Stilstand

If your memory serves you well ...

Da nicht sein kann …

Irritierend ist oft das vorschnell Hingehuschte im deutschen Feuilleton. Wie dieses Beispiel aus dem ‚Neuen Deutschland‘ zeigt. Dankenswerterweise weist der Rezensent, Klaus Bellin, auf eine endlich unredigierte Ausgabe von Hans Falladas letztem großen Roman hin – auf ‚Jeder stirbt für sich allein‘. Ein Zeitroman, der wie kein anderer das Schicksal kleiner Leute im nationalsozialistischen Deutschland nachvollziehbar macht, und zwar eben nicht nur dasjenige des Ehepaars Quangel, sondern auch dasjenige all der Mitläufer, Dulder, Lavierer und Sadisten drumherum. Hier duftet es nicht exilantisch-feuchtwangerisch nach Bildungsbürgertum und Havannas, sondern auf jeder einzelnen Seite nach Kohlsuppe, Bügelwäsche, Bohnerwachs und verstockter Renitenz.

Himmelschreiend falsch aber sind Passagen wie die folgende, die vielleicht ideologischen Erwartungen auf der linken Seite entsprechen, aber nun mal nicht den Fakten:

„Es war sein bestes Buch seit langem. Das wusste auch Fallada, der sich, schwach, labil und ausgebrannt, mit harmloser, lauer Unterhaltungsliteratur über die Nazizeit gerettet hatte.“

Das ist Bullshit. Natürlich hat Fallada, ständig bedroht durch Schreib- und Publikationsverbote, in dieser Zeit viel Unterhaltungsware geschrieben, von ‚Damals bei uns zu Haus‘ bis hin zu ‚Fridolin der freche Dachs‘. Seinen größten Roman, ‚Wolf unter Wölfen‘, den aber schrieb er eben auch in jener Nazi-Zeit. Das dicke zweibändige Opus konnte unter der Ägide von Goebbels‘ Propagandaministerium unter großem Getöse erscheinen, nämlich im Jahr 1937. Überspitzt lässt sich sogar sagen, dass ‚Wolf unter Wölfen‘ das einzig bedeutende Literaturwerk ist, das in Deutschland unter der Nazidiktatur überhaupt publiziert wurde. Und inhaltlich-ideologisch blieb es zugleich derart unverdächtig, dass es sowohl in der DDR wie in der Bundesrepublik gleich nach dem Krieg zahlreiche neue Auflagen erlebte. Es ist also nichts mit einem Fallada, der unter den Nazis nur noch ’seichte Unterhaltungsware‘ geschrieben haben soll, selbst der ‚Eiserne Gustav‘, ein Buch, das Fallada mit einer Paraderolle dem Emil Jannings auf den Leib schrieb, ist trotz eines zeitweilig angeflanschten „SA-Schlusses“ kein literarisch unverächtliches Werk.

Im Grunde weiß dies der Rezensent im ‚Neuen Deutschland‘ selbst. Denn nahezu im gleichen Atemzug widerspricht er sich, wenn er uns das neue Buch als das stärkste seit ‚Wolf unter Wölfen‘ vorstellt:

„Das umfangreiche Gestapo-Material dokumentierte das Schicksal eines alten Berliner Ehepaars, das sich mit Flugblättern gegen Hitlers Krieg gewehrt hatte und hingerichtet worden war. Der Stoff lag ihm fern, aber schließlich fing er doch Feuer und schrieb, wie er fand, »einen wirklich großen Roman«, seinen stärksten nach »Wolf unter Wölfen«.

Erläuterungsbedürftig wäre es also, wie es diesem schwerst drogenabhängigen Hans Fallada gelang, mitten in der braunen Diktatur intellektuell satisfaktionsfähige Literatur zu schreiben und zu veröffentlichen. Dass Fallada von Goebbels hochverehrt wurde, und damit eine gewisse Narrenfreiheit unter den Rassisten genoss, wäre vielleicht ein erster Ansatz zur Erklärung …

4 Kommentare

  1. …ich glaube, ich muss das hier oben noch ein drittes und viertes Mal lesen; so ganz schlau wurde ich nicht daraus: ist Fallada nun… ist er nicht? und wenn ja/nein: was? Und was hat der ND-Schreiber falsch gemacht oder falsch erkannt oder falsch geschrieben?
    Falladas „Fridolin der Dachs“ (ich kenn es nicht) ist also keine harmlose Unterhaltungsliteratur (klingt aber so) …sondern?
    (‚tschuldigung für meine Unkenntnis: sicher nur meine Schuld).
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    Dass das Fäuleton (copyright: der Don) oft Unausgegorenes oder sogar Mist schreibt, mal hochgestochen schwafelt, mal aus Unkenntnis manches falsch beschreibt, nicht selten sogar komplett irrt, ist mir seit Jahrzehnten leider nur allzu geläufig.
    Das Feuilleton im ND – das allerdings kenn‘ ich nicht. Ich vermute, es ist ähnlich verschwurbelt(?), also auch dem vermuteten Zeitgeist hinterher hechelnd …oder ihn suchend, um dann vermeintlich vorne die Richtung anzugeben: Da geh’t lang!
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  2. Hans Fallada hat in der Nazi-Zeit eben nicht nur resignierte Unterhaltungsliteratur geschrieben – obwohl auch Kinderbücher und Memoiren zu dieser Zeit zu seinem Repertoire gehörten. Vielmehr entstand sein Hauptwerk gerade in dieser dunklen Zeit – und es konnte paradoxerweise sogar veröffentlicht werden (‚Wolf unter Wölfen‘). Er war im Dritten Reich künstlerisch daher weder „labil, noch schwach, noch ausgebrannt“ als Folge der politischen Bedingungen ringsum, sonst hätte er ein solches Buch nicht schreiben können, allenfalls war er periodisch immer mal wieder ein körperliches Wrack, aufgrund seiner diversen Süchte. Es gab bei ihm also keinen literarischen ‚Bruch‘, der durch die GröSchwaZ-Herrschaft oder durch übermäßigen politischen Druck verursacht worden wäre. Das ist eine Wunschkonstruktion, um ihn für gewisse literaturgeschichtliche Traditionslinien zu retten, aber keine Beschreibung der Realität.

    Selbst die Nazibewegung war seinethalben gewissermaßen gespalten, es gab mehr oder minder geheime Bewunderer wie Goebbels – und auf der anderen Seite bspw. Himmlers SS-Blätter, die ihn als „dekadenten Asphaltliteraten“ beschimpften, weil das Volk bei ihm nie so glattgeschleckt und germanisch aussah, wie die heroischen Statuen eines Arno Breker es ideologisch vorzeichneten. Wie dem auch sei – Fallada ist und bleibt der große ‚Realist des Kleinbürgertums‘ in der deutschen Literatur. Er hätte längst eine vernünftige Werkausgabe verdient.

    Im ND ist ansonsten das Föjetong nahezu das Einzige, was dort mitunter lesbar ist.

  3. Ja, die „Erwartungen auf der linken Seite“: Vermutlich hat der ND-Journalist ein bisschen getrickst, damit das eine Buch Falladas, das direkt im Auftrag der neuen (kommunistischen) Machthaber entstand, in besonders schönem Licht erstrahlt. Kürzlich las ich in einer Fallada-Biografie, dass Johannes R. Becher Fallada nicht nur die Akte besorgt hat, damit er den erwünschten antifaschistischen Roman schreiben kann, sondern dass er diese Akte auch schonmal vorsortiert hat, damit der Autor nur ja die richtigen Informationen bekommt. Angesichts dieser Tatsache wirkt es zumindest ein bisschen naiv, wenn das „Neue Deutschland“ jetzt von der ungekürzten und lektoratsbereinigten Neuausgabe schwärmt – denn was ist an einem Buch zu bereinigen, das schon vor dem Entstehen und ohne Wissen des Autors manipuliert wurde? (Das schmälert natürlich nicht Falladas Leistung – ich hab das Buch gern gelesen, aber es ist immerhin zu bedenken.)

  4. Vor dem großen ‚literarischen Kehraus‘ Ende der 60er Jahre konnte in der DDR sogar der ‚eiserne Gustav‘ nochmals erscheinen – und was der Herausgeber (Günter Caspar) dort an ideologischem Eiertanz aufs Parkett legte, um seine Redigierarbeit zu rechtfertigen, das ist hermeneutisch-akrobatisch schon sehr beachtlich.

    Johannes R. Becher, der DDR-Kulturminister, war einer der größten Bewunderer Falladas. Nach dem Krieg unterstützte er den schwerstabhängigen Morphinisten vorbildlich (wiewohl vergebens), auch, indem er ihm das Gestapo-Material für seinen letzten Roman zur Verfügung stellte.

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