Stilstand

If your memory serves you well ...

Das große Vergessen?

Unsere Erinnerung wird doch nur von jenem Teil unaufhörlich eintreffender Daten und Ereignisse geformt, die für uns zum Erlebnis und damit ’subjektiv‘ werden konnten. Das Resultat, jedenfalls dort, wo es zu Praxis und aktivem Handeln wird, nennen wir dann gern Erfahrung oder Wissen. Es sind überaus zwiespältige Gefühle, die mich bei der Lektüre von Frank Schirrmachers neuem Artikel bewegten, womit er die Thesen seines Payback-Buches fortsetzt. Gleich anfangs schreibt er, auf einen Science-Bericht Bezug nehmend:

„Das Papier, das in der Zeitschrift „Science“ veröffentlicht wurde, bestätigt andere Forschungen, die belegen, dass die Menschheit damit begonnen hat, ihr Gedächtnis nach außen zu verlagern, und dafür den Preis der Vergesslichkeit zahlt.“

Gleich mit mehreren Kategorien habe ich dort logische Schwierigkeiten: Wann hätte der Mensch oder gar ‚die Menschheit‘ ihr Gedächtnis je im Inneren getragen? Spätestens seit der Aufklärung haben die Menschen ihr Gedächtnis nach außen verlagert, oder, um mit Einstein zu reden: „Wissen heißt wissen, wo es geschrieben steht.“ Die Wissensforschung, nicht erst seit Peter Burke und seiner ‚History of Knowledge‘, hat beschrieben, wie grundlegend das menschliche Gedächtnis durch die Institutionalisierung der Bibliotheken und der akademischen Forschungsstellen von der Steißpaukerei eines wortwörtlich memorierten und kanonisierten Wissens entlastet wurde.

Seit jener Zeit wissen wir alle nur noch ‚wie von ungefähr‘, und wenn wir’s mal genauer wissen wollen, schreiten wir zum Regal, um oberschlau das ungefähr Erinnerte im Wortlaut zitieren zu können, dort, wo wir uns damals den Bleistiftstrich an den Rand gemalt haben. Kaum jemand von uns könnte aus dem Stand einen luziden Vortrag über die Relativitätstheorie oder Marshall McLuhans Kommunikationstheorie halten – und bis auf weiteres glaube ich auch nicht, dass Frank Schirrmachers Artikel ohne Zuhilfenahme ‚externalisierter Information‘ verfasst worden ist.

Was für die große Menschheit gilt, gilt dann auch für die kleinen Menschlein. Ob Jean Paul oder Arno Schmidt – sie alle lagerten jene Informationen, die später in ihren Büchern so reichlich flossen, in gigantische Zettelkästen aus. Und wenn wir etwas von dieser Fülle des Stoffes behalten wollen, arbeiten wir es wiederum in unsere eigenen Zettelkästen ein. Meine private Wissensbasis läuft beispielsweise unter MS Access und umfasst derzeit an die 7.000 Zitate.

Zusätzlich verfüge ich über jede Menge weiterer externalisierter Information, ohne die ich mich einfach nackt fühlte: Da steht ‚der Ploetz‘ hinter mir, denn zu meiner Informiertheit zählt nun mal nicht die genaue Kenntnis jeder einzelnen Geschichtszahl. Nach „Drei, drei, drei“, „1789“, „1914“ usw. würde es bei mir rasch zappenduster: Wann wurde der Pakt von Rapallo geschlossen? – Ja, Herrgott, wozu gibt es denn Nachschlagewerke! Hinzu kommen Wörterbücher aller möglichen Genres, natürlich darf auch der Kindler nicht fehlen, dazu eine Rhetorik, ein Lexikon antiker Schriftsteller und vieles mehr.

Mit einem Wort: Die Externalisierung von Information ist seit hunderten von Jahren üblich, auch ich betreibe sie, seit ich denken kann – das alles ist schlicht keine Folge der „Digitalisierung der Welt“. Auch fühle ich mich keineswegs vergesslicher als zu jener Zeit, wo der Monitor noch nicht den Schreibtisch zierte, auch von „digitaler Demenz“ kann in meinem Leben keine Rede sein. Das mag ja noch kommen – aber dann wäre es die „natürliche Demenz“.

Natürlich aber verändert das Internet die Art unserer Informiertheit. Wenn wir davon ausgehen, dass jeder Schädel nur eine gewisse Menge an Wissen fasst, dass darüber hinaus dessen Kapazität seit der Steinzeit nur unwesentlich gewachsen ist, wenn wir also den Paläoanthropologen mal glauben wollen, dann führt natürlich ein uferloses Meer aus Daten, wie es das Internet bereitstellt, auch zu einem mentalen Wandel – und zwar gleich auf mehreren Ebenen. Und hier besteht ein grundlegender Unterschied zwischen jenen Menschen, die bloß durchs Internet zappen, und solchen, die fürs Internet schreiben.

Auch ich kenne jene frühe Erfahrung, dass im Internet alles am Leser vorüberzuschießen scheint wie ein reißender Strom. Und keiner glaube, dass Google eine große Hilfe wäre, später einen Text wiederzufinden, solange man sich nur sinngemäß an ihn erinnern kann. Google kann vieles, aber das nun mal (noch) nicht. Wer schreibt und in seinem Metatext später auf eine verbaselte Fundstelle verlinken möchte, der ist oft der Verzweiflung nahe. Also entwickelt der Schreiber im Netz „Informationsweisen“, die ihn auch im Netz „informationsweise“ machen. Man schafft sich strukturierte Linkabwurfstellen, die ja nur einen ‚Mausrutsch‘ kosten, man rubriziert die Fundstellen wie einst den altmodischen Zettelkasten .. und viele Strategien mehr.

Darum geht es, glaube ich im Kern: Die Verzweiflung, angesichts der Datenflut, dass sich im Gehirn und in der Erinnerung nichts mehr zur geschlossenen „Information“ ordnen will, die hängt mit einer mehr oder minder elaborierten Verarbeitungsstrategie für das neue Medium zusammen. Ich bin keineswegs so kulturpessimistisch gestimmt wie der Frank Schirrmacher, ich fühle mich vielmehr oft, als hätte mir der liebe Gott eine unendlich große Bibliothek geschenkt – und unverschämt wie ich bin, sage ich zu ihm doch glatt: „Noch eine!“ Alles, wonach ich mir früher die Hacken ablief oder die Fernleihen quälte, das ist zunehmend im Netz originalgetreu zu finden.

Man muss also fürs Netz schreiben, um das Netz ohne Panikattacken zu nutzen. Auch an diesem Punkt zeigt sich das Internet als überaus soziales Medium: Wer etwas zum Netz beiträgt, dem trägt es vice versa auch ein Mehr an Information ein. Es ist natürlich eine Frage der Filterung, weil das Netz nicht diskriminiert und Wesentliches nicht von Unwesentlichem trennt. Wo der Weise doziert, krakeelt auch der Kleinbürger in der Landschaft herum. Hier hilft bei der Auswahl nur die Lebenserfahrung, die allerdings zunehmend zu einer Netzerfahrung mutiert ist. Insofern ist auch dieser Satz von Schirrmacher schlicht nicht wahr:

„Wir vergessen Dinge, von denen wir wissen, das wir sie online finden können; und wir behalten solche, die wir nicht im Netz sammeln können.“

Gegenbeispiel: Jörges‘ Satz von dem Dreck, der aus den Kanälen des Internet quillt, den werde ich Zeit meines Lebens nicht vergessen, obwohl er nur im Netz zu finden ist. Während für so manchen Artikel aus dem gedruckten ‚Hamburger Abendblatt‘ für mein Gedächtnis die Regel gilt: „Mit einem Wisch ist alles weg!“ – selbst wenn dieses Medium sich gegen das Internet mit hohen Bezahlschranken wappnet. Entscheidend dafür, ob ich etwas behalte oder ob ich es als Datenmüll betrachte, ist allein die Relevanz, und zwar die Relevanz für mich.

[Anmerkung: Damit dieser Text nicht an Überlänge zugrundegeht, befasse ich mich erst im nächsten Beitrag mit der veränderten Zeiterfahrung, die einen weiteren Schwerpunkt von Schirrmachers Beitrag bildet]

2 Kommentare

  1. Absolut korrekt! Voll Zustimmung bis hierher.

  2. Manchmal habe ich den Verdacht, dass die, die kulturpessimistisch über das „große Vergessen“ wegen dieses bösen Internetzdingens raunen, einfach immer ihre Leute für die „Beinarbeit“ der Literaturrecherche oder die Geduldsproben der Fernleihen hatten. Nun gut, nicht immer, als Anfänger oder als Studenten damals musste sie das natürlich noch selbst machen, aber gerade das wird ein Grund dafür sein, dass die Schirrmachers dieser Welt über Werteverfall stöhnen: „Die jungen Leute heute haben es viel zu einfach!“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

© 2017 Stilstand

Theme von Anders NorénHoch ↑