Stilstand

If your memory serves you well ...

Da hat es ‚Pop!‘ gemacht!

Wer Henryk Broders ‚Achse des Guten‘ im Streit verlässt, muss noch kein schlechter Mensch sein. Alan Posener, der Ex-Kommentarchef der ‚Welt‘, scheint die schweren Jungs von der Islamophobie-Front aber wohl der Linksabweichung zu verdächtigen. Dies könnte ein unbedarfter Leser jedenfalls glauben, wenn er sieht, wie ein wahrer Liberalinskij in seinem eigenen Blog, den ‚Starken Meinungen‘, im Kampf für den allzeit guten Kapitalismus und gegen den blutrünstigen Islam vom Leder zu ziehen vermag.

Doch um diesen Streit unter Nachbarn geht es hier nur am Rande. Jemand, der – wie Posener – Diskussionen um Wörter sowieso für Mumpitz hält, kann vermutlich auch nur Mumpitz produzieren, wenn er sich mit solchem Mumpitz wie Wörtern beschäftigt. Dieser Beweis ist hier zu führen.

So schrieb Posener jüngst einen Artikel für ‚Welt Online‘, wo er dem Bob Dylan – und posthum auch dem Jimi Hendrix – die mittelalterliche Ideologie der Taliban ins poetologische Sturmgepäck zu zaubern trachtete. Eine solche Menge Bullshit habe ich noch selten auf einem Haufen gesehen.

Dylan und Hendrix singen den Taliban aus der Seele, so macht der Pop-Literat seinem Herzen schon gleich in der Headline Luft. Eine Headline, die ungefähr so sinnvoll ist, wie „Plato ebnete dem Stalinismus den Weg„. Aha, denkt der darob erstaunte Leser: Dolle These! Weiterlesend erfährt er, dass dieser Jimi ja in seinem ‚Hey, Joe‘ immerhin eine Frau erschieße – und da könne man doch mal sehen!

Schaut man sich den Text – der übrigens gar nicht aus Hendrix‘ Feder stammt – dann genauer an, treffen wir im Song gleich auf zwei Personen, auf den Mörder und auf den Erzähler, der diesem gehörnten Liebhaber begegnet („Hey, Joe, I heard you shot your woman down …„). Hendrix‘ Position ist also gar nicht eindeutig bestimmt. Mal ganz abgesehen davon, dass solche Themen überdies in einer langen düsteren Folk-Tradition stehen, in derjenigen von Pete Seeger und Woody Guthrie. Wollte man also jedes Eifersuchtsdrama dieser Welt gleich als Ausbruch des inneren Talibans interpretieren … aber lassen wir das.

Schließlich beherrschten die amerikanischen Frauen das Killen untreuer Gespielen mindestens genauso gut wie die talibanösen Machos: „I wandered home / ‚tween twelve and one / I cried, „My God, what have I done?“ / I’ve killed the only man I love / He would not take me for his bride“ (‚Banks of the Ohio‘). Poseners geistige Taliban ließen sich folglich ebenso gut als radikale Feministinnen inszenieren, wenn’s denn irgendwo ein Blättchen gäbe, das solchen Murks druckte.

Unser Pop-Ikone halluziniert sich immer tiefer in sein Thema hinein. Wie einst der Mozart muss sich auch Bob Dylan anhören, dass sein ‚Like a Rolling Stone‘ „zu viele Akkorde“ hätte – fünf sind’s, um genau zu sein – und dass der Text sowieso zu lang sei. Jeder Musikhistoriker könnte ihm nun sagen, dass die Bedeutung dieses Songs gerade darin lag, dass er mit dem Drei-Minuten-Format des damaligen Hit-Radios radikal brach – das aber spielt für Posener alles keine Rolle, denn vor allem, sagt dieser Rabulist, sei es „ein misogynes Hasslied.“ Was für mich nur zwei Möglichkeiten offen lässt: Entweder hat der Kerl das Lied nie gelesen, oder aber er kann nicht lesen.

Im Kern, wenn man den Dylan’schen Halbschatten des Mehrdeutigen mal beiseite lässt, geht es in etwa um ein Mädchen aus gutem Hause, die ‚in her prime‘ das Leben in vollen Zügen genoss, und die nun einsam und verloren plötzlich vor dem Nichts steht und in eine ’neue Klasse‘ eintauchen muss, diejenige der Bums und Hobos, deren Leben sich auf der Straße abspielt. Da hätte sie jetzt zu lernen, wie das Leben wirklich ist: „When you got nothing, you got nothing to lose / You’re invisible now, you got no secrets to conceal. / How does it feel / How does it feel / To be on your own / With no direction home / Like a complete unknown / Like a rolling stone?„. In dem ganzen Lied kommt buchstäblich nicht eine Zeile vor, die irgendeine sexuelle Konnotation oder Machismo besitzt. Alan Posener muss schon kräftigst an den Tatzen lutschen, um seine These halbwegs blank zu polieren: Bob Dylan wolle sie höchstselbst „wie ein kleines Mädchen brechen„, behauptet unser Schlawiner. Im Original lautet die Zeile hingegen: „… but you break just like a little girl …“. Und zwischen einem ‚am Leben zerbrechen‘ und einem ‚von einem Mann gebrochen werden‘ bestehen für mich bis auf weiteres gewisse Unterschiede.

Es geht weiter – John Lennon hätte in ‚Norwegian Wood‘ einem Mädchen nach einem One-Night-Stand die Bude angezündet, in Wahrheit wird – ausweichlich des Liedtextes – eine ganze Nacht „until two“ nur gequatscht und der notgeile Jüngling darf auch nicht bei ihr, sondern nur in der Badewanne schlafen. Als er morgens allein aufwacht – „this bird had flown“ -, zündet er sich ein Kaminfeuer an und genießt den Tag. Nix ist’s mit One-Night-Stand und brennendem Haus …

So stolpert der Text seiner unhaltbaren These geschäftig und absolut ohne Sinn und Verstand weiter hinterher. Man fragt sich, was Posener solcher ‚Taliban-Lyrik‘ als Ideal entgegenzusetzen hätte. Nun, er verrät es uns: ‚Louie Louie‘ von den Kingsmen sei sein All-Time-Hit, vermutlich wegen dieses aussagekräftigen und absolut frauenfreundlichen Kurztextes: „Louie Louie na na na na na said we gotta go said Louie Louie oh baby said we gotta go„. Ein Text dieser Prägnanz kommt vermutlich dem Fassungsvermögen eines durchschnittlichen deutschen Pop-Literaten schon eher entgegen …

6 Kommentare

  1. Guten Tag Herr Jarchow,

    vielen Dank für diesen schönen Text. Er illustriert ein weiteres Mal, welches Kabinett von nugatores sich in dem Kuriositätenkabinett WELT inzwischen versammelt hat. Schmid, Poschardt, Broder, Maxeiner und Co., Posener usw., darunter gerne auch „alte linke Kämpfer“, die ihrem Hang zum Einfachen auf eben jene Weise „treu geblieben“ sind, die der Volksmund mit „von der Hure zur Betschwester“ umschreibt. Entsprechend die steilen Thesen, die „konservativ-intellektuellen“ Lesern „Geist“ und „Unabhängigkeit“ simulieren. Auch neokatholistisch bemühte „Ästheten“ wie Herr Mosebach sind da gerne gesehen. Und es gibt ja mehr Medienerzeugnisse dieser Sorte: Cicero, Fokus usw., wo Figuren dieser Art ihre Parkposition gefunden haben. Es gibt halt nichts, was es nicht gibt.

    Mit freundlichen Grüßen

  2. Douglas Fear

    27. Mai 2011 at 18:17

    Herrlicher Kommentar! Da sieht man, wie gebildet – wups, sollte wohl eher „verblödet“ lauten – manche Leute nun mal sind.
    Da ist wohl Harry Belafonte (oder wer auch immer das Lied zuerst getrallert hat) auch gefährlich – siehe die inzwischen nicht mehr taufrische Variante
    „Hey Mr Taliban, tally de banana!“

    Lachend in den Abend hinein… ein Danke!

  3. Ach gottchen — die bedienen halt ihren Markt: Seifenoper für Feuilletonleser, mitsamt dem notwendigen Selbst-Image der Marktteilnehmer (das von außen halt nur Dünkel ist).

  4. Tscha – erst kommt die Welt-Anschauung, dann werden die Fakten passend geklöppelt. Im Kern geht’s immer um die Zeit der damaligen ‚Jugendrevolte‘, von jenen zumeist „Alt-68er“ genannt, obwohl doch die Hippies mit diesen frugalen Marx-Exegeten nun wirklich nicht viel gemein hatten. Wenn ihr Affe erst einmal mit dem bewährten Gebräu gebührend abgefüllt wurde, dann deliriert er im Rausch die dollsten Sachen daher, sogar leibhaftige Taliban avant la lettre. Das Problem ist nur, dass auch die Lüge durchsetzungsfähig ist, die Wahrheit besitzt in dieser ‚Welt‘ keinerlei Privileg. Mundus vult decipi …

  5. Alan Posener

    1. Juli 2011 at 9:47

    Lese erst jetzt Ihren Beitrag. Hätte von mir stammen können, wenn der inkriminierte Artikel nicht von mir gestammt hätte. Hat jedenfalls Spaß gemacht, Ihrem Close Reading der Texte von Hendrix und Dylan zu folgen. Wobei Sie nicht auf „Stupid Girl“ etc von den Stones eingegangen sind, weil dann Ihre Argumentation in sich zusammengebrochen wäre. For the record: Ich bin ein großer Dylan-, Hendrix-, Lennon-, und Stones-Fan. Habe sogar ein Buch über Lennon geschrieben. Und Sie können, wenn Sie Lennons Interviews oder Keith Richards‘ Autobiographie lesen, dort durchaus entdecken, wie peinlich diesen Männern ihre frühere Frauenfeindlichkeit war / ist.

  6. Nun ja, ‚Stupid Girl‘ heißt aber nun mal auch ein Song von Pink, der man als Frau ja nun wirklich kein Macho-Gehabe unterstellen kann. Außerdem muss man aus dem Singular noch keine Rückschlüsse aufs Allgemeine ziehen, denn der Mick Jagger hat ja nicht von ‚Stupid Girls‘ gesungen, also nicht aufs Genre der Frauen überhaupt gezielt, sondern sich ein einzelnes Exemplar herausgepickt. Und wer noch keine blöde Frau getroffen hat, der ist nun mal nicht von dieser Welt. Macho wird man dadurch jedenfalls nicht. Auch bei „den Politikern“ gibt es bekanntlich Weizsäckers und Pofallas. Wenn Sie wirklich hätten treffen wollen, dann hätten Sie vielleicht den Umgang von ‚Led Zeppelin‘ mit Groupies heranziehen können, das war wirklich mal eine komplett schwanzgesteuerte Truppe, oder auch jenen ‚Gangbang‘, den die MC5 mal mit einer unbedarften Provinzdeern veranstaltet haben. Es gibt schon Beispiele, nur eben selten in Songtexten, meist im konkreten Verhalten und hinter der Bühne, wenn wir jetzt mal den Rap und die Goldkettchenfraktion außen vor lassen. Auch Marianne Faithful bietet in ihrer Autobiographie so einige saftige Anekdoten. Nur ist es von dort bis zu den Taliban dann noch immer ein weiter Weg …

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