Stilstand

If your memory serves you well ...

Bürgerliche Mehrheit?

Es gibt für mich kaum eine dümmere sprachliche Phrase, als das Gerede der Union und der FDP von einer ‚bürgerlichen Mehrheit‘, die es im Wahlkampf zu erringen gelte. Denn in der Bundesrepublik Deutschland gibt es ausschließlich Bürgerliche, das aktive und passive Wahlrecht nebst der Staatsangehörigkeit konstituiert den deutschen Bürger. Und auch vom Lebensstil her stehen wir bundesweit und gesamtgesellschaftlich vor einer nicht immer appetitlichen Melange aus Kleinbürgern, mittlerem Bürgertum und einer Haute Bourgeoisie, die immer zumwinkeliger wird, je weiter wir nach oben schauen. Außerhalb des ‚Bürgertums‘ wäre allenfalls eine kleine Schicht von ‚abgestürzten Bürgern‘ zu verorten, die Hartz IV-Empfänger. Die sich aber nichts sehnlicher wünschen als die Rückkehr ins Bürgertum. Diese Bundesrepublik ist also durch und durch bürgerlich – von ganz rechts bis ganz links. Selbst die NPD mimt mit treudeutschem Augenaufschlag den national empörten Bürger.

Der dreiste Versuch von Liberalen und Unionisten, sich unter diesen Umständen ganz allein das Etikett einer ‚bürgerlichen Mehrheit‘ anzuheften, ist daher soziologischer und wissenschaftlicher Unsinn. Moderner ausgedrückt: Es ist Bullshit. Nirgends gibt es mehr Proletarier, die „nichts zu verlieren hätten als ihre Ketten“ (Marx). Auch der deutsche ‚Arbeiter‘, wenn ihm nicht der Ackermann und seine Spekulatiusse den Aufstieg versemmeln, der besitzt bisher irgendwann ein Einfamilienhaus, ein Sparguthaben und Mallorca-Sauferfahrung – er ist damit längst zu einem Kleinbürger mutiert, zu einem Petit-Bourgeois, der einiges mehr als nur Ketten zu verlieren hat.

Gleiches gilt für die Parteien: Bei den Grünen sammelt sich das akademische Bildungsbürgertum, die Nachfahren Storms, Rathenaus, Fontanes, Benns oder Raabes, wenn man so will, die Leute also, bei denen die Bücherschränke in der Regel ein beachtliches Format besitzen. Kaum ein deutscher Intellektueller, der nicht irgendwann verkünden würde, grün wählen zu wollen. Ein Unions-Intellektueller wie Heiner Geißler gleicht da schon fast einem Irrläufer.

Die SPD dagegen ist das Sammelbecken der bürokratisch-mittleren Ebene unserer Funktionseliten in Staat und Verwaltung geworden: Lehrer, Beamte, Juristen drängeln sich dort dicht an dicht, an einem zurückgebliebenen Ort in Nordrhein-Westfalen soll kürzlich allerdings noch ein Arbeiter in der Partei gesichtet worden sein, der daraufhin prompt ‚Unkas‘ getauft wurde. Der Name ‚Yeti‘ fand keine Mehrheit. Die Linke wiederum sammelt im Westen die bürgerlichen Aufsteiger aus dem einstmals proletarischen Lager ein, also vornehmlich Gewerkschaftsfunktionäre, im Osten ist sie weithin die Hochburg alter DDR-Funktionseliten geblieben, die aber längst die geistige Wende hinter sich haben, was ihnen leicht fiel, weil sie ja auch im Honecker-Staat schon die Aufgabe eines ’sozialistischen Bürgertums‘ wahrnahmen: privilegiert, intellektuell, besitzversessen und dirigistisch.

Wenn FDP und CDU/CSU heute von einer „bürgerlichen Mehrheit“ faseln, dann geht es ihnen allenfalls darum, jene Menschen um ihre Fahnen zu sammeln, die sich durch Herkunft, Vermögen und Lebensstil zu einem ‚bürgerlichen Adel‘ zu zählen gewohnt sind. Sie verwenden das Wort ‚bürgerlich‘ also in einem feudalen Sinne – sie meinen nur und ausschließlich das Besitzbürgertum, jene, die unter vermehrter Steuerfahndung leiden würden. Das Bildungsbürgertum aber bspw. haben sie längst verloren – das erreicht bei ihnen höchstens noch Pofalla-Format. Ähnlich, wie die alten Griechen die bürgerlichen Bewohner der nächst benachbarten Polis auch nicht als Menschen ansahen, sondern als Barbaren, so betreiben auch die FDP und die Union eine Exklusion, sie versuchen das ‚bürgerliche Lager‘ von bestimmten Bürgern zu säubern und Wettbewerb zu verhindern. Vieles erinnert mich verbal dabei an Teufelsaustreibungen.

Kurzum: Das Gerede von einer ‚bürgerlichen Mehrheit‘ ist eine veritable Nebelbombe, um von der Verteidigung alter Privilegien abzulenken, um die es in Wahrheit geht. Es ist Korfs umgekehrte Lampe, die eingeschaltet Dunkelheit erzeugt …

8 Kommentare

  1. Pofalla und Format in einem Satz … Pofalla als intellektuelles Aushängeschild … Pofalla als Symbol für Bildung …

    Mutig!

  2. „Pofalla-Format“ — das ist ein Widerspruch in sich.

  3. Meine Herren – ich muss doch sehr bitten: Seit der Geißler zu Attac desertierte, ist Pofalla unbestritten der führende Intellektuelle des konservativen Lagers. Eine Kellerleuchte des Abendlandes sozusagen. Seite an Seite mit Fritze Merz, dem Mopedfahrer …

  4. Das finde ich jetzt unfair – meiner kaputten Kellerglühbirne gegenüber.

    Mann, und am Sonntag ist Wahl, ausnahmsweise mal ’ne wichtige. Ich weiß nur, wen nicht. Hat jemand ’nen guten Tipp wen dann?

  5. Nimm die Bananen. Gestern noch grün, heute schon gelb, morgen schwarz. Der Kern wird zwar immer matschiger, aber wenigstens werden sie süß dabei.

  6. Wenn Pofalla ein Intellektueller ist, so hatte ich bis dato ein vollkommen falsches Bild von dieser Spezies. Ich entschuldige mich hiermit bei allen Intellektuellen!

  7. „Außerhalb des ‘Bürgertums’ wäre allenfalls eine kleine Schicht von ‘abgestürzten Bürgern’ zu verorten, …“

    Wieso schüttelt’s mich, jedesmal, wenn ich in einem Text „verorten“ lese? Anstatt zum Beispiel „gibt es…“

  8. @ Kolumnistenschwein: Also hömma – der Mann hat immerhin Sozialpädagogik studiert! Und Jura bis zum ersten Staatsexamen. Aber gut, Jura ist ja auch kein bildungsförderndes Studium …

    @ Jeeves: „verorten“ ist natürlich eine Bürokratieperle, die wir an der unnötigen Vorsilbe „ver-“ erkennen, die aber auch einem Soziologen gern mal in seinen ‚Papers‘ unterläuft. So war’s von mir ja auch gemeint – Alternativen hätte es zahllose gegeben, vom schlichten „orten“, „finden“ oder „suchen“ über ein höchst existenzialistisches „existiert“ bis hin zu einem polizeilichen „dingfest zu machen“ …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

*

© 2017 Stilstand

Theme von Anders NorénHoch ↑