Stilstand

If your memory serves you well ...

Darwin, ein Sozialdarwinist?

Ja, ich halte mich für vernunftbegabt und bin daher ein Anhänger der Evolutionstheorie, die eigentlich längst schon keine Theorie mehr ist. Zu üppig sind die Befunde, die für sie sprechen. Der theoretische Vorbehalt wird ja zumeist aus gesellschaftlicher Rücksicht eingeführt, um gewisse Kreationisten nicht zu vergrellen, die da meinen, ein höheres Wesen hätte den ganzen Weltzirkus binnen sieben Tagen aus dem Boden gestampft – einschließlich des Bodens.

Trotzdem – nehme ich das Wort „Darwinismus“ in den Mund, dann kommen mir selbst beste Freunde mit seltsam dummen Einwänden daher. Ob ich denn nicht auch meine, dass es gelte, die Schwächeren gegen die Stärkeren zu schützen, Nischen für Lebensformen zu erhalten usw. Kurzum – diese Freunde haben keine Ahnung vom Darwinismus. Das beginnt schon mal damit, dass Charles Darwin weder den Begriff „Evolution“ noch das „Überleben des Passendsten“ (’survival of the fittest‘) prägte. Diese Ausdrücke stammen von Herbert Spencer, der beides schon verwendete, lange bevor Darwin seine Hauptwerke veröffentlichte.

Herbert Spencer war gewissermaßen der Alfred Rosenberg des Manchesterkapitalismus, ein elitärer Chef-Ideologe während der Regierungszeit von Königin Viktoria, ein Erich Däniken der Ökonomie, ein Bestseller-Autor im Wissenschaftsgewand, der das erfand, was heutzutage ‚Sozialdarwinismus‘ genannt wird. Was wir aber besser ‚Sozialspencerismus‘ nennen würden, weil es mit Charles Darwin rein gar nichts zu tun hat. Was Herbert Spencer schrieb, klingt vielmehr oft so, als hätte man Andrea Seibel mit Ulf Poschardt gekreuzt:

„Die Freunde der Armen sind blind gegenüber der Tatsache, dass die Gesellschaft nach der natürlichen Ordnung der Dinge ständig ihre ungesunden, unfähigen, langsamen, unzuverlässigen Mitglieder ausscheidet, und deshalb befürworten diese zwar wohlmeinenden, aber gedankenlosen Menschen einen störenden Eingriff, der nicht nur den Reinigungsprozess zum Stillstand bringt, sondern den Niedergang sogar verstärkt – weil sie die Vermehrung der Unfähigen begünstigen, indem sie ihnen unerschöpfliche Versorgung bieten.“

Man setze statt ‚Freunde der Armen‘ das Wort ‚Gutmenschen‘, und statt der ’natürlichen Ordnung der Dinge‘ die ‚Kräfte des Marktes‘ – schon wäre dies ein Beitrag, mit dem man auf einem FDP-Parteitag oder vor dem Rotary Club durchaus Beifall ernten könnte. Es ist deshalb aber noch lange kein ‚Darwinismus‘, auch kein ‚Sozialdarwinismus‘ – weil die liberale Ideologie nun mal fern jeder Evolutionstheorie siedelt, fern von jeder Wissenschaft überhaupt: In der marktradikalen Ausprägung handelt es sich um bloßen Egoismus an individualistisch verbrämtem Wortklingeling.

So übernahm zwar Charles Darwin später den Begriff des ’survival of the fittest‘, er verwandte es aber schlicht in  jenem Sinne, das alles, was in eine Nische ‚passt‘ und überlebt, auch evolutionär erfolgreich sei. So gibt es kleine Fische, die großen Raubfischen die Maden aus dem Zahnfleisch polken, es gibt die Malariamücken, die – aus der Sicht eines neutralen Betrachters – einen sehr sinnvollen Kreislauf der Reproduktion geschaffen haben, auch wenn Ärzte das anders sehen, es gibt Vögel, die mit ihrer Schnabelform von der Existenz einer einzigen Blüte abhängig sind – sie alle zählen zu den ‚fittest‘, sie alle können in ihrer Nische überleben, weil sie dort hineinpassen wie der Schlüssel ins Schloss. Das ’survival of the fittest‘ ist auf diese Art zu lesen, es hat nichts zu tun mit einem ‚Überleben des Stärkeren‘, wozu es die Nazis mit ihrem schlichten Verstand umzufälschen versuchten. Das Gesetz lautet schlicht: Was überlebt, hat überlebt.

Die späteren Spenceristen – die heutigen Ordoliberalen – versuchten zunächst die Zeitebenen von Darwins Theorie zu fälschen, indem sie ‚lamarckianisch‘ bestimmte kulturelle Errungenschaften als ‚darwinistisch‘ darstellten, zum Beispiel den Fortschritt vom Jagen und Sammeln über die Landwirtschaft bis hin zur Industrie. Doch der Zeithorizont, in dem sich Darwins Schauspiel von reproduktivem Erfolg und genetischem Zufall abspielt, umfasst regelmäßig Zigtausende von Jahren. Ob Kaufmann oder Raubritter – der Mensch bleibt doch immer der gleiche alte Affe. Die Menschheitsgeschichte mit ihren 20.000 Jahren Kultur wäre gar nicht alt genug, um einen ‚evolutionären Erfolg‘, eine artspezifische Variation im Sinne Charles Darwin’s durchzusetzen. Nur die menschliche Kultur wirkt auf solchen Wandel ein, hier lernt die nachfolgende Generation tatsächlich von der nachfolgenden – ein Handwerker zum Beispiel die Handgriffe vom Vater, der Jung-Banker den Derivatehandel vom Chef.

Solche Imitation kommt in der Evolution dagegen nie vor, auch wenn einige das postulieren. Lamarck, der große französische Biologe der Revolutionszeit, hatte zum Beispiel die langen Hälse der Giraffen darauf zurückgeführt, dass hier die Elterngeneration Selektionsvorteile beim Pflücken von Akazienblättern an die nachfolgenden Generationen weitergäbe (‚erworbene Eigenschaften‘), bevor dann die (Wieder-)Entdeckung der Mendel’schen Gesetze solchem intellektuellen Unfug den Garaus machte.

Die Evolution verwendet schlicht ein höchst erratisches Trial-and-Error-Verfahren: Individuen mit genetisch höchst lottohaft erzeugten Merkmalen, die sich dann als Vorzug erweisen, werden faktisch weniger oft gefressen, sie brechen sich weniger oft den Hals und zeugen dementsprechend öfter auch Nachkommen, bis sich eine solche variante Gruppe nach zahllosen minimalen Änderungen und nach einigen zehntausend Jahren weit genug vom Hauptstamm fortentwickelt hat, um eine eigene Art zu bilden.

Der eigentliche Motor der menschlichen Entwicklungsgeschichte ist also nicht die Evolution, auch nicht der Sozialdarwinismus, es sind schlicht Kultur und Gesellschaft, welche Menschen viel stärker und nahezu ausschließlich prägen. Während die Evolution im Kern stets mehr Vielfalt bewirkt, immer neue Äste am Baum des Lebens, drängt die Kultur aufs Gegenteil, auf immer mehr Einfalt: Erst trank der Amerikaner Coca Cola, dann der Europäer, heute auch der Chinese, Tibeter und Inder. Der Absatz euterwarmer Yak-Milch geht seither zurück; das Yak und die Yak-Milch, sie sterben ‚aus kulturellen Gründen‘ aus.

Mit anderen Worten: Wer – wie der Ultraliberale – meint, dass alle Menschen gleich ihm leben oder aber verrecken sollen, alle gleich tüchtig, gleich sparsam, gleich langweilig, weil das angeblich ‚evolutionär erfolgreich‘ sei, der ist mit Sicherheit kein Darwinist. Er ist vielmehr ein Kulturalist und Ideologe, schlicht der Angehörige einer bestimmten Kultur, die sich – im Gegensatz zu den Evolutionsresultaten – deshalb auch ganz rasch ändern kann. Wie zum Beispiel in der französischen Revolution oder beim Fall der Mauer. Gescheitert ist dann bloß das System. Eine Art aber, die scheitern würde, die fände nie wieder eine neue Nische. Sie wäre schlicht nicht mehr da …

2 Kommentare

  1. Jetzt muss ich erst mal suchen, wer oder was „Andrea wie hieß sie nochmal?“ ist oder war.

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