Stilstand

If your memory serves you well ...

Kategorie: Zettelkasten (Seite 1 von 5)

Wenn Faschisten wählen lassen …

‚Stinkefinger‘ Mussolini: „Scheiß auf Wahlen!“

Ein Fundstück, das vielleicht einigen Rechten zeigt, wie das erwünschte Resultat bei Wahlen zustande kommen könnte:

„Am 6. April 1924 fanden die Wahlen in Italien statt. In seinem Machtzentrum Ferrara gab Italo Balbo, einer der Angehörigen des Quadrumvirats beim Marsch auf Rom, seinen Schwarzhemden Anweisungen. Vor jedem Wahllokal sollten sie den ersten Wähler, der herauskam, packen und mit den Worten zusammenschlagen: „Du Schwein, du hast die Sozialisten gewählt.“ Vielleicht hatte der arme Teufel ja für die Faschisten gestimmt, aber „dann hat er eben Pech gehabt“, sagte Balbo.“
(David I. Kertzer: Der erste Stellvertreter. Darmstadt 2016, S. 85)

Joachim Gauck zum Abschied

Deshalb, weil unser scheidender Bundespräsident immer in Maximaldistanz zu allen Verteilungsfragen so bürgerlich wertverhaftet zu predigen wusste:

„Die Bürgerschaft greift zu den Waffen,
Die Glocken läuten die Pfaffen.
Gefährdet ist das Palladium
Des sittlichen Staats, das Eigentum. …

Heut helfen Euch nicht die Wortgespinste
Der abgelebten Redekünste.
Man fängt nicht Ratten mit Syllogismen,
Sie springen über die feinsten Sophismen.

Im hungrigen Magen Eingang finden
Nur Suppenlogik mit Knödelgründen,
Nur Argumente von Rinderbraten,
Begleitet mit Göttinger Wurst-Zitaten.

Ein schweigender Stockfisch, in Butter gesotten,
Behaget den radikalen Rotten
Viel besser als ein Mirabeau
Und alle Redner seit Cicero.“

(Heinrich Heine: Die Wanderratten)

Für den Zettelkasten (42)

Man sagt oft, es sei falsch, die Religionen anzugreifen, weil die Religion den Menschen tugendhaft macht. So sagt man jedenfalls. Ich selbst habe das noch nicht bemerkt.“
Bertrand Russell

Für den Zettelkasten (41)

Putinism, in other words, is communism minus the pretense that all animals are equal.
(Matt O’Brien, The Washington Post)

Für den Zettelkasten (40)

Nowhere did restrictions, purges, repressions and in general all forms of bureaucratic hooliganism assume such a murderous sweep as they did in Ukraine in the struggle against the powerful, deeply-rooted longings of the Ukrainian masses for greater freedom and independence.”
(Leo Trotzki: Problems of the Ukraine)

So viel zu Putins Leier: ‚Es gibt keine ukrainische Nation‘.

Für den Zettelkasten (39)

Ich habe mein halbes Leben lang versucht, mich vom Journalismus zu lösen, aber ich stecke noch immer bis zum Hals darin – in einem niederen Gewerbe und in einer Abhängigkeit, schlimmer als der von Heroin, angesiedelt in einer befremdlichen Welt voller Außenseiter und Trunkenbolde und Versager. Ein Gruppenfoto der jeweils zehn besten Journalisten Amerikas wäre ein Monument menschlicher Häßlichkeit, wann immer man es machte. Es handelt sich nicht um ein Gewerbe, das viele flotte Typen anlockt, und es interessiert weder jemanden aus der Calvin-Klein-Schickeria noch aus dem internationalen Jetset. Eher würde die Sonne am flammenden Himmel östlich von Casablanca untergehen, als dass ein Journalist die Titelseite des People-Magazins zierte.“
(Hunter S. Thompson: Gonzo Generation, S. 298 f)

Für den Zettelkasten (38)

Was ist eine Zeitung? In erster Linie die Popularisierung des Arschwisches.“
(Jules Goncourt: Tagebücher, I, 432)

Frères Goncourt (1)

Goncourt

So – durch den ersten Band der ‚Tagebücher‘ habe ich mich jetzt durchgeschlagen, sogar mit viel Vergnügen. Hier einiges, was mir auffiel.

Die Brüder Goncourt hatten reich geerbt, niedere Dinge, wie die Notwendigkeit Geld zu verdienen, unerwartete Rechnungen oder materielle Verlegenheiten kommen daher gar nicht vor. Sie sind Teil der Pariser ‚Bohème‘, schreibbegabte Müßiggänger also, deren größter Feind die Langeweile ist.

Sie gelten als die ersten ‚Naturalisten‘ der französischen Literatur, was aber bloß Verwirrung stiftet, weil sich die Begriffe der französischen und deutschen Literaturgeschichtsschreibung stark unterscheiden, von einem Gerhard Hauptmann bspw. sind sie meilenweit entfernt. Für mich wären sie eher späte Romantiker, was aber wiederum nicht unserer Eichendorff’schen Welt voll Waldhornklang und Waldeseinsamkeit gleicht. Der Begriff ‚Romantik‘ verweist eher auf jenes Genre, das wir ‚Schauerromantik‘ nennen: E.T.A. Hoffmann, Edgar Allan Poe oder auch der Marquis de Sade werden in den Tagebüchern immer wieder als Bezugsgrößen genannt.

Dementsprechend haben die Brüder einen scharfen Blick für alle Skurrilitäten, Abartigkeiten und für die geheimen Antriebsfedern des Menschen. Ihre Welt ist auch deshalb höchst muschi- und schwanzgesteuert. In Fülle gibt es dort Wörter, die man nicht unbedingt in einem Text des 19. Jahrhunderts zu finden erwartet – ‚Möse‘, ‚ficken‘ oder ‚vögeln‘ – das, was damals ‚Gossensprache‘ hieß, ist dort eine kurrente Münze.

Ihre Welt ist überaus klein und beschränkt, allenfalls nehmen sie ein Zehntel der Gesellschaft in den Blick. Bauern, Arbeiter, Unterschichten kommen bisher nicht vor, allenfalls wird mal ein Dienstmädchen ‚flachgelegt‘. Ihre Welt besteht vor allem aus der Bourgeoisie und aus dem Geschwader in ihrem Gefolge, aus Journalisten, Verlegern, Huren, Maitressen und Literaten, alles spielt in den Salons und Cafés – oder auf Landsitzen.

Beide sind grandiose Beobachter für die Menschen dieser Kreise, aber durchaus auch bspw. für Landschaften. Ihre Philosophie – oder ‚Weltsicht‘ – ist jener ‚Positivismus‘, wie ihn in Frankreich Comte propagierte. Menschen seien demnach durch Milieu, Rasse und Zeitgeist determiniert. Weil die Brüder das erkannt zu haben glauben, dünken sie sich als Beobachter weit über dem gemeinen Leben zu schweben, obwohl ihr eigener Rassismus – zum Beispiel in Form des Antisemitismus – sich immer wieder Bahn bricht. Sie sind selbst nicht frei von dem, was sie glossieren. Zeitgenossen eben …

Ihr phänomenales Sprachgedächtnis erlaubt es ihnen, jene ‚Szene‘ dann ganz ungeschminkt zu Wort kommen zu lassen. Wer bspw. die Anfänge des Journalismus studieren will, findet hier ein wahres Füllhorn an Authentizität – und an Korruption. Später, als sie bekannter wurden, kommen dann wohl auch die Großschriftsteller hinzu. So weit bin ich aber noch nicht.

In ihrem Mikrokosmos sind sie dann tatsächlich Naturalisten – spitzzüngig, aphoristisch, ironisch und immer auf den Punkt genau. Einige Kostproben:

„Dieser Zeitung fehlt es an nichts, außer an Abonnenten.“
„Er glaubte dem Gedruckten.“
„Kennst du diese Frau?“ – „Sehr gut. Sie ist die Frau von zwei Freunden von mir.“
„Der Geist gewisser Leute ähnelt stark dem Sonntag: Da geben sich alle Gemeinplätze ein Stelldichein.“
„Vielleicht war er brutal, um nicht verlegen zu wirken.“
„Wir sind angeklagt wegen des Verstoßes gegen die schlechten Sitten.“
„Die Geschäfte? Das ist … das ist das Geld der anderen.“
„Familie wütend, daß er keine Geliebte hat, sehen in dieser Keuschheit ein Zeichen der Degeneration.“
„Las morgens die Bibel und abends Rabelais.“
„Wenn die Bäuche voll sind, und die Menschen nicht mehr vögeln können, kommen sechs Fuß große Kerle aus dem Norden daher. Heutzutage, wo es keine Wilden mehr gibt, werden es die Arbeiter sein, die diese Arbeit in rund fünfzig Jahren erledigen.“
„Erst lächerlich sind die Parvenüs nunmehr verrückt geworden.“
„Rücksicht, Achtung, Respekt wird nur dem verdächtigen Kapital der Börse entgegengebracht.“
„Vielleicht – ich bezweifle es – gibt es noch eine aristokratische Partei in Frankreich; aber ich suche noch immer einen Edelmann.“
„Wenn man gut ist, erscheint man feige; man muß böse sein, um für mutig gehalten zu werden.“
usw.

Für den Zettelkasten (37)

Verschwörungstheorien, die Nichtwissende von Eingeweihten trennen, sind die Eliten-Bildung derer, die von allen bestehenden Eliten ausgeschlossen werden.“
Markus Lust, Vice, Netzfundstück

Für den Zettelkasten (36)

Anfang Juni 1911 erwähnten die Italiener gegenüber der britischen Regierung die „Schikanen“, denen italienische Untertanen in Tripolis angeblich durch die osmanischen Behörden ausgesetzt waren (es war Standard, dass die europäischen Mächte ihre kolonialen Eroberungen und Raubzüge mit der Behauptung rechtfertigten, ihre Anwesenheit sei notwendig, um Staatsangehörige vor Misshandlungen zu schützen).“
Christopher Clark: Die Schlafwandler, 322

Irgendwie kommt mir das Muster bekannt und höchst aktuell vor …

Ältere Beiträge

© 2017 Stilstand

Theme von Anders NorénHoch ↑