Stilstand

If your memory serves you well ...

Christian Denso heißt er …

In der Zeit ist ein Artikel von einem gewissen Christian Denso erschienen, der hier, hier und hier für abgeleitete Aufmerksamkeit sorgte – und der sicherlich auch anderswo noch Wellen schlagen wird. Zum stilistischen Studium des verdeckt Denunziatorischen, wie auch zur Illustration einer Verabschiedung ehemaliger Qualitätsmedien in die fortschreitende Irrelevanz – für beides ist dieser Text gut geeignet, den ein fingerfertiger Jungjournalist – sagen wir mal – ‚verfasste‘. Beginnen wir mit der Eingangsthese, rhetorisch gesehen eine Parallelführung:

Stellen wir uns vor, ein CDU-Mitglied, bei dem kurz zuvor rassistische Schriften gefunden wurden, möchte zur SPD wechseln. Würden die Sozialdemokraten ihn als »aufrechten Demokraten« umgehend »herzlich willkommen« heißen? Und darauf hinweisen, dass die Partei »keinen Anlass habe, an seiner Unschuld und moralischen Integrität zu zweifeln, solange keine Verurteilung erfolgt«?

Ja – bitte, was wäre denn dann? Ich zum Beispiel, wiewohl kein CDU-Mitglied, habe hier im Regal Schriften von einem gewissen Herrn Beumelburg stehen, dito diverse Bücher von Zöberlein, Treitschke, dem frühen Heinrich Mann, Marr, Grimm, Dinter, Börries von Münchhausen usw. Alles Texte, die eindeutig als ‚rassistisch‘ zu bezeichnen sind. Ich nenne diese dunkle Zone meines Regals ‚die Giftecke‘ – und, ja, ich habe diese Bücher teilweise sogar gelesen. Denn ich halte diese Texte für zeitgeschichtlich wichtig – und ich glaube, dass historische Zeiten sich nicht zureichend erschließen lassen, wenn man immer nur die eine Seite des Mondes sieht. Was jetzt? Bin ich deshalb ein Nazischwein? Oder wo liegt der Clou in der ‚Beweisführung‘ des Herrn Denso?

Kurzum: Niemand, der seine fünf Sinne beisammen hat, darf mich wegen des Besitzes dieser Bücher einen ‚Rassisten‘ nennen. Ebenso wenig ist jemand, der im Besitz kinderpornographischen Materials ist, deswegen schon ein Kinderschänder. Schließlich bin ich ja auch noch lange kein Insinuant, nur weil ich mal einen Text von Christian Denso gelesen habe … kurzum, die angewandte Parallelführung hinkt in der Regel immer, als hätte sie am linken Fuß einen entzündeten Pferdehuf.

Als nächstes schreibt der uns hier Rede stehende Mensch davon, dass diese Piratenpartei in Deutschland „nicht sonderlich erfolgreich“ sei. Dafür aber, dass diese Partei nicht sonderlich erfolgreich ist, dafür reden Deutschlands Medien dann wieder erstaunlich viel darüber: Dass nämlich – hört, hört! – diese Partei aus dem Stand ein Prozent der Stimmen erzielte, dass sie einen Europaparlamentarier habe usw., zum Beispiel hier, hier, hier und hier. Diese Linkliste ließe sich nahezu beliebig fortsetzen. Densos Behauptung erweist sich damit als interessierte Wirklichkeitsgestaltung, die sich schon mit Hilfe seiner eigenen Berufskollegen ad absurdum führen lässt:

Du mußt versteh’n! / Aus Eins mach Zehn, / Und Zwei laß geh’n, / Und Drei mach gleich, / So bist Du reich. / Verlier die Vier! / Aus Fünf und Sechs, / So sagt die Hex’, / Mach Sieben und Acht, / So ist’s vollbracht: / Und Neun ist Eins, / Und Zehn ist keins. / Das ist das Hexen-Einmaleins!“

Auch schreibt Denso ja seinen Artikel doch wohl gerade deshalb, weil diese vormalige Pups-Partei inzwischen relativ erfolgreich ist. Sonst hätte sich ja auch keine Zeitung für sein Gemöhre interessiert. Was jedenfalls Denso hier praktiziert, das heißt im journalistischen Berufsjargon ‚Niederschreiben‘. Das Ziel dieses unbedenklichen Verfahrens ist die Piratenpartei, der man den Popanz Tauss um die Ohren haut …

Von dem Herrn Tauss hätten sich alle anständigen Bürger ratzfatz abzuwenden, so tönt es uns sinngemäß aus dem Text des ambulanten Moralpredigers jetzt entgegen – und leise wispert uns eine Denunze die Insinuationen der Spießermoral ins Ohr: Denn es sei doch wohl klar, dass der Tauss – igittegitt! – kinderpornographisches Material zumindest in den Händen gehalten haben müsse, aus welchen Gründen auch immer. Und von der persönlichkeitsverwandelnden Potenz des bloßen Kontaktes mit solchem Material wissen wir ja alle eingehend Bescheid – weshalb ja die ’süße Monika‘ auf der Seite 1 der BILD-Zeitung mit ihren Millionenauflagen sich auch so gern von ‚einem erfahrenen Mann‘ ‚mal verwöhnen‘ lassen möchte. Dort, wo die Moral der Hausväter die dicksten Blasen schlägt, da sind die Grenzen zwischen den abgebildeten nackerten Lolitas und dem Abscheu vor der Kinderpornographie besonders fragwürdig. Kurzum: Die These von der Kontamination und vom ‚Kontaktgift‘ weiblichen Jungfleisches ist Bullshit, sonst wäre das ganze Land dank ‚BILD‘, ‚Sexy‘ und ‚Praline‘ schon eine Nation von Kinderschändern.

Anders sieht das der Herr Denso: Von solchen Figuren wie Tauss könne man nur Maximaldistanz halten, zum Beispiel, indem man sich an den biederen deutschen Stammtisch flüchtet statt zur Piratenpartei:

Offensichtlich wurde einschlägiges Material bei dem Beschuldigten gefunden; umstritten ist allein, wofür Tauss es nutzte. Für die Piraten und ihre Sympathisanten sind die Ermittlungen kein Grund, Abstand zu Tauss zu wahren. Im Gegenteil.

Wobei auch ich – das halte ich hier wegen dieser immer dämlicher und ausufernder werdenden Diskussion mal fest – mit alldem keineswegs behaupten will, dass der Herr Tauss notwendigerweise unschuldig sein muss. Er ist aber bis auf Weiteres eben auch nicht schuldig. Und Fehler über Fehler hat er auch gemacht, selbst wenn er nur Recherchen betrieben haben sollte. Er wird ferner auch keineswegs als Wählermagnet für die Piratenpartei wirken – eher im Gegenteil. Die Partei erfährt dies gerade. Tauss ist politisch eine Leiche auf Urlaub – wie auch immer das Verfahren ausgeht. Trotzdem hat diese Partei ihn aufgenommen – nach dem Grundsatz: Solange kein Urteil ergangen ist, muss jemand als unschuldig gelten. Vor so viel politischer Naivetät habe ich dann schon fast wieder Respekt …

Man mag also diesen Umgang der Piratenpartei mit dem lädierten Internet-Experten des deutschen Bundestags politisch dumm nennen, Densos Text ist sogar ein Schulbeispiel dafür, dass er tatsächlich dumm ist. Man könnte aber auch sagen, die Piratenpartei wisse in ihrer Blauäugigkeit eben noch nicht, welches Ausmaß an Zynismus im deutschen Journalismus tagtäglich möglich ist. Natürlich auch hätten vergleichsweise die Union oder die FDP niemals Altnazis in ihre Reihen aufgenommen, die LINKE niemals einen einzigen Stasi-Kader. Um auch mal eine überzeugungskräftige Parallelführung in polemischer Absicht zu verwenden …

Trotzdem ist der Versuch, alle diejenigen, die sich im Umkreis eines bisher bloß Verdächtigen befinden, nun mit dem Kinderpornoverdacht einzuschmuddeln, eher einer BILD-Zeitung angemessen als der ZEIT, die bisher doch die Boulevard-Methoden des Revolverjournalismus eher ablehnte. Tempora mutantur … oder: Wat flattert denen die Unnerbüx! Und weshalb eigentlich? Ich jedenfalls wäre zehntausendmal lieber ein Pirat in der Piratenpartei als ein Christian Denso … ich bin aber beides nicht. Und das ist ja auch schön für einen kleinen Gemüseladen …

Nachtrag: Nach Betrachten des Fotos ziehe ich den oben verwendeten Ausdruck ‚Jungjournalist‘ zurück …


11 Kommentare

  1. Ja, der Artikel ist unter aller Sau – aber Deine eigenen Prämissen soltlest Du auch mal überprüfen.

    Um die Piratenpartei ist grade ein enormer Medienhype im Gange, der weit über den realen Erfolg der Partei hinausgeht. Nüchtern betrachtet ist sie eine von sehr vielen One-Issue-Parteien, die einen Abgeordneten nach Brüssel schicken – und in der Regel danach verschwinden. Die Piraten kamen in Deutschland bei der Europawahl auch nicht auf mehr Stimmen als krasse Aussenseiter wie die Naturrechtspartei oder die Familienpartei.

  2. Das sagte ich doch – dass die ‚Piratenpartei‘ vor allem in den Augen der Altmedien erfolgreich sei. Dass der Schreiber sich gegen seine Berufskollegen stellt, dass er seinen Denunzenartikel vermutlich auch nur deshalb durch die Redaktion bekam, WEIL dieser selbstreferentielle Hype derzeit existiert …

    Ob die Piratenpartei hingegen … – da bin ich mir unsicher, aber auch eher pessimistisch. Die Chance ist jedenfalls verschwindend klein – aber ‚one issue‘ genügt als Totschlagsargument nicht. Die Grünen begannen auch mal als One-Issue-Partei – und auch die Unzufriedenheit junger Menschen MIT ALLEN Parteien ist riesig, soweit ich das überblicke.

  3. Ist es wirklich Naivität von der Piratenpartei Tauss aufzunehmen und an der Unschuldsvermutung festzuhalten oder ist dieses Verhalten eher dem großen Idealismus innerhalb dieser noch sehr jungen Partei zuzuschreiben?

  4. Abseits der Frage, ob der Tauss nun selbst ein Schmuddel sei, geht mir ein wenig das Faktum unter, dass der Mann zugleich der einzige Bundestagsabgeordnete ist, der vom Internet wirklich fundiert Ahnung hat. So viel Kompetenz besitzen alle anderen Abgeordneten zusammengenommen nicht. Insofern passen Tauss und Piratenpartei ‚eigentlich‘ schon zusammen. Die Piratenpartei kann von Tauss viel lernen, vor allem, was Kontakte betrifft, politische Entscheider, Kräfte im Hintergrund, auch Gegenspieler etc. Ausschließlich Naivetät ist es sicherlich nicht …

  5. Ich habe nach dem Beispiel oben keine Lust, dieses Denso selbst zu recherchieren, oder gar seine weiteren Texte zu lesen. Zumindest nicht bevor mir glaubhaft versichert wird, das da wäre ein Ausrutscher.

    Schreibt der immer so, benutzt der immer den Paravent ‚Journalismus‘, um dahinter üble Hetze und strafrechtlich relevante üble Nachrede zu verbreiten?

  6. Glaube ich eher nicht. Er war wohl lange Zeit Polizeireporter, beim Hamburger Abendblatt in der legendären Schill-Zeit, bevor dieser Rechtsausleger koksauffällig wurde. Es mag sein, dass man nach solcher Schule habituell beginnt, die Welt in Täter oder Gesinnungsgenossen einzuteilen …

  7. „Natürlich auch hätten vergleichsweise die Union oder die FDP niemals Altnazis in ihre Reihen aufgenommen, die LINKE niemals einen einzigen Stasi-Kader. Um auch mal eine überzeugungskräftige Parallelführung in polemischer Absicht zu verwenden …“ – herrliche Polemik – besten Dank!

  8. In meinen Augen, wird Tauss nicht immer „verbrannt“ sein, weil ihm der Pädophilie-Verdacht fortan anhaften wird (schlicht weil ich es für extrem unwahrscheinlich halte, verglichen mit anderen pädophilen Politikern, interessanterweise alle in der CDU), sondern weil er sich schlicht wie ein Depp verhalten hat, zu glauben irgendjemand würde bei ihm, in seiner relativen Außenseiterposition, (nur bei Netzpolitik, ansonsten ist er ja ein Durchschnitts-SPDler, was leider viel zu wenig erwähnt wird) soetwas nicht nutzen um ihn abzusägen (wie passiert), und folglich sich absolut penibel und überkorrekt verhandeln, nichtmal auf seine Immunität vertrauen, z.B. eben seine sämtlichen Ermlttlungen schon unter BKA-Überwachung (sog. „Zusammenarbeit“) vornehmen, und absolut sicherstellen, dass er niemals (weil es ihm gar nicht möglich wäre etwas für den Eigenbedarf abzuzweigen etc) beschuldigt werden könnte das aus persönlichen Gründen zu tun. Das ist mir persönlich deutlich zu naiv. Offenbar hat er relativ wenig gelernt, in seiner schon langen Karriere, scheinbar hat er nie eine BILD aufgeschlagen, oder mehrere, und gelernt was eine politische Schlammschlacht ist, und dass die gerne auch in eigenen Reihen stattfindet, auch wegen deutlich lächerlicher Probleme als einer abweichenden Einstellung zur Netzpolitik. Wie also dieser blauäugige Tauss jetzt den Piraten, die ja sowieso schon deutlich zu idealistisch sind (man sehe sich mal an, was sie aus dem Hardcore-Zyniker fefe gemacht haben! Der war ernsthaft überrascht und enttäuscht dass die Petition schlicht ignoriert wurde) helfen nicht sofort von den etablierten im Schlamm begraben zu werden (vorher natürlich wird ihr Parteiprogramm raubkopiert)? Wie geradlinig ein Pirat vor die Wand läuft, das hat man ja in der 2-gegen-1 Phönix-Diskussion gesehen. (und wie eine richtige Diskussion aussieht, ohne Politiker, in der Phönix-Runde danach mit Alvar Freude)

    Also entweder Tauss entdeckt noch irgendwo einen Realitätssinn, oder eine große Horde zynischer Hacker tritt den Piraten bei, anders sehe ich keine Hoffnung.

    Worum gings nochmal im Blogpost?

  9. >z.B. eben seine sämtlichen Ermlttlungen schon unter BKA-Überwachung (sog. “Zusammenarbeit”) vornehmen, und absolut sicherstellen, dass er niemals (weil es ihm gar nicht möglich wäre etwas für den Eigenbedarf abzuzweigen etc) beschuldigt werden könnte das aus persönlichen Gründen zu tun.

    Seine Motivation hinter den eigenen Recherchen war, dass er dem BKA nicht mehr vertraut. Spätestens sein dem neuen BKA-Gesetz häuft es immer mehr Befugnisse an und tritt in solchen Verhandlungen dementsprechend als Partei und nicht als unabhängige Behörde auf.

    >und gelernt was eine politische Schlammschlacht ist, und dass die gerne auch in eigenen Reihen stattfindet, auch wegen deutlich lächerlicher Probleme als einer abweichenden Einstellung zur Netzpolitik.

    Tauss bekam vor ein paar Jahren bereits eine anonyme Anzeige wegen Steuerhinterziehung. Das Verfahren wurde eingestellt.

    >oder eine große Horde zynischer Hacker tritt den Piraten bei

    work in progress 😀

  10. Ein Aspekt wurde leider nicht berücksichtigt:

    Die Piratenpartei sieht sich selbst ja auch als Korrektiv zu den Schäubles im Land, die am liebsten die Unschuldsvermutung bei von ihnen zu definierenden Gefährdern dann gleich ganz aufgehoben haben möchten.

    Daß die Piraten auch im Fall Tauss mit derselben Konsequenz an diesem rechtsstaatlichen Prinzip festhalten, kann man naiv nennen – aber alles andere hätte die Piratenpartei völlig unglaubwürdig gemacht.

    Ob es von Tauss eine kluge Entscheidung war, bei den Piraten einzutreten, darüber läßt sich streiten, der Partei selbst ist hier aber kein Vorwurf zu machen.

  11. @ apoc: Das BKA? Das BKA? Sind das nicht diejenigen Jungs, die im Sauerland ein paar Fässern mit Blondierungsmittel (Wasserstoffperoxid) hinterhergehechelt sind? Weil das in Verbindung mit Weizenmehl eine ganz teuflische Wirkung entfalten können soll, viel schlimmer als Hiroshima? 😉

    @ Lars: Der Tauss hätte sich ja nicht gleich dem BKA offenbaren müssen, aber bei anderen Personen wäre das sehr wohl möglich gewesen. Und wenn es nur ein paar enge Freunde gewesen wären, die für ihn jetzt gutsagen könnten. In jedem Fall stünde er heute besser da …

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