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Das Grauchen

Die Frauenquote kommt einer Enteignung gleich. Und das in einem Rechtsstaat. Der legitimiert sich nämlich nicht über Quötchen, Soziales und anderen Politik-Kitsch …“

Jetzt wissen wir’s, ‚Soziales‘ ist bloß so’n ‚Polit-Kitsch‘. Das meint jedenfalls Alexander Grau dort drüben im ‚Wachtturm‘ des Neoliberalismus, dem ‚Cicero‘.

6 Kommentare

  1. Gesellschaften „gestalten“ zu wollen, ist nichts anderes als der Ausdruck moralischer Überheblichkeit und totalitärer Machtfantasien.

    …und nur eine ungestaltete ist eine freie Gesellschaft?

    Die Frauenquote unter den somalischen Warlords dürfte jedenfalls ganz nach dem Herzen von Herrn Grau sein.

  2. Den Grau lese ich nicht mehr, der argumentiert zu abstrus. Da ist Hopfen und Malz verloren.

    Trotzdem sind Quoten aus ethischer Sicht hoch problematisch. Für eine Frauenquote müssen bis zu deren Erfüllung gleich- oder besser qualifizierte Männer bei Beförderungen und bei Einstellungen diskriminiert werden. Wie sollte es auch anders funktionieren? Hier büßen jüngere Männer für die Privilegien der Opageneration.

    Wenn man sich darauf festlegt, dass die gesamte männliche Führungsriege in den deutschen Unternehmen nur aufgrund eines strukturellen Paternalismus‘ in diese Positionen gekommen ist, ist die einzig saubere Lösung, diese Leute rauszuwerfen, neu auszuschreiben und nur nach Qualifikation neu zu besetzen. Wegen der Machtverhältnisse und der rechtlichen Situation wäre das natürlich kaum durchsetzbar.

    Oder man geht den steinigen aber einzig fairen Weg, künftig nur nach Qualifikation zu besetzen, bis nach vielen Jahren der Frauenanteil erreicht ist, der in der jeweiligen Branche der Qualifikation und den Berufswünschen von Frauen und Männern entspricht. (Wobei hier die Frage nach der Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Frauen UND Männer sowie die Aufteilung der Familienarbeit zwischen den Geschlechtern sehr wohl zu diskutieren ist!).

    Ich bin mir nicht einmal sicher, ob Quoten überhaupt mit einem empirisch geerdeten Feminismus zu vereinbaren sind. So weit ich weiß, hat man in der Psychologie herausgefunden, dass sich die Personen innerhalb ihres eigenen Geschlechts von den Persönlichkeitsmerkmalen her stärker unterscheiden, als die Geschlechter untereinander. Will heißen, Frauen und Männer sind sich im Schnitt ähnlicher, als Männer und Frauen untereinander. Bei vielen Männer überwiegen also die als typisch „weiblich“ belegten Persönlichkeitsmerkmale. Eine Quote schert aber alle über einen Kamm. Sie betrifft auch „weiblichere“ Männer und sicher vielfach auch solche, die aufgrund ihres Mann-Seins kaum Privilegien und in der Schule möglicherweise sogar Nachteile hatten. Ob so ein Sippenhaft-Feminismus den Menschen gerecht werden kann, ist fraglich.

    Die verengte Perspektive des Quotenfeminismus hat auch eine unschöne gesellschaftspolitische Dimension: Verwerfungen einer pervertierten Marktwirtschaft werden als Männerprobleme fehlgedeutet. Dieser Fokus auf das Geschlecht allein bindet Ressourcen und verbaut den Weg hin zu nötigen Reformen der ökonomischen Spielregeln.

    Aus Sicht der Profiteure der aktuell bestehenden Wirtschaftsordnung ist die Quotendebatte ohne Frage hoch willkommen angesichts ihrer „Teile und Herrsche“-Strategie. Der Feminismus hat nur eine Zukunft, wenn das Feindbild „Mann“ überwunden und die Frage nach dem „Emanzipieren wovon?“ neu gestellt und ehrlich beantwortet wird.

  3. @ Werner Becker: Das mag ja alles sein, und ich habe mich auch lange genug (sechs Jahre) in einer Organisation herumgetrieben, die als erste Quoten einführte (bei den Grünen in Bremen in den 80ern nämlich). Es ist alles halb so wild – in den Vorständen können sie zukünftig nicht mehr ganz so viel Zoten reißen, das war’s auch schon.

    Oder aber, man ist der irrigen Ansicht, dass in Unternehmungsführungen immer nur die Qualifiziertesten eingestellt würden. Dem widerspricht aber die Empirie und das grassierende Scheitern solcher Supermänner – das sind im Grunde sich selbst ergänzende Systeme, geführt von Papiertigern: Eine sich selbst dazu ausrufende ‚Elite‘ wählt einen aus dieser ‚Elite‘ nach dem Vitamin-B-Prinzip. Denke mal an all die abgehalfterten Politiker, die dort versorgt werden, und das bestimmt nicht aufgrund ihrer Qualifikation. Man könnte dazu auch Inzucht sagen. Die Intelligenz von Managern wird notorisch überschätzt – so’n dickes Gehalt, denkt sich Lieschen Müller, also müssen sie auch etwas taugen. Ja, Kustepuchen! Der Erfolg von Unternehmen wird regelhaft auf der mittleren Ebene erzeugt, in den Forschungs- und Konstruktionsabteilungen bspw., die oben stecken sich nur die Pfauenfedern in den Mors.

    Darum ging es mir hier aber gar nicht. Mir ging es darum, dass der Herr Grau jede Änderung an seiner ebenso festgefügten wie gestrigen Welt als Polit-Kitsch abtut, und alles Soziale gleich dazu … dabei ist das Soziale die Grundlage aller staatlichen Legitimität. Der Herr sollte mal ein wenig Geschichte studieren.

  4. @klaus

    was aber alles wiederum nicht so viel daran ändert, was werner da so alles gesagt hat – ich finde auch, daß die unterscheidung mann/frau und die daran anschließende „eintütung“ in „die sind so und so“ eine aberwitzige idee ist.

    man muss sich aber nicht in komplett idiotische verlustängste wie der herr grau, der ja nicht alleine ist mit seinem jammer über den verlust dessen, was er mal als die „gute alte zeit“ empfunden haben mag, einstimmen … und das hat werner doch schön vorexerziert.

    ich habe jedenfalls eure beiden kommentare geschätzt 🙂

  5. @ hardy: „Frauen sind die Neger unserer Gesellschaft“, hieß es damals. Das ist zwar ein wenig übertrieben, aber dass die Hälfte der Bevölkerung, an der nun mal überwiegend die sogenannte ‚Reproduktionsleistung‘ hängen bleibt, in vieler Hinsicht benachteiligt ist, das scheint mir auch klar. Also muss man für Ausgleich sorgen. Ob ausgerechnet durch Aufsichtsratssitze, das ist wiederum eine andere Frage …

  6. oha! yoko …

    aber, wie ich lese, sind ja die zeiten endgültig vorbei, in denen männer um sex bettelnd faruen wie pissoirs behandeln 😉

    [..] Ob ausgerechnet durch Aufsichtsratssitze,
    [..] das ist wiederum eine andere Frage …

    ich glaube, das sehen wir so ziemlich identisch, das zu einer frage einer quote zu machen ist dooooof … aber zur not auch ein netter anfang.

    obwohl ich ja (nowadays) denke, daß die frauen tödlichst beleidigt sein sollten. daß man ihnen so was überhaupt wagt, anzudienen 😉

    oot: gerade das letzte buch von scholl latour zu ende gehört und – wie sagt der engländer – i couldn’t agree more. sehr erhellend und im grunde an fast (..) jeder stelle, als ob er meine gedanken lesen konnte.

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