Stilstand

If your memory serves you well ...

Bürgerliche Werte?

Im Kielwasser des Guttenberg-Plagiats wurde auch der Verrat der Christdemokratie an ‚bürgerlichen Werten‘, an der Wissenschaft und an der ‚Bedeutung der Bildung‘ verhandelt, als ob eine solche Trias ausgerechnet in dieser bürgerlichen Doppelpartei zu finden wäre. In Wahrheit treibt jene Klientel, die diese Partei trägt und wählt – dies sei hier als Gegenthese formuliert – vor allem derart viel spießbürgerliche ‚Geschäftigkeit‘ um, dass ihr für jene unverzichtbare Muße, die Bildung und fundierte Wertereflexion nun mal erfordern, gar keine Zeit mehr bleibt. Generell sind die so genannten bürgerlichen Werte heute in keiner Partei daheim.

Betrachten wir die Literatur als jene Kulturgattung, die gesellschaftliche und bürgerliche Werte primär verhandelt, zumindest seit die Kirchen ins Transzendente abrauchten, dann gibt es eine Fülle von Belegen, dass gerade die ‚Bürgerlichen‘ mit Wertfragen und Bildungsstreben nie etwas am Hut hatten. Aus den Reihen der Christdemokraten stammt eine Fülle legendärer Zitate, die uns schlicht zeigen, dass deren repräsentative Figuren nie etwas lasen, bevor sie davon zu reden meinten – ganz ähnlich, wie es dem Baron mit seiner Dissertation erging. Da wäre zum Beispiel der CDU-Bundespräsident Karl Carstens:

„Ich fordere die ganze Bevölkerung auf, sich von der Terrortätigkeit zu distanzieren, insbesondere auch den Dichter Heinrich Böll, der noch vor wenigen Monaten unter dem Pseudonym Katharina Blüm ein Buch geschrieben hat, das eine Rechtfertigung von Gewalt darstellt.“ (Spiegel 34, Nr. 10, 7, v. 3. März 1980)

Ach ja, falscher Name, aus der Luft gegriffenes Pseudonym – vom schlechten Deutsch bis zu den erfundenen Fakten ist an diesem Satz so ziemlich alles widerwärtig. Stark im Vergleich und schwach in den Belegen war auch der CDU-Außenminister Heinrich von Brentano:

„Sie waren der Meinung, daß Bert Brecht einer der größten Dramatiker der Gegenwart sei. … Aber ich bin wohl der Meinung, daß die späte Lyrik des Herrn Brecht nur mit der Horst Wessels zu vergleichen ist.“

Meinungsfreudig, dafür aber ungebildet – so lautet auch hier der Befund. Bei seiner spätlyrischen Scheinpräzisierung dürfen wir getrost davon ausgehen, dass unser Herrenreiter weder die späte noch die frühe Lyrik jemals las.

Ich könnte jetzt fortfahren mit Bundeskanzler Ludwig Erhard, der alle Schriftsteller mit „kleinen Pinschern“ verglich, „die in dümmster Weise kläffen“. Bis hin zu den „Ratten und Schmeißfliegen“ des seligen Herrn Strauß. Kurzum – Literatur, Wissenschaft, Kunst, Bildung und bürgerliche Werte waren in den bürgerlichen Parteien niemals in guten Händen.

Selbst dort, wo Geist und Konservatismus doch zeitweilig Hand in Hand zu gehen schienen, wie im Falle von Thomas Mann, da stellte sich nachträglich heraus, dass – igittigitt! – auch dieser Nobelpreisträger und Großschriftsteller peinlicherweise nur die größte Repräsentunte deutschnationalen Geistes gewesen war.

Kurzum: Bei denjenigen, die Bildung und bürgerliche Werte im Parteischilde führen, war die Geistferne schon immer inbegriffen. Insofern ist der Freiherr von Guttenberg auch kein Ausreißer, sondern der würdige Erbe eines fortdauernden Mentalzustands innerhalb der Union.

14 Kommentare

  1. Da meine liebe Gattin grosse Thomas-Mann-Fan(in) ist, würde sie sicherlich Fakten interessieren, die Ihre Beleidigung „die größte Repräsentunte deutschnationalen Geistes“ untermauern. Danke.

  2. Nun ja, nach Gerhard Hauptmanns Tod im Jahr 1946 amtierte Thomas Mann unangefochten als „Stellvertreter Goethes auf Erden“. Er war – wiewohl thematisch wie stilistisch schon etwas gestrig – der große Repräsentant der deutschen Literatur. Er blieb allerdings auch literarisch „kinderlos“, also ohne Nachfolger, weil er im Kern ja kein Moderner, sondern der letzte Ausläufer des 19. Jahrhunderts in der deutschen Literatur war.

    Natürlich haben ihm schon damals viele national gesinnte Bürgerliche nicht verziehen, dass er nach dem Krieg nicht nach Deutschland zurückgekehrt war, sondern im Schweizer Exil verharrte. Als aber die Nachricht von Thomas Manns Homosexualität (besser Bisexualität?) im Jahr 1975 öffentlich wurde, als nämlich die Tagebücher sukzessive erschienen, da war der Bruch mit seinen deutschnationalen Verehrern, die vor allem die ‚Betrachtungen eines Unpolitischen‘ goutierten, endgültig vollzogen. In ihren Augen war der Repräsentant damit zur Repräsentunte geworden.

    Ich habe die Äußerung übrigens nicht beleidigend gemeint, es war schlicht eine zutreffende und zulässige Verkürzung eines rezeptionsgeschichtlichen Sachverhalts. Ungefähr parallel vollzog sich in diesem Klima die Denunziation des Generals Kießling durch den CDU-Verteidigungsminister Manfred Wörner, was ungefähr den damaligen geistigen Zustand unserer national denkenden Eliten illustriert …

  3. die größte Repräsentunte deutschnationalen Geistes

    Wo ist die Beleidigung?

  4. Und könnte man nicht noch eins draufgeben, indem man sagt, dass Thomas Mann eben zwei Seiten hatte – die spießig-bürgerliche Hetero-19.Jahrhundert-Seite und die dekadente, schwule, antibürgerliche bis rechtsradikale. Und großartig ist er, wo sich beides die Waage hält: in den „Buddenbrooks“. Aber wo sich eine Seite durchsetzt (viril-antibürgerlich: „Bekenntnisse eines Unpolitischen“ – bürgerlich-leidenschaftsfeindlich: „Dr. Faustus“), da wird er schnell unerträglich.

  5. Danke. Was ich allerdings vor allem erfahre: Sie mögen Thomas Mann nicht.
    Ich auch nicht. Aber bei mir ist es sein Schreib-Stil, nicht etwa seine sexuelle Vorliebe; die uns, so meine ich, nix angeht. Und die er, soviel ich mitbekam, sehr dezent lebte. Oder ist er damit hausieren gegangen wie manche Tunte heute?
    .
    Und gar „rechtsradikal“? Jetzt wird’s aber komisch: Der Nobelpreisträger war ’ne Nazi-Tunte?
    .

  6. Huch, da ist ja noch was:

    „Ungefähr parallel vollzog sich in diesem Klima die Denunziation des Generals Kießling durch den CDU-Verteidigungsminister Manfred Wörner “
    .
    Ungefähr parallel? Thomas Mann ist 1955 als 80jähriger gestorben und seine Sexualität war bis dahin kein (großes) Thema.
    Die Wörner-Affäre wegen Kießling war knapp 30 Jahre später.
    Und auch jenseits des Zeitunterschieds seh‘ ich da keine „Parallele“.

  7. Nun ja – Thomas Mann blieb auch nach seinem Tod lange eine Ikone. Die Veröffentlichung der Tagebücher begann dann erst Mitte der 70er Jahre, also nach seinem Tod. Man musste schon hellhörig sein, um im ‚Tod in Venedig‘ oder beim ‚Wälsungenblut‘ vorher so etwas S-kandaaalöses zu erahnen. Viele wollten es auch gar nicht wissen. Die besonders ‚delikaten‘ Bände erschienen dann Ende der 70er-Jahre. Die Wörner-Kießling-Affäre – ich berufe mich hier auf mein Gedächtnis – fand ungefähr 1980 statt. Insofern passt es von der Parallelität her schon.

    Die sexuelle Präferenz hat mit der literarischen Qualität rein gar nichts zu tun. Ich lese ja auch Genet, Gide, Wilde usw. gern. Der ’steifleinene‘ Thomas-Mann-Stil ist allerdings schwer goutierbar, er hat ihn sich allerdings auch an seinem großen Vorbild Goethe mühsam erarbeitet, und er blieb stilistisch deshalb weit hinter seiner Zeit und seinen Möglichkeiten zurück … 😉

  8. Politisch wär’s mir ja ganz recht, wenn der Autor recht hätte. Allein, mir fehlt da jeder Glaube. Man könnte ohne weiteres Zitate – vielleicht sogar einige mehr – von Linken und Liberalen finden, die mit „Meinungsfreudig, dafür aber ungebildet“ nicht weniger treffend gekennzeichnet wären.
    Im Übrigen, damit die Begriffe nicht ganz durcheinander rutschen: „Bürgerliche Werte“ sind die der Träger des bürgerlichen Fortschritts, und der richtete sich gegen Adel und Klerus und gegen die Konservativen als deren Partei; gegen die aber, so scheint mir, soll es doch in diesem Artikel gehen. Gewiß, da ist seit längerem einiges durcheinander geraten und die Frontlinien laufen zu Teil etwas anders. Aber so weit, daß man einfach allerlei sehr Verschiedenes in eins schmeißen darf, sind wir noch nicht.

  9. Mein Einwad richtet sich ja auch gegen diejenigen, die heutzutage ‚bürgerliche Werte‘ so oft schwadronierend im Maul führen, ohne von ihnen beleckt zu sein. Hier nur einige wild ergurgelte Beispiele:

    „CDU soll bürgerliche Werte betonen“ (Jörg Schönbohm)

    Vier jüngere einflussreiche Unions-Politiker werfen der CDU-Vorsitzenden vor, traditionelle bürgerliche Werte zu vernachlässigen. (Mißfelder, Söder [ausgerechnet die!])

    An bürgerliche Werte appelliert der Fraktionsvorsitzende auch im Streit um landwirtschaftliche Flächen in Stormarn. … Der Bundestagsabgeordnete, der den Wahlkreis Herzogtum Lauenburg/Stormarn Süd in Berlin vertritt, sagte, es sei dringend notwendig das Baurecht zu ändern.

    Letzteres Beispiel zeigt mir, dass mit bürgerlichen Werten in dieser Partei vor allem individuelle Geschäftsinteressen gemeint sind …

  10. @ jeeves: Ich möchte nicht missverstanden sein – ich mag Thomas Mann durchaus, vor allem den jungen Thomas Mann, den décadent, bei dem noch „München leuchtet“: Ich liebe den herrlich schmachtigen „Tonio Kröger“, das schrille „Wälsungenblut“, den böshaft satirischen „Tristan“ – und natürlich die „Buddenbrooks“. Eben Manns wunderbar irrational-verspielten Jugend-Stil. Später, als er diesen Stil zugunsten altmodisch-umständlicher Bürgerlichkeit zurücknimmt, nervt er mich, auch inhaltlich, weil er da groß den „Bürger“ raushängen lässt, der im Herzen gar nicht ist – oder eben nur zur Hälfte.

  11. 1. „Mein Einwand richtet sich ja auch gegen diejenigen, die heutzutage ‘bürgerliche Werte’ so oft schwadronierend im Maul führen, ohne von ihnen beleckt zu sein.“
    Ja, einverstanden.
    2. „Letzteres Beispiel zeigt mir, dass mit bürgerlichen Werten in dieser Partei vor allem individuelle Geschäftsinteressen gemeint sind …“
    Das scheint mir nicht besonders spezifisch für die Parteien, die man heute „bürgerlich“ nennt. Im Übrigen: die Kernpartei des Bürgertums waren von Anfang an die Liberalen, und bei denen waren immer schon die individuellen Geschäftsinteressen gemeint. Das haben die auch nie geleugnet.
    3. Den Schönbohm würde ich hier nicht nennen, der scheint mir echt zu sein. Ich sah ihn neulich – vor dem Rücktritt – in einer Fernsehdiskussion, da ging er mit Guttenberg gnadenloser um als irgendeiner von der Opposition.

  12. @ Ludwig Trepel: Naja – die historische Traditionslinie der CDU zieht sich ja vom Liberalismus über den Nationalliberalismus und das Zentrum bis zur heutigen Union hin. Der Liberalismus ist in diesem Staat zum zentralen Bezugspunkt des konservativen Milieus geworden, ‚echte Konservative‘ oder ‚reaktionäre Revolutionäre‘ in der Tradition bspw. der Jünger oder des George-Kreises, die sind längst ausgestorben. Allenfalls der Botho Strauß tutet in schwachen Stunden noch auf jenem Horn.

    Das, was wir aber ‚bürgerliche Werte‘ nennen, intellektuelle Redlichkeit, Toleranz, Wille zur Wahrheit, moralisches Handeln usw., das war im Kern immer eher antibürgerlich und aufklärerisch fundiert – in jener Schicht, die Karl Mannheim mal „freischwebende Intellektuelle“ nannte. Der Bourgeois hingegen propagierte bloß seine privaten Werte als genuin „bürgerliche Werte“, sie galten auch nahezu ausschließlich immer für die anderen, worunter er im Kern dann industriell gut verwertbare Arbeitstugenden verstand: Fleiß, Pünktlichkeit, Mäßigkeit, Unermüdlichkeit, Sparsamkeit …

  13. @Klaus Jarchow

    Also, das mit 1980 nehme ich jetzt mal übel. Wer war denn 1980 in Bonn an der Regierung, doch nicht der dicke Helmut, sondern der sozialliberale!

    Die Kießling-Affäre begann im Herbst 1983 und wurde laut Anfang 1984.

    Was die ‚Tunte‘ angeht, ist das natürlich nur in 3 Fällen eine Beleidigung:

    a) wenn jemand homophob ist [dann wird er aber auch ‚homosexuell‘ beleidigend einsetzen]
    b) wenn ein Schwuler sich als Anti-Schwuler geriert [denn trifft a) auf ihn zu und er fühlt sich selbstverständlich so richtig beleidigt]
    c) wenn ein heterosexueller den Schwulen spielt [diverse verlogene Film“komödien“]

  14. @ Dierck: Ergänzend – zu meiner „grünen Zeit“ (lang ist’s her), war ich auch zeitweilig der Ansprechpartner für die diversen Schwulen- und Lesben-AGs aus dem Selbsthilfebereich. ‚Tuntig‘ nannten die vor allem ein homosexuelles Verhalten, dass geziert und ‚fraulich‘ wirkte. Wenn der Betreffende am Ende sogar auf weibliche ‚Fummel‘ zurückgriff, hieß es ‚transig‘, das war sozusagen die Steigerung.

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