Stilstand

If your memory serves you well ...

Das Frage-Nichtantwort-Spiel

Politiker dürfen fast alles – vor allem nicht auf Fragen antworten, die ihnen gestellt werden. Damit ihr notorisches Nichtantworten auffällt, muss man ein feines Ohr mitbringen. Journalisten lassen, meist aus Resignation, die Wortflüchtigen auf ihren Kabinettsesseln gewähren und nehmen ihnen auch die Unantworten ab. Hier ein Beispiel:

Bekanntlich geht in der Landeshauptstadt Kiel derzeit alles drunter und drüber, dem Land droht wegen der steuergeldverschlingenden HSH-Nordbank sogar der Staatsbankrott, und das macht sich schlecht, wenn zu dem Zeitpunkt, wo das endgültig auffliegen würde, auch noch Wahlen vor der Tür stehen. Auch deshalb, vermuten viele Beobachter, wollte der Ministerpräsident, ein Käpt’n Blaubär von der Waterkant namens Peter Harry Carstensen, unbedingt einen früheren Wahltermin im meerumschlungenen Kabarett an der Förde vom Zaun brechen. Damit er im Windschatten der Bundeskanzlerin zum Sieg segeln kann und erst einmal gar nicht mehr zur Wahl steht, wenn die politische Stinkbombe platzt und die Grausamkeiten beginnen.

Als in dieser Situation der Chef der mitregierenden Opposition im Lande, ein cholerischer SPD-Fliegenträger namens Ralf Stegner, sagte, dass er von den millionenschweren Sonderzahlungen an einen landeseigenen Banker namens Jens Dirk Nonnenmacher – übrigens ein höchst seriöser Mann mit einer absolut vertrauenserweckenden Entenschwanzfrisur – als also Stegner sagte, dass er von den landesväterlichen Geldrausschmeißereien absolut nichts gewusst habe, da schien dem graumelierten Ministerpräsidenten mit dem treuherzigen Augenaufschlag der Zeitpunkt für einen Neuwahl-Coup gekommen.

Carstensen behauptete also nassforsch daher, der Stegner habe sehr wohl von dieser üppigen Apanage gewusst; er habe deshalb jetzt die Schnauze voll von den ewigen Quertreibereien seines angeblichen Koalitionspartners, er trete die Koalition hiermit in die Tonne. Yo – starker Auftritt: Von Anfang an blieb dabei die Frage offen, wer hier jetzt wen verraten habe – wobei der Verdacht zunächst auf Stegner fiel, der allen als ein Mann mit Knallfroschqualitäten gilt. Glaubt man allerdings dem ‚Spiegel‘, dann hätte im Gegenteil der Ministerpräsident in dieser Angelegenheit so dreist an der Wahrheit gedreht, dass sich die Balken am Dachstuhl des Kieler Parlamentes beim Fremdschämen biegen müssten.

Zurück zum Thema: Die Journalisten fragten natürlich auch die Fraktionsvorsitzenden und die Minister, ob von der SPD denn die vertragliche Vergoldung der Nüsse dieses höchst seriösen Landesbankers mitbeschlossen worden sei. Für die SPD antwortete Stegner, dass die SPD „daran nicht beteiligt“ gewesen sei. Was nach allem was man weiß, der Wahrheit ziemlich nahe kommt, auch wenn Teile der angie-frommen Presse hier noch unter Einsatz großer Mengen von Rabulistik intervenieren. Finanzminister Wiegard von der CDU hingegen, der glänzte mit jener klassischen Nichtantwort, von der hier die Rede ist. Er sagte: „Es hat kein Nein gegeben„.

Vergleichsweise ist das so, als wenn hier in der Gegend der Bauausschuss des Ortsamtes den vierspurigen Ausbau der XYZ-Straße beschließt. Wenn sich Anwohner jetzt beschweren, weil sie an dem Verfahren nicht beteiligt worden seien, dann stellt sich also der Ausschussvorsitzende hin und sagt: „Es hat von Ihrer Seite doch kein Nein gegeben„. So als ob jemand zu einem Sachverhalt, von dem er gar nichts weiß, Ja oder Nein sagen könnte.

Der Wiegard aber, der kam mit seinem Winkelzug durch. Die versammelte Journalistenschar gab sich zufrieden. Bis auf diesen taz-Redakteur, der ‚Marks Müüs‘ merkte.  Der Rainer Wiegard von der CDU aber hat sich als geborener Nichtantwortgeber für höhere Aufgaben qualifiziert, falls der Peter Harry in dieser Affäre unversehens doch noch über seine eigenen Schnürsenkel fallen sollte …

5 Kommentare

  1. Dabei ist alles so einfach, der Herr C. aus K. – ein aktenkundiger Feigling* – hat gar nicht gelogen, was dubiose Zahlungen an noch dubioserer Gang-Mitglieder** angeht. Er hat den Brief seines Kollegen B. aus H. weiter verwendet. Schon um dem Steuerzahler Geld zu sparen, da kopieren günstiger ist als neu gestalten.

    Was kann Herr C. dafür, dass Herr B. eine Handlungsweise dokumentiert, die einfach nicht den Gepflogenheiten Schläfrig-Hohlschweiner Politik entspricht? Im Grunde kann man Herr C. also nur eine gewisse Schlampigkeit in der täglichen Arbeit vorwerfen. Das sollte aber kein Grund für eine Hexenjagd sein, gehört es doch nicht zur Jobbeschreibung eines Ministerpräsidenten, Briefe zu lesen [schon gar eigene], sondern mehr oder weniger lokale Fettbomben auf regionalen Großfeierlichkeiten zu verdrücken.

    *Wie sonst soll jemand genannt werden, der vorzeitig seinen Dienst am Volke aufgibt und dann noch nicht mal gewillt ist, selbst die nötigen Taten auszuführen, sondern andere darum bittet?
    **Wenn mehrere Kriminelle sich zusammentun nennt man das doch ‚organisiertes Verbrechen‘, oder?

  2. Wolfgang Hömig-Groß

    19. Juli 2009 at 9:52

    Zum in der Überschrift angerissenen Themenfelds habe ich letztens etwas Neues gelernt, als mir ein Freund, der bei Ebay auch Pressekontakte wahrzunehmen hatte, von seiner dortigen Schulung berichtete. Da bekam er nämlich beigebracht, dass Ebay (wie vermutlich alle Unternehmen – die Bahn macht’s in Sachen Berliner S-Bahn grad schön vor) gar keine Fragen beantwortet, sondern „sich zu Themen äußert“. Ein feiner und perfider Unterschied; Journalisten allerdings sollten ihn kennen und sich nicht für fragwürdige Interessen instrumentalisieren lassen. Mich hat dieser Lernprozess bereichert – ich höre seitdem anders, leider auch das Versagen der Journalisten.

  3. Mich erinnert das Nichtantwort-Spiel oft an die Anekdote von dem alten Biologie-Professor, der bekannt war dafür, dass er gern und viel über den Regenwurm prüfte. Als ein argloser Prüfling von diesem Professor unerwarteterweise nach dem Elefanten gefragt wurde, stockte der einen Moment, dann anwortete er: „Der Elefant ist ein großes Tier mit einem Rüssel, der aussieht wie ein Regenwurm. Der Regenwurm wiederum …“ usw.

  4. Das erinnert mich ja an „Per Anhalter durch Galaxis“:

    „Bewohner der Erde, bitte herhören. […] Hier spricht Prostetnik Vogon Jeltz vom Galaktischen Hyperraum-Planungsrat […] Wie Ihnen zweifellos bekannt sein wird, sehen die Pläne zur Entwicklung der Außenregionen der Galaxis den Bau einer Hyperraum-Expreßroute durch Ihr Stemensystem vor, und bedauerlicherweise ist Ihr Planet einer von denen, die gesprengt werden müssen. Das Ganze wird nur etwas weniger als zwei Ihrer Erdenminuten in Anspruch nehmen. […] Es gibt überhaupt keinen Grund, dermaßen überrascht zu tun. Alle Planungsentwürfe und Zerstörungsanweisungen haben fünfzig Ihrer Erdenjahre lang in Ihrem zuständigen Planungsamt auf Alpha Centauri ausgelegen. Sie hatten also viel Zeit, formell Beschwerde einzulegen, aber jetzt ist es viel zu spät, so ein Gewese darum zu machen“

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