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Wie man sich einen Wolf dichtet

Der Wolfsstein

„Wolf! Wolf! – wenn das ein Wolf war, fress‘ ich ‘nen Besen.“ Opa Diercksen regte sich zusehends auf und goss sich erst einmal einen Stonsdorfer ein, damit das Bier besser flutschte. „Wir hingen hier doch alle mit drin, und wenn ich sage, alle, dann meine ich auch alle“, knurrte er abfällig, und wischte sich Schaum von den Lippen.

„Also gut, denn pass mal op, du Jungspund, ich erzähle dir einfach mal die ganze Geschichte, so wie sie wirklich war, damit du nicht doof sterben musst.“

Sofern dieser alte Mann irgendetwas noch konnte, dann war‘s das Erzählen. Dafür war er berühmt, dafür bestellte man ihm gern Bier und Schluck, nur um ihm zuzuhören …

„Tscha, wo fange ich an. Viele von euch Jungen glauben ja, am 10. Mai 1945 wäre der große Krieg plötzlich vorbeigewesen, so quasi im Handumdrehen. Plötzlich hätte überall Ruhe geherrscht. Die Leute kloppten Mörtel von den Ziegelsteinen, um ihre Hütten wieder aufzubauen, und abends kloppten sie dann einen Skat. Kurzum – Friede, Freude, Eierkuchen. So aber war das damals gar nicht. Dieser Krieg ging noch jahrelang weiter: Es gab Krieg ums Fressen, Krieg um Zigaretten, Krieg mit den Fremdarbeitern, Krieg um Schlafplätze für Vertriebene.

Gehst du beispielsweise heute mit deiner Liebsten in ein Restaurant, dann muss dein Steak doch mindestens zweihundert Gramm wiegen, ansonsten könntest du den Wirt glatt verklagen. Nach dem Krieg aber standen jedem Niedersachsen nur einhundert Gramm an Fleisch zu – und zwar im Monat! Das macht eins-komma-zwei Kilo Fleisch im Jahr! Damit bekommst du heute noch nicht einmal einen zünftigen Grillabend hin. In Hannover tobten damals Hungerrevolten, und die britischen Besatzer hatten alle Hände voll zu tun, all die krakeelenden Leute wieder auseinanderzutreiben. Auf den hervorstechenden Rippen der meisten Bewohner konntest du Gurken schaben.

Die meisten Leute denken ja, dass sich die Bauernschaft an diesen Städtern, also an den Hamsterern, eine goldene Nase verdiente: Ein Persianermantel gegen eine Mettwurst, eine Standuhr für zwölf Eier – tausendfach gibt’s ähnliche Tartarengeschichten aus dieser Zeit. Ganz so war‘s aber nicht. Gut, auf dem flachen Land ging’s den Leuten noch etwas besser als euch Hungerleidern aus der Stadt. Solche Geschäfte waren aber auch hier nicht so einfach. Denn es gab ja die Bewirtschaftung – Essen nur gegen Marken auf einem rundum kontrollierten Markt.

Jedes Huhn, jedes Schwein, jede Kuh wurde damals gezählt und erfasst. Und wehe, bei der nächsten Kontrolle gab es Schwund! Natürlich wurde getrickst, was die Bauernschläue hergab. Beim nächsten Besuch hatte sich dann die dicke Sau in ein klitzekleines Ferkel verwandelt, sie hatte also die Lebensbahn einfach mal in umgekehrter Richtung beschritten. Die Zahl stimmte dann wieder, nur eben die Speckschicht nicht. Lauter so’n raffinierten Beschiss war damals gang und gäbe. Und natürlich wurde auch manches Auge zugedrückt. Mit einer Mettwurst in der Hand ließ sich das Herz vieler Wachtmeister vorzüglich erweichen. Auch ihnen raste ja der Hungerdämon im Magen herum. Schlimmer waren da schon die britischen Besatzer. Die waren nämlich satt.“

Helmut Diercksen gönnte sich einen weiteren Stonsdorfer und verlötete ihn umgehend: „Tscha, so war dat! Ringsum gab es einen gigantischen Markt für Fleisch und Wurst, aber beliefern durfte man ihn nicht. Hier beginnt jetzt die Geschichte mit dem famosen Würger vom Lichtenmoor. Denn besonders plietsche Bauern waren auf eine Lücke im Gesetzestext gestoßen: Das Fleisch von gerissenen Tieren war keinesfalls für den menschlichen Verzehr bestimmt – und wurde daher auch nicht von der Bewirtschaftung erfasst. Ein solcher Fall wurde nur notiert. Sofern vorhanden, bezahlte die Viehversicherung ein paar Reichsmark, danach war Ende Gelände. Den werten Kunden aber interessierte es einen Dreck, ob seine Mettwurst nun gerissen oder geschlachtet worden war.

Vor dem großen Auftritt des Würgers hatte dieses Spiel längst begonnen, so ab Anfang Mai 1948. Auf immer mehr abgelegenen Weiden zwischen Nienburg, Rodewald, Fallingbostel und Rethem wurde gerissenes Vieh entdeckt, in einer gottverlassenen Einöde voll dichtem Wald, struppiger Heide und grundlosem Moor. Das Lichtenmoor mittendrin. Ein Wachtmeister nahm anschließend die Leichenschau vor, beguckte sich den Fall von rechts und von links, und meldete den Abgang seiner Registratur. Das schöne Fleisch war danach vogelfrei, es gehörte gewissermaßen dem Dschungel. Fleisch- und der Wursthandel konnten florieren. So und nicht anders war das!

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Volk und Volksbegriff

Wenn Rechte vom ‚Volk‘ träumen / Bild: Bundesarchiv, Public Domain

Die scheinbar einfachen Fragen sind oft die schwersten – vor allem, wo in Zeiten von Pegida und AfD der Begriff ‚Volk‘ und seine Zusammensetzungen eine Renaissance erleben. Wer also ist das Volk?

Na ich“, sagt da der Kalle Krawunkel, „ich bin das Volk, oder zumindest ein Teil davon“. Zum Volk zählt er spontan jede und jeden, der in Deutschland geboren wurde. Schon aber beginnt das Dilemma: Müssen die Eltern dann auch ‚deutsch‘ gewesen sein? An diesem Punkt wird die Argumentationsebene schlüpfrig, zum Teil da schon fast ‚völkisch‘.

Im Sprachvergleich zeigt sich, dass es sich beim Wort ‚Volk‘ um eine deutsche Besonderheit handelt. Im Englischen wird ein ähnliches Wort allenfalls gleichbedeutend mit ‚Leute‘ verwendet: „A lot of folks came to the festival, listening to the folk-music.“ Das Staatsrecht dort bezieht sich auf ein „We the people“, aber nicht auf ein ‚folk‘. Im Französischen regiert ‚le peuple‘. In beiden Fällen wären dies schlicht ‚die Leute‘, also jene Menschen, die man so auf der Straße trifft. Im Deutschen gibt es die Bedeutung im Sinne von ‚die Menschenmenge‘ oder ‚die einfachen Leute‘ kaum noch, allenfalls in fast schon altertümelnden Redewendungen: „Viel Volk strömte frohgestimmt zum Zirkuszelt.“

Das deutsche Wort ‚Volk‘ aber, politisch immer in der Einzahl gebraucht, suggeriert hingegen, dass es keine solche Buntheit und Vielheit, sondern dass es ein homogenes Gebilde mit einem einheitlichen Willen gäbe, verbunden durch Blut und Sitte, was zugleich auch der heimliche oder offene Souverän sei. Um zu erkennen, wie pathosbeladen und blutfixiert das deutsche Wort ‚Volk‘ ist, genügt es sich vorzustellen, dass über dem Reichstag schlicht „Den deutschen Leuten“ stünde.

Dazu ist, von der Wortbedeutung her, der Begriff ‚Volk‘ im Kern paradoxerweise wenig ‚souverän‘. Das Wort leitet sich von ‚Gefolge‘ ab, es geht um jene Schar, die einem anderen ‚folgt‘, ‚volkt‘ oder ‚hinterherwackelt‘. Eine ‚Heerschar‘ ist es folglich eher als eine ‚Herrschaft‘.

Historisch gesehen entstand der romantische Mythos vom ‚Volk‘ im Umfeld der gescheiterten deutschen Nationsbildung. Wenn man schon keine toitsche Nation schaffen konnte, so wusste man doch allemal ein imaginiertes ‚Volk‘ hinter sich. Daraus kochte man sich dann seinen ideologischen Ersatzkaffee. Um die Stirn dieses imaginierten Volkes waberte prompt im Laufe der Jahre immer dichterer Mythenqualm, je mehr der Begriff von den Liberalen über die Nationalliberalen bis hin zu den Erzkonservativen eine kurrente Münze wurde.

Alles kulminierte dann im Nationalsozialismus. Die Zahl der Wörter mit der Wortwurzel ‚Volk-‘ wuchs ins Unermessliche – vom Volkstum‘ über den ‚Volksempfänger‘ und ‚Volkskörper‘ bis hin zum ‚gesunden Volksempfinden‘. Denn ‚gesund‘ war das Volk allemal, im Gegensatz zu allem Fremden und Kranken. Letztlich aber blieb das ‚Volk‘ immer nur der Alibi-Begriff für eine Diktatur, wo ein ‚Führer‘ dann den ‚wahren Volkswillen‘ exekutieren durfte, weil er allein die Quintessenz des völkischen Gedankens war. Dieser ‚Volkswille‘, den er ebenso egomanisch wie messianisch verkündete, war allemal nur der seine, für den er dann bloße Akklamation verlangte.

Genau darin liegt auch die Gefahr der Renaissance dieses Volksbegriffs bei Pegida und AfD. Denn das ‚Volk‘ existiert gar nicht. Es gibt nur Millionen von Menschen mit deutschem Pass, die ganz unterschiedliche Ansichten von dieser Welt haben. Und das ist auch gut so, liebe ‚Leute‘ …

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