehr gut; und viele unter ihnen wird es schon morgen nicht mehr geben.

    Insoferne stellt sich die Frage, ob ein sympathischer Journalismus, wie du ihn dir vorstellst, in die aktuelle Institutionenlandschaft noch eingebettet sein kann. Womöglich nicht. Aber wie man ihn besser organisiert – das ist eben die 64.000 Dollar-Frage.

  2. @ weissgarnix: Nun ja – nach deiner Definition betreiben dann ja auch wir Journalismus. Was rein sachlich zwar richtig ist, auch wir ’schreiben für den Tag‘, faktisch aber sind wir im Kern doch nur mehr oder minder privatisierende Schreiber, die möglichst gute und interessante Texte verfassen, vor allem online, über die wir dann mit anderen in einen Dialog oder ‚Multilog‘ eintreten. Ohne dabei groß aufs Geld und die Zahl der Anschläge zu schauen.

    Von uns als Autoren – darin steckt übrigens das Wort ’selbst‘ – unterscheide ich soziologisch deshalb sehr wohl ‚die Journalisten‘: Ich habe dabei eine Berufsgruppe im Auge, die sich erstens selbst als Journalisten bezeichnet, die zudem das Schreiben als anstrengende Lohnarbeit betrachtet, für die es – klaro! – gutes Geld geben muss, und die angestellt oder fest-frei im Dienste eines Verlagshauses oder einer Agentur arbeitet. Menschen, die also ihre Texte nicht selbstverantwortlich erstellen, sondern als ‚hired pens‘ oder als ‚rented brains‘ bzw. als ‚Sinnproduzenten für andere‘ die Wörter zu Sätzen flechten.

    Der Höhenflug, der sich abzeichnet, sei allen guten Schreibern gegönnt, das öffentlichkeitsverwaltende Modell aber, in dem sich Journalismus bei uns vollzieht, wird zunehmend obsolet bzw. zu einem Modell unter vielen. ‚Blogschreiber‘ und ‚argumentativer Dienstleister‘ für andere – das geht bspw. nur schwer zusammen. Hier liegt der Grund für das ökonomische Dilemma.

    Früher haben Schriftsteller für erst zu erstellende Texte vorab ‚Subskriptionen‘ aufgelegt. Vielleicht läge hier ein Modell – das allerdings dann die Verlage umgehen würde. Die werden ökonomisch durchs Netz zunehmend dysfunktional, das ist richtig. Weil nur noch Lichtzeichen fluktuieren, aber keine dicken Magazine, keine Remittenden, keine Satzfahnen usw. Du würdest dann sagen: Wer hat Interesse, dass ich – den ihr ja kennt – mal drei oder vier längere Texte über marxistische Wirtschaftstheorie auf meine Art schreibe, so wie es zuletzt bei dir im Blog noch umsonst geschah. Sobald die ersten 1.000 Euro zusammengekommen sind, lege ich los. So in etwa … das würde allerdings ein gnadenlose Auslese in schreibqualitativer Hinsicht. Alle, die Konfektionsware texten, brüllen sofort los …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

© 2017 Stilstand

Theme von Anders NorénHoch ↑