Stilstand

If your memory serves you well ...

Kategorie: Richtplätze (Seite 1 von 11)

Same Old Story

CCL / Bundesarchiv, Bild 102-08300 / CC-BY-SA 3.0

Die Aufregung um die Fake-News kann ich nur teilweise nachvollziehen. Ganze Staaten zogen Potemkin’sche Wände aus gefälschten Weltbildern um sich herum hoch – und ich denke dabei keineswegs nur an die Hitler’sche Paranoia, die hinter jeder umgekippten Milchkanne ‚den Juden‘ am Werke sah. Ähnliche Muster gab es auch in Stalins Reich, wo chimärische ‚Trotzkisten‘ für alles Böse in der Welt verantwortlich gemacht wurden. Von Nordkorea oder Kasachstan heute ganz zu schweigen …

Alle Medien – ob Zeitung oder Rundfunk – verbreiteten das Gift dann im ganzen Land. ‚Wir gegen die‘, so hieß und heißt das Muster – auch aus der AfD gibt es in dieser Hinsicht nichts Neues zu vermelden. Nur dass heutzutage jeder Hans und Franz seine verqueren Ansichten über ‚die Ausländer‘ in die Welt tröten darf – statt einer Schar linientreuer Journalisten dunnemals.

Die Ähnlichkeiten sind oft verblüffend. So trieb Mussolini, um seine Virilität zu demonstrieren, seinen Zossen mit nacktem Oberkörper über die Hindernisse im Park. Und er sandte diese Nackedei-Bildchen via Presseverteiler bis den letzten Winkel der Nation hinein. Erinnert das an irgendwas aus heutiger Zeit? – Ja, mich auch!

Ferner war Mussolini der größte Apostel des eigenen Personenkults. Überall an den Wänden hingen im Regierungssitz tapetengleich die Bilder und Titelseiten, auf denen er in heroischer Pose zu sehen war. Vermutlich guckte dieser Mann sich an sich selbst besoffen. In seiner Operettenhaftigkeit erinnert mich das aktuell an einen Mann mit Goldhamsterfrisur. Bloß an wen, an wen …?

Marketeere des Journalismus

Wer Apple heißt, der muss sich um sein Marketing keine Gedanken mehr machen. Das übernimmt willig eine dienstbereite Presse:

„Star aus Cupertino: Was die Apple Watch wirklich kann.“
„Warum mit der Apple Watch eine neue Zeitrechnung begonnen hat.“
„Apple Watch: Tim Cook beschwört die alten Zeiten.“
„Apple Watch Event: Uhrsache und Wirkung.“
„Apple Watch ausprobiert: Revolution am Handgelenk.“
„Tim Cook erschafft mit Apple ein neues Ökosystem.“

Und so weiter, und so fort – klingelingeling, so geht mein Laden. Die armen Werbetexter, sie sind im Journalismus 2.0 der überflüssigste Berufsstand der Welt …

Tod im ‚humanitären Korridor‘

Russians killed all the wounded. Mountains of corpses left behind.“

Wer zwischen Putin und der ISIS noch einen Unterschied erkennt, darf ihn behalten. Sein neues Projekt, das famose ‚antifaschistische Komittee‘, wird übrigens – wer hätte das nun wieder gedacht? – aus Alu-Hütlern, Nazis und Faschisten bestehen:

„The most interesting part is that the “anti-fascist council” is to be formed by European fascists and Nazis.“

Das wird schon ein doller ‚Antifaschismus‘ sein, der dabei herauskommt:

Frank Creyelman (far right Vlaams Belang, Belgium)
Luc Michel (neo-Nazi Parti Communautaire National-Européen, Belgium)
Pavel Chernev (far right Ataka, Bulgaria)
Angel Djambazki (far right Bulgarsko Natsionalno Dvizhenie, Bulgaria)
Erkki Johan Bäckman (neo-Stalinist, Finland)
Márton Gyöngyösi (fascist Jobbik, Hungary)
Giovanni Maria Camillacci (far right Lega Nord, Italy)
Roberto Fiore (fascist Forza Nuova, Italy)
Mateusz Piskorski (far right Samooborona, Poland)
Konrad Rękas (far right Samooborona, Poland)
Bartosz Bekier (neo-Nazi Falanga, Poland)
Nick Griffin (fascist British National Party, UK)

Klingt für mich wie: ‚Praktizierende Alkoholiker gründen ein Anti-Schnaps-Komittee‘ …

Weil die EU aus dem ersten Weltkrieg gelernt hat, wo alle in einen Weltkrieg ‚hineingeschliddert‘ seien, haben sie gestern Nacht beschlossen, noch eine Runde zu schliddern … zumindest reagiert die NATO halbwegs angemessen:

„Fünf neue Stützpunkte sollen in Osteuropa aufgebaut werden, samt schneller Eingreiftruppe von 4000 Mann. Die Allianz stuft Russland als „Bedrohung“ ein.“

Apropos – würden Sie von diesem Mann einen Gebrauchtwagen kaufen? Sein Ramschladen hat längst mehr Schulden als Vermögen: „Die Gesamtverschuldung von Rosneft beträgt 45,6 Milliarden Euro.“ Vladi, hilf!

Und aus der erneuten Zahnlosigkeit der EU folgt jetzt das, was zu erwarten war: Putin geht einen großen Schritt weiter in Richtung Novorossija – und wieder wird es einige geben, die auch über diese Latte zu springen gedenken, egal, welche Garantien sie der Ukraine im Budapester Memorandum mal gegeben haben. Hauptsache, Ruhe an der Börse:

„Putin fordert Gespräche über unabhängige Ostukraine:“

Die Antwort muss lauten: Keine Gespräche mit Irren mehr!

Von mir aus …

Sollen sie sich auslöschen – ich habe es allmählich satt, Bekloppten zu erzählen, wie bekloppt sie sind. Aber ich bin nur dafür, wenn in ihrem famosen Kalifat gleichzeitig allen Männern zum höheren Ruhme Gottes der Sack abgeschnitten wird:

„Die islamistischen Extremisten haben in dem von ihnen kontrollierten Gebiet eine Fatwa verhängt: Alle Frauen zwischen 11 und 46 Jahren müssen sich beschneiden lassen.“

Ursachen der Revolution

After having ensured the justice system would never challenge his criminal dominion, Yanukovych and his allies set out to reorganize the remaining state institutions: the tax service was turned into an national extortion service, the national police became the regime’s goon squad, the National Bank of Ukraine the gang’s main money launderer, the customs service a smuggling ring, the national gas monopoly and finance ministry pumping endlessly money to the criminal empire, the national intelligence agency SBU an instrument to harass and spy on victims of the regime… the list goes on. No government entity remained untouched. From top to bottom, they all worked with only one goal: to enrich Yanukovych and his family.“

Janukowitsch hat also die Revolte gegen ihn förmlich herausgefordert. Gegen sein unersättliches Mafia-Imperium sind die Leute dann auf die Barrikaden gegangen. All das Gequatsche von ‚Faschisten‘ ist hingegen Bullshit, das waren höchstens ‚Adabeis‘, ein paar willkommene Sockenpuppen für ‚Russia Today‘ und ‚Lifenews‘ …

Derweil zeigen die tapferen Regulatoren Auflösungserscheinungen:

„Representatives of Ukrainian armed forces announced that supposedly some of the militia have left Lugansk and together with armored vehicles have headed toward the Russian border.“

Nun geht’s mal andersrum. Vermutlich wollen sie den Endkampf von der Wolfsschanze aus führen … Motto: ‚Ich wünschte es wäre Nacht, oder die Russen kämen‘.

Abmahnwälte

Wir ordnen und befehlen hiermit allen Ernstes, dass die Advocati wollene schwarze Mäntel, welche bis unter das Knie gehen, unserer Verordnung gemäß zu tragen haben, damit man diese Spitzbuben schon von weitem erkennen und sich vor ihnen hüten kann.“ Friedrich Wilhelm I.

Das Lustige: Damit laufen sie heute noch herum – und dünken sich wunder was …

Süßer die Kassen nie klingeln …

Mitten in Wien betteln Menschen um Essen. Nicht um Cents, sondern um Brot und Wurst. Die, die noch nicht zu den Bettlern gehören, reagieren aggressiv – nicht auf das Elend, sondern auf die Elenden. Kleinunternehmer heuern Sicherheitsfirmen an, die die Hungernden vertreiben sollen. Die, die noch nicht zu den Hungernden zählen, klatschen Beifall und fordern noch mehr Härte gegen die Hungerleider. Der Mensch zeigt sich von seiner schlechtesten Seite in der Vorweihnachtszeit 2013.“

Kommentatorenmund

Tickt sie noch richtig? Anstatt sich in Italien einzumischen, sollte sie erstmal einen Beitrag zur Stabilität im eigenen Land leisten, indem sie ihren blöden Horst und andere Nebelgranatenwerfer in der Union zurückpfeift.“

Oha – unser Horschtl als Bayern-Berlusconi, das hat schon was. Dem Volk dämmert, scheint’s, dass es ohne Steuererhöhungen wohl nicht abgeht, dagegen sehr wohl ohne Maut nur für Fremdlinge. Allerdings fehlen unserem Horschtl zur Vergleichbarkeit doch noch ein paar Milliarden …

Realismus heute

Die Welt ist widerlich. Wenige Reiche strecken sich auf den Schultern vieler Armer den Sternen entgegen, der Rechtsstaat ist korrumpiert, und in den Straßen regiert der Darwinismus. Auf dem Land siecht die Jugend in ihren Meth-Küchen dahin, der kleine Mann missbraucht im Hinterhof für eine Handvoll Dollar eine Prostituierte, und wer es sich leisten kann, zockt an der Börse um das Schicksal der Allgemeinheit. Halbnackte Mädchen lassen sich für 15 Minuten Ruhm in einer Reality-Show die Würde nehmen. Familienlose junge Männer finden Zuflucht in Banden und landen schlussendlich hinter Gittern.“

Der ‚Standard‘ hat ja völlig recht. Der Realismus ist heute in den Computerspielen zu finden. Dort haben Autoren inzwischen die Nachfolge der Balzac, der Zola oder Döblin angetreten. Die ’schöne Literatur‘ dagegen – – – nun, die ist richtig schön. Vor allem schön eingebunden, mit Lesebändchen und so …

Reform-Allergie

Wohl kein Wort ist so sinnentleert, wie das Wörtchen ‚Reform‘, seit es unseren Politikern in die Hände fiel. Es klingt gut, aber meint allemal das Gegenteil. Es gehört in den Giftschrank zu ‚Kundenorientierung‘, zu ‚Restrukturierung‘, zu ‚Qualitätsjournalismus‘, zu ‚Rationalisierung‘ und zu anderen hohl scheppernden Worthülsen in buntem Geschenkpapier.

Geht es um eine ‚Reform des Arbeitsmarktes‘, dann darf sich jeder Arbeitnehmer sicher sein, dass er künftig schneller gefeuert werden kann und nur zu schlechteren Bedingungen wieder einen Job findet. Geht es um eine ‚Reform der Renten‘, dann dürfen wir alle uns sicher sein, dass die Renten danach zum Sturzflug ansetzen. Geht es um eine ‚Reform des Steuersystems‘, dann ist von vornherein klar, dass die Besitzenden künftig weniger Steuern zahlen werden. Geht es, wie jetzt im Falle Berlusconis, um eine ‚Reform der Justiz‘, dann geht es darum, den Cavaliere vollends zu einem Unberührbaren zu machen, oder – um im Jargon begriffskranker Politiker zu bleiben – um „eine Rückkehr zur Gerechtigkeit.“

Dieser ewige ‚Reformbedarf‘ ist also nichts als ein Vehikel, um bestehende Geld- und Machtverhältnisse zugunsten einiger Happy Few noch kuscheliger auszugestalten. Rosstäuscherei also … wir sollten sie künftig einfach auslachen, dort, wo sie von ‚Reform‘ reden.

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