Stilstand

If your memory serves you well ...

Kategorie: Wortschätze (Seite 1 von 12)

Zwei Heidedichter – einer bleibt’s

Plumtree, GNU-Lizenz, wikimedia

Horst Klarmann (redet sich in Rage):
Das ist doch so, wie’s ist: Fällt hier, in der großen Sandbüchse Norddeutschlands, das Wort ‚Heidedichter‘, dann leuchten bei den Älteren die Äuglein auf. Vor allem bei solchen, die sich irgendwann die Scheibe des besten Schützen im Dorf an ihren Giebel nageln durften. „Ach, Hermann Löns“, flöten sie ergriffen – obwohl doch die meisten wenig mehr als den einen oder anderen Gassenhauer von ihm kennen dürften.

Dietrich Biedermann (widerspricht)
Wenn er so unbedeutend ist, wie kommt es dann, dass alljährlich eine Heerschar von Anhängern zum Findling in Walsrode pilgert, wo sie seinem Andenken rhetorischen und musikalischen Tribut zollen? Also dort – wo einem allerdings unbewiesenen Gerücht zufolge – dieser Autor seine letzte Ruhe gefunden haben soll.

Horst Klarmann (spöttelt):
Ach ja, die Lodenfraktion! Gemeinsam munkeln sie dann dort herum, ob dem Leichnam tatsächlich ein Brief ihres Führers beigegeben wurde, der ja die Echtheit des Corpus mit seiner zweifelhaften Autorität beglaubigt haben soll. Sorgsam verlötet in einer geheimnisvollen Kupferrolle.  Unbestritten aber verweste das, was von der neugegründeten Wehrmacht – so hieß die gute alte Reichswehr seit 1935 – was also an dieser ‚Weihestätte‘ einst feierlich bestattet wurde, das lag zuvor schon zwanzig Jahre auf den Schlachtfeldern Flanderns. Viel mehr als Knochen dürften da kam übrig geblieben sein. Die Erkennungsmarke passte auch so gar nicht zur Kompanie, und noch so einiges andere passte auch nicht. Die Identität ließe sich heute übrigens ganz leicht klären, jedenfalls seit in Hannover das Grab des einzigen Löns-Sohnes entdeckt wurde. Ein kleiner DNA-Test, und Echtheit oder Unechtheit wären wissenschaftlich geklärt.

Dietrich Biedermann (wiegt den Kopf):
Um den Streit ein für alle Mal zu entscheiden, wäre mir ein solches Verfahren schon recht – und sei es nur, um der Legendenbildung vorzubeugen. Vielleicht aber möchten sie nur die Totenruhe nicht stören? So aus verständlicher Pietät?

Horst Klarmann (grinst):
Tscha, zu einer Exhumierung wird’s wohl kaum kommen. Die Stadt Walsrode gefährdet ihre touristischen Einnahmen doch nicht. Wie dem auch sei – mir erscheint schon die Bezeichnung ‚Dichter‘ für Hermann Löns unangemessen. Der Mann verbrach schließlich haufenweise solche Zeilen:

In der Lüneburger Heide,
in dem wunderschönen Land,
ging ich auf und ging ich unter,
allerlei am Weg ich fand –
falleri, fallera, und juchheirassa
bester Schatz, bester Schatz,
denn du weißt es, weißt es ja!

Dietrich Biedermann (trommelt dabei, dem Rhythmus folgend, auf den Tisch):
Und was soll daran schlimm sein? Diese Verse kennt doch jedes Kind. Sie sind sozusagen Allgemeingut, zumindest hier in Nordwestdeutschland. Ein Lied, das jeder kennt …

Horst Klarmann (schaut entnervt):
Eben! Solch trällerndem Silbengeklimper kann doch kein sprachbewusster Mensch das Zeugnis einer Dichtung ausstellen. ‚Wunderschön‘, ‚aufgehen‘, ‚untergehen‘ – wo passiert das denn bitte, etwa im Sandmeer? – dazu ‚allerlei‘ und ‚juchheirassa‘. Das ist bloßes Wortgeklingel um des Reimes willen. Kein anschauliches Bild der Lüneburger Heide wagt sich da noch vors innere Auge. Dem Hermann Löns fehlte schlicht die wichtigste dichterische Zutat, die Gabe der Bildhaftigkeit, oder der Evokation, um mich mal wissenschaftlich auszudrücken. Ein Reim macht noch kein Gedicht! Dazu gehört schon ein bisschen mehr. Wohin man fasst, ist der Befund derselbe. Der Mann hätte besser Schlagertexter werden sollen:
„Rose-Marie, Rose-Marie,
Sieben Jahre mein Herz nach dir schrie,
Rose-Marie, Rose-Marie,
Aber du hörtest es nie“

Hermann Löns, der Schürzenjäger, wie er mal wieder sein Herz mit seinem Schniedelwutz verwechselt – im ‚Musikantenstadl‘ könnte er damit heute Erfolg haben. Vom Parnass der Dichtung aber würde ihn der Götterrat schlicht hinabschubsen.

Dietrich Biedermann (rollt die Augen):
Du sprichst dem Hermann Löns also jedes Verdienst ab? Was ist mit dem ‚Mümmelmann‘ und den großen Tiergeschichten? All jenen Texten, wo er Partei für die Natur nimmt?

Horst Klarmann (winkt ab):
Ich will ja gar nicht bestreiten, dass der Hannoversche Saufaus und Schickimicki-Dandy sich als Journalist und Prosaiker verdient gemacht hat – zum Beispiel um Beschreibungen des Tierverhaltens und sogar um den frühen Naturschutz. Aber selbst hier ging es ihm letztlich mehr um zivilisatorische Einschränkungen seines Jagdreviers. Die Kiefernwälder und Ackerraine waren sein Dschungel, der Ort, wo er sich als Urmensch fühlte. Er hasste vor allem die Zersiedelung des Landes, den Straßenbau, noch mehr aber die Treib- und Drückjagden, wo bequemen Herren aus der Stadt die Zwölfender unverfehlbar vor die Flinte getrieben wurden. Das ist ja das große Missverständnis: So wie die Jagd heute betrieben wird, mit Treibergeschrei oder vom Hochsitz herab,  da war sie dem Hermann Löns schlicht ein Graus. Trotzdem versammeln sich alle deutschen Jagdvereine an seinem Grab und tuten unverdrossen ins Waldhorn. Apropos – vor seiner Satire auf das Hofschranzentum im Duodez-Fürstentum Bückeburg ziehe ich sogar meinen Hut. Der Text fehlt bezeichnenderweise in allen staats- und adelstreuen Werkausgaben. Aber der ‚Wehrwolf‘ ist ein brutaler Mist – das ist bloß ein Sado-Maso-Roman im bäuerlichen Milieu. Die Helden dort gleichen eher heutigen Reichsbürgern, mit dicken Knütteln in der Hand  … Anarchie auf dem flachen Land.

Dietrich Biedermann (grinst ironisch):
Gut, ich verstehe: Wir hätten also gar keinen Heidedichter vor uns, sondern einen Reimeschmied, dem gelegentlich in Prosa etwas glückte …

Horst Klarmann (lächelt überlegen zurück):
Klar haben wir einen Heidedichter. Der heißt bloß nicht Hermann Löns. Wenn ich das Wort ‚Heidedichter‘ höre, dann fällt mir eben nicht dieser Großstadt-Dandy ein, sondern Arno Schmidt, der Eremit von Bargfeld. Allenfalls ein gewisser Alkoholismus verband die beiden. Auch, dass sie beide fern von Niedersachsen, tief im Osten, aufgewachsen sind …

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Rübenschnaps und Fisimatenten

Eine Rethemer Mordsgeschichte

Dieser Text erschien justamäng in der ‚Walsroder Zeitung‘, um das Sommerloch zu überbrücken. Die Personen sind frei erfunden, die Sachverhalte nicht.

Schlechte Wege durch die Heide

Wer sollte heute noch Interesse daran haben, einen Mord aufzuklären, der mehr als zweihundert Jahre zurückliegt? Und war es überhaupt eine solche Untat? Lange zögerte ich, ob ich mir überhaupt die Mühe machen sollte, jenes Geschehen zu Papier zu bringen, das sich im Jahr 1811 in unserer ebenso unbedeutenden wie weltabgeschiedenen Stadt Rethem zugetragen hat.

Zweihundert Jahre sind vergangen, zweihundert Jahre lang floss die Aller still an Rethem vorbei. Im Winter trat sie meilenweit über die Ufer, in so manchem Sommer konnte jedes Kleinkind sie durchwaten. Viel Schlamm hat sich dadurch an ihren Ufern abgesetzt. Und wer dort gräbt, wo er steht, der findet darin auch unerwartete Schätze, die des Erzählens wert sind.

Das Opfer – also jenes Opfer damals – hieß Jacques Turlot. Sein Mörder genoss in Rethem lange stillen Nachruhm, viele Jahre lang. Denn die Franzosen waren zu jener Zeit bei der männlichen Einwohnerschaft ungefähr so beliebt wie Zecken auf einer Sommerwiese. Trotz ihres Voltaire, trotz all der Aufklärung und der importierten Zivilisation.

Zu jener Zeit trennte die Brücke über die Aller eine Republik von einer Monarchie: Nördlich begann die République Francaise, genauer gesagt, das ‚Département des Bouches du Weser‘, das weiter im Osten wiederum mit der Böhme abschloss, von wo aus die Grenze dem Nordufer der Aller folgte, bis sie bei Rethem abzweigte und an der Weser entlang noch ein Stück südlich bis nach Nienburg verlief. Der zuständige Präfekt saß in Bremen, sofern er sich nicht gerade einen Urlaub in Paris, der Welthauptstadt der Künste, der Mode und der Liebe gönnte. Ganz Rethem war also Teil einer Republik, und wurde vom Canton Nienburg aus mitverwaltet.

Einige Meilen weit vom südöstlichen Stadtrand Rethems entfernt begann dann das Königreich Westfalen, das von Napoleons Bruder, dem König Jérome, regiert wurde, ‚Bruder Lustick‘ genannt wegen all der endlosen Bälle und Orgien, welche seine Kasseler Residenz zunehmend in ein Bordell verwandelten.

Ob nun République Francaise oder Royaume de Westphalie – für die hochnäsigen Regierenden beider Seiten war Rethem nichts als ein Stück Steinzeit, ein Ort, den jeder zivilisierte Bonvivant tunlichst mied. Trotzdem war es nicht möglich, die Stadt gar nicht erst zu ignorieren. Dummerweise nämlich gab es einen florierenden Schmuggel entlang der Aller. Am Nordufer herrschte die Kontinentalsperre, jenseits von Rethem begann der halbwegs freie Warenverkehr.

Unerzogene Barbaren und Bauerntölpel waren die Rethemer in den Augen der meisten Besatzer, andererseits waren jene auch nicht blöd. Und sie alle – ob nun Franzosen oder Heidjer – wussten blankglänzende Goldstücke zu schätzen. Die Stadt profitierte erheblich von englischen Kolonialwaren, die sich auf Schleichwegen ihren Weg gen Süden zu bahnen wussten – welterfahrene Säcke, prall gefüllt mit Pfeffer und Nelken, strohgepolsterte Kisten mit jamaikanischem Rum, Fässchen voll weißem Wal-Tran für die blakenden Lampen.

Auf all diesen Kolonialwaren lastete haushoch eine Akzise, die Napoleon unerbittlich eintrieb, um seine Kriege zu finanzieren. Das Umgehen dieser Steuer wurde zum Kern eines Geschäftes, das viele Rethemer betrieben. Unter ihnen auch Johann Steenken, der älteste Sohn einer Hutmacherfamilie, und damit eigentlich ein geborener Nachfolger für die älteste Zunft der Stadt. Denn der Sohn wurde damals in der Regel das, was auch der Vater war. Jeder Lebenslauf war prinzipiell vorsehbar, bis die Franzosen mit ihrem Code Civil daherkamen, der das Zunftwesen einfach abschaffte und durch das Prinzip der freien Berufswahl ersetzte.

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Wie Teresa den Petrus auf Trab brachte

Weil ich gerade in einem Ordner darauf stieß – und weil es so gar nicht in die Jahreszeit passt: Hier eine Weihnachtsgeschichte die ich vor drei Jahren für die Kinder im Dorf zum Adventssingen schrieb, um sie ihnen dort vorzulesen.

Van Gogh

Die kleine Teresa war sauer. Da hatten die Großen vergessen, in Hedern die Wunschzettel der Kinder in den Briefkasten zu werfen, und jetzt sollte sie deren Schlamperei gerade bügeln. In Eilte ging‘s mit dem Fahrrad über die Allerbrücke, kurz vor Bierde dann rechts, in den Wald hinein, an der dritten Fichte links, und hundert Meter hinter dem Hochsitz dann dreimal fest auf den Fuchsbau treten …

Oops – fast wäre sie von der Himmelsleiter erschlagen worden, welche plötzlich durch die Baumwipfel rauschte. 3.679 Stufen zählte sie, bis sie endlich auf Wolke Sieben schnaufend vor dem Himmelstor stand. Ringsum ertönte Gehämmer und emsiges Geklapper, Rentierschlitten rauschten vorbei, ein leicht schmuddeliger Engel kippte einen Eimer mit Spülwasser achtlos über den Rand der Wolke. Teresa drückte auf den großen roten Knopf rechts neben der Himmelstür.

„Ja, bitte!“ – eine herrische Frauenstimme fauchte aus dem Lautsprecher. „Bestimmt die Sekretärin“, dachte Teresa – und sie fiepste zurück ins Mikrofon: „Ich möchte zum Herrn Petrus und danach noch zum Knecht Ruprecht.“ Der Summer ertönte – und wie von Engelshand öffneten sich vor Teresa die mächtigen Portale der Himmelstür. Auf dem langen Korridor brannten karge Neonlampen, rechts und links gab es lange Reihen von geschlossenen Türen. „Ähnlich wie bei Onkel Herbert in der Firma“, schoss es unserer Hederner Abgesandten durch den Kopf.

In der Ferne tauchte jetzt ein Herr im dunklen Anzug auf. Er bellte etwas Unverständliches in sein Handy und schritt rasch auf Teresa zu. „Dr. Peter Petrus mein Name“, sagte er: „Ich bin hier der stellvertretende Geschäftsführer. Was kann ich für Sie tun?“ – – – „Und ich bin die Teresa aus Hedern“, sagte Teresa: „Sie müssen mich aber nicht siezen. Das macht mich verlegen.“ – – – „Okay, okay, also worum geht‘s?“ – – – „Unsere Eltern, diese Dösbaddel, haben vergessen, die Wunschzettel rechtzeitig einzuwerfen. Und jetzt könnte es passieren, dass die Kinder im Dorf zu Weihnachten gar nichts kriegen.“ – – – „Das könnte allerdings passieren“, sagte der Herr Petrus: „Es ist ja auch schon reichlich spät. Am besten, ich zeige dir mal unsere Werkstätten, damit du siehst, was hier in der Saison so los ist.“ Er winkte Teresa mit dem Zeigefinger, ihm zu folgen …

Rechts und links auf dem Flur standen jetzt endlose Reihen von Paletten voller Weihnachtsgeschenkpapier an der Wand, statt der Türen gab es Tore mit Rollblech an den Seiten. Die große Halle, in die Petrus jetzt abbog, wimmelte von Leben. Kreuz und quer schlängelten sich die Transportsysteme durch die hohen Räume, dicht an dicht ruckelten die Pakete durch die Luft, ab und zu wurde eins in eine silberne Rutsche geschubst, es sauste hinab, wo erschöpfte Engel standen, die es in Rentierschlitten wuchteten, auf denen ‚Dresden‘, ‚Lübeck‘, ‚Idar-Oberstein‘ oder ‚Quakenbrück‘ stand. „Wo ist denn der Rethemer Schlitten?“, fragte Teresa einen der Paketschmeißer.  „Co ty mnie o to pytasz?“, antwortete der Angesprochene. Teresa guckte ratlos. „Das ist einer unserer Leihengel aus Polen“, erläuterte Petrus den Sachverhalt: „‘Warum fragst du mich das‘, hat er gesagt.“ Teresa guckte den obersten Schlüsselverwalter ratlos an.

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Misik bringt’s auf den Punkt

Beide hängen eingebildeten Identitäten an: Hier die Dschihadisten-Identität, die sich eine Geschichte zusammenfantasiert, die bis zum Propheten und seinen Gefährten zurückreicht, da die christlich-europäischen Identitätsfreaks, die sich in die Türkenkriege zurückfantasieren; überhaupt die Vorstellung eindeutiger Identitäten; Antimodernismus und völlig geschlossene Weltbilder, die in einem regelrechten Tunnelblick enden. Sie sollten nicht gegeneinander demonstrieren, sondern miteinander.

Yep – wer hat sie denn schon nötig, diese Krücke der ‚Identität‘? Ich müsste rätseln, fragte mich jemand nach meinem ‚deutschen Wesen‘. Ich krieche in kein Backförmchen.

Robert Misik ist in meinen Augen einer jener Journalisten, die – wie alle guten unter ihnen – einst linksaußen begannen, ohne deshalb irgendwann unter dem Rock der Friede Springer zu landen. Er hielt Kurs, anders als viele andere im Gedenken an die näherrückende Altersvorsorge. Misik ist – mit einem Wort – das Gegenteil eines Renegaten. Natürlich wäre er seit Jahren ein Kandidat für den Ludwig-Börne-Preis, ein echter Tucholsky-Nachfolger, statt des kompromisslerischen Zwergwuchses, der ansonsten rituell mit den Medaillen der Publizistik behängt wird.

Frères Goncourt (1)

Goncourt

So – durch den ersten Band der ‚Tagebücher‘ habe ich mich jetzt durchgeschlagen, sogar mit viel Vergnügen. Hier einiges, was mir auffiel.

Die Brüder Goncourt hatten reich geerbt, niedere Dinge, wie die Notwendigkeit Geld zu verdienen, unerwartete Rechnungen oder materielle Verlegenheiten kommen daher gar nicht vor. Sie sind Teil der Pariser ‚Bohème‘, schreibbegabte Müßiggänger also, deren größter Feind die Langeweile ist.

Sie gelten als die ersten ‚Naturalisten‘ der französischen Literatur, was aber bloß Verwirrung stiftet, weil sich die Begriffe der französischen und deutschen Literaturgeschichtsschreibung stark unterscheiden, von einem Gerhard Hauptmann bspw. sind sie meilenweit entfernt. Für mich wären sie eher späte Romantiker, was aber wiederum nicht unserer Eichendorff’schen Welt voll Waldhornklang und Waldeseinsamkeit gleicht. Der Begriff ‚Romantik‘ verweist eher auf jenes Genre, das wir ‚Schauerromantik‘ nennen: E.T.A. Hoffmann, Edgar Allan Poe oder auch der Marquis de Sade werden in den Tagebüchern immer wieder als Bezugsgrößen genannt.

Dementsprechend haben die Brüder einen scharfen Blick für alle Skurrilitäten, Abartigkeiten und für die geheimen Antriebsfedern des Menschen. Ihre Welt ist auch deshalb höchst muschi- und schwanzgesteuert. In Fülle gibt es dort Wörter, die man nicht unbedingt in einem Text des 19. Jahrhunderts zu finden erwartet – ‚Möse‘, ‚ficken‘ oder ‚vögeln‘ – das, was damals ‚Gossensprache‘ hieß, ist dort eine kurrente Münze.

Ihre Welt ist überaus klein und beschränkt, allenfalls nehmen sie ein Zehntel der Gesellschaft in den Blick. Bauern, Arbeiter, Unterschichten kommen bisher nicht vor, allenfalls wird mal ein Dienstmädchen ‚flachgelegt‘. Ihre Welt besteht vor allem aus der Bourgeoisie und aus dem Geschwader in ihrem Gefolge, aus Journalisten, Verlegern, Huren, Maitressen und Literaten, alles spielt in den Salons und Cafés – oder auf Landsitzen.

Beide sind grandiose Beobachter für die Menschen dieser Kreise, aber durchaus auch bspw. für Landschaften. Ihre Philosophie – oder ‚Weltsicht‘ – ist jener ‚Positivismus‘, wie ihn in Frankreich Comte propagierte. Menschen seien demnach durch Milieu, Rasse und Zeitgeist determiniert. Weil die Brüder das erkannt zu haben glauben, dünken sie sich als Beobachter weit über dem gemeinen Leben zu schweben, obwohl ihr eigener Rassismus – zum Beispiel in Form des Antisemitismus – sich immer wieder Bahn bricht. Sie sind selbst nicht frei von dem, was sie glossieren. Zeitgenossen eben …

Ihr phänomenales Sprachgedächtnis erlaubt es ihnen, jene ‚Szene‘ dann ganz ungeschminkt zu Wort kommen zu lassen. Wer bspw. die Anfänge des Journalismus studieren will, findet hier ein wahres Füllhorn an Authentizität – und an Korruption. Später, als sie bekannter wurden, kommen dann wohl auch die Großschriftsteller hinzu. So weit bin ich aber noch nicht.

In ihrem Mikrokosmos sind sie dann tatsächlich Naturalisten – spitzzüngig, aphoristisch, ironisch und immer auf den Punkt genau. Einige Kostproben:

„Dieser Zeitung fehlt es an nichts, außer an Abonnenten.“
„Er glaubte dem Gedruckten.“
„Kennst du diese Frau?“ – „Sehr gut. Sie ist die Frau von zwei Freunden von mir.“
„Der Geist gewisser Leute ähnelt stark dem Sonntag: Da geben sich alle Gemeinplätze ein Stelldichein.“
„Vielleicht war er brutal, um nicht verlegen zu wirken.“
„Wir sind angeklagt wegen des Verstoßes gegen die schlechten Sitten.“
„Die Geschäfte? Das ist … das ist das Geld der anderen.“
„Familie wütend, daß er keine Geliebte hat, sehen in dieser Keuschheit ein Zeichen der Degeneration.“
„Las morgens die Bibel und abends Rabelais.“
„Wenn die Bäuche voll sind, und die Menschen nicht mehr vögeln können, kommen sechs Fuß große Kerle aus dem Norden daher. Heutzutage, wo es keine Wilden mehr gibt, werden es die Arbeiter sein, die diese Arbeit in rund fünfzig Jahren erledigen.“
„Erst lächerlich sind die Parvenüs nunmehr verrückt geworden.“
„Rücksicht, Achtung, Respekt wird nur dem verdächtigen Kapital der Börse entgegengebracht.“
„Vielleicht – ich bezweifle es – gibt es noch eine aristokratische Partei in Frankreich; aber ich suche noch immer einen Edelmann.“
„Wenn man gut ist, erscheint man feige; man muß böse sein, um für mutig gehalten zu werden.“
usw.

Alles schon dagewesen

Erstaunlich ist es oft, wie sehr bestimmte Themen über Hunderte von Jahren virulent bleiben können. In seinem Roman ‚Rauch‘ versteckt sich Iwan Turgenjew höchstselbst hinter der Figur des Herrn Potugin. Das ist ein älterer Herr und Pflastertreter, der das Treiben einer reaktionären russischen Machtelite kommentiert. Eine Gruppe, die sich damals so müßiggängerisch in Baden-Baden herumtrieb, wie heute die russische Oligarchie in St. Moritz:

„Kommen jedoch zehn Russen zusammen, so erhebt sich augenblicklich die Frage nach der Bedeutung und Zukunft Rußlands, und zwar in ganz allgemeinen Zügen, ab ovo, ohne alle Beweise und ohne Ende. Sie kauen und kauen an dieser unglückseligen Frage wie Kinder auf einem Stück Gummi – ohne Saft und Kraft. Na, und bei dieser Gelegenheit ziehen sie dann natürlich auch über den verfaulten Westen her. Welch ein Rätsel, man bedenke nur: Da schlägt er uns in allen Punkten, dieser Westen – aber er ist verfault! Wenn wir ihn wenigstens noch verachteten“, fuhr Potugin fort, „aber das ist alles bloß Phrase und Verstellung. Einerseits schimpfen wir auf ihn, doch andererseits legen wir auf seine Meinung großen Wert. … Es kommt alles noch, so sagen sie, jawohl. Doch vorhanden ist nichts, und Rußland hat auch im Laufe von zehn Jahrhunderten nichts Eigenes hervorgebracht, weder in der Verwaltung noch in der Justiz, weder in der Wissenschaft noch in der Kunst, ja nicht einmal im Handwerk. Aber so wartet doch, habt Geduld: Alles wird werden. Und wieso wird es werden, wenn man fragen darf? Weil wir Gebildeten, so sagen sie, Dreck sind, das Volk hingegen …“
(Iwan Turgenjew: Rauch, Ges. Werke in Einzelausgaben, 36 f)

Das alte Lied kommt mir doch bekannt vor …

Zum 80. …

„I walked into a hospital
where none was sick
and none was well
when at night the nurses left
I could not walk at all …“

Tscha – das Wunder zweier Akkorde: a-F/a-F/a-F/a-[hammered]a. Wenn du damals etwas von LC auf der Gitarre zupfen konntest, kriegtest du jede Frau rum. Naja, fast jede … besonders effektiv war – nein, jetzt nicht ‚Suzanne‘ – sondern das hier. Wer’s am lebenden Objekt ausprobieren will: A-h-D-A/A-h-D-c#/f#-c#-D-A/h-G-h-AG usw.:

„I showed my heart to a doctor
He said that I’d just have to quit.
He wrote himself a prescription
Your name was mentioned in it.
Then he locked himself
In a library shelf
With the details of our honeymoon.
And I hear from the nurse
That he’s gotten much worse
And his practice is all in a ruin …“

An Frau Kässmann

Ach Gott! Der Pazifismus ist eine kleine gute Idee und einer steckt sie sich gern ins Knopfloch, und nun soll sie eine große sein.“
Alfred Döblin, Schriften, 107

Frauenlogik

Ich sehe heute etwas zerkratzt aus – und das kam so: Wir saßen gestern abend mit Nachbarn zusammen und das Gespräch kam auf einen der Jungen hier im Dorf. Der ist einerseits blitzintelligent, andererseits ziemlich demotiviert, bzw. zukunftstechnisch desorientiert. Er weiß also nicht, was er werden soll, und die schulischen Leistungen jetzt zum Abschluss hin sind dementsprechend ’nur so lala‘. Die Gespräch wogte hin und her, Thema: ‚Die heutige Jugend an und für sich und überhaupt‘. Mitten hinein ins Getümmel empörte sich eine Nachbarin: „In dessen Alter war ich schon Mutter!“ Losprustend fiel ich mit dem Stuhl hintenüber und landete rücklings im stacheligen Grün am Rand unserer Terrasse …

Die Faktenhuber

Abends, vor dem Einschlafen, ziehe ich mir oft noch ein Buch aus dem Regal und lese darin ein paar Seiten. Zur Gänze lesen muss ich solche Texte nicht mehr, weil ich die Handlung bereits kenne. Gestern traf es Charles Dickens‘ ‚Harte Zeiten‘, seine gnadenlose Abrechnung mit dem Empirismus, mit den ‚Nutzenfanatikern‘ und den Statistikern der viktorianischen Zeit.

Der Text beginnt mit einer Schulsituation. Dort steht Thomas Gradgrind, der Utilitarismus-Prediger, vor seinen Eleven und verkündet das Heiligtum der Fakten:

„Was ich verlange sind Tatsachen. … Sie können den Geist denkender Lebewesen nur durch Tatsachen bilden; nichts sonst wird ihnen je von geringstem Nutzen sein.“

Der folgende Roman falsifiziert dann diese Eingangsthese natürlich aufs Eindrücklichste. Es sind die kleinen ‚Ponytricks‘ der Literatur, die diesen Roman zu einer lohnenswerten Lektüre machen.

Zwei Antagonismen sind es, die hier gleich anfangs ’symbolisch‘ illustriert werden. Da ist die phantasievolle Schülerin Sissy, die beim Wort ‚Pferd‘ vom Zirkus redet oder ans Kunstreiten denkt. Sie gewinnt im Sonnenschein, der durch Fenster ins düstere Klassenzimer fällt, „tiefere und reichere Farben“, während der knochentrockene Bitzer, des Lehrers Liebling, unter der gleichen Sonne in völliger Farblosigkeit verschwindet. Dieser Bitzer definiert das Pferd dann zur vollen Zufriedenheit des Lehrers:

„Vierfüßler. Grasfressend. Vierzig Zähne. Nämlich vierundzwanzig Backen-, vier Augen- und zwölf Schneidezähne. Verliert die Haare im Frühjahr, in sumpfigen Gegenden auch die Hufe. Harte Hufe, die aber mit Eisen beschlagen werden müssen. Das Alter an den Zähnen erkennbar. / Mädchen Nummer 20“, sagte Mr. Gradgrind, „jetzt weißt du, was ein Pferd ist.“

Ach, wissen wir das? Was auffällt, ist die fast völlige Verblosigkeit derart empirischer Auflistungen. Substantive allein sind sprachlich wertlos, setzt man sie nicht mit Hilfe von Verben in Bewegung. Auch sie wollen traben und galoppieren, oder argumentativ über Hindernisse setzen. Bloße Fakten ohne Handlungsbezug klötern wie Alteisen im Sack eines Hökers oder Faktenhubers. Pferde sind sehr viel mehr, als es sich der beschränkte Geist eines ‚Empiristen‘ ausmalen kann: Sie schuften – blind geworden – in den Schächten der englischen Bergwerke, sie ziehen die Kutschen der hohen Herrschaften, die durch Dickens‘ Elendsviertel rollen, und am Ende ihres Daseins holt sie dann der Rossschlachter. Pferde leben also, die bloße Faktenhuberei dagegen nicht, Pferde haben eben nicht nur vier Füße und fressen Gras.

Natürlich ist solcher Empirismus auch heute noch zu finden, der Blick in eine beliebige Zeitung genügt: „BIP 23.100 Euro/Kopf, indexierter Kaufkraftstandard 93, Arbeitslosenquote 17 Prozent, Exportwert 1.835 Mio Euro, Korruptionsindex hoch.“ Das wäre nach Ansicht unserer zahlengläubigen Utilitaristen dann bspw. ‚Griechenland‘ …

Kurzum – man macht sich so seinen Reim, wenn man, angeregt durch ein scheinbar angestaubtes Buch, beim Einschlafen noch ein wenig mit seinen Gedanken bastelt. Es genüge, sagt Lichtenberg, einen Text an beliebiger Stelle aufzuschlagen und mit dem Finger auf einen Absatz zu tippen, um einen Roman darüber schreiben zu können … wohl wahr. Und ‚harte Zeiten‘ entstehen regelhaft dann, wenn die excel-gesteuerten Empiriker regieren. Siehe McKinsey … die Welt bildet sich eben nicht in Zahlen ab.

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