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Buchstabenmystik

Der Gedanke, nicht erst in den Text etwas ‚hineinzugeheimnissen’, sondern schon in die Zeichen, in die einzelnen verwendeten Buchstaben, aus denen er besteht, der mutet uns fremd an. Das jüdische Volk allerdings gilt auch deshalb als ‚Volk der Schrift’, weil es die Buchstaben auf diese Art gewissermaßen heiligt. Gleich drei Bücher der Kabbala, der jüdischen Mystik, beziehen sich auf die geheime Bedeutung der Buchstaben des hebräischen Alphabets.

Jeder Buchstabe besitzt demnach mehrere sinnbildliche Bedeutungen, die sich wiederum auf Bibelverse beziehen können. Zunächst ist jedem Buchstaben ein Grundbegriff religiöser Erkenntnis zugeordnet. Ferner entspricht er auf der ersten, der offensichtlichen Ebene (‚gematria’), einem Zahlenwert. Denn das Hebräische hat keine separaten Zahlwörter ‚erfunden’. Auf den tieferen, mystischen Ebenen schließlich helfen die Buchstaben, die Struktur der Erscheinungswelt zu deuten. Ein mystischer Text lässt sich dann über die Symbolik der Buchstaben als eine Art Weltauslegung lesen, der Text gewinnt gewissermaßen die Qualität einer symbolischen Séance oder eines Tarot-Spiels.

Nehmen wir den zweiten Buchstaben des hebräischen AlphaBETs: das Bet also. Die zugeordnetete Wortbedeutung ist zunächst ‚Haus’ (bajit), als Zahl entspricht das Bet der Zwei (schettajim). Bet ist darüber hinaus ein Buchstabe von höchster Bedeutung in der Kabbala, denn mit ihm beginnt die Bibel (wie übrigens auch der Koran), der Buchstabe symbolisiert das Gotteshaus und den Tempel (bet ha-mikdasch), das Zentrum jüdischen Glaubens, und er umfasst alle Orte der Weisheit (bet ha-mi-drasch). In seinem Dualismus verbindet er – als zweiter Buchstabe – das Göttliche und das Irdische und er zeigt die zwei Wege der Weisheit. Bildlich ausgedeutet zeigt er das Wort in der Höhle des Mundes. Dies (und noch viel mehr) kann also in einem einzigen Zeichen der Schrift enthalten sein.

Vielleicht täte uns ein wenig mehr Achtung vor dem Mysterium der Schrift ganz gut. Es muss ja nicht gleich die Kabbala sein … aber etwas mehr als die ökonomische Heiligung durch das ‚AAA‘ einer Rating-Agentur könnte es schon sein.

2 Kommentare

  1. „etwas mehr als die ökonomische Heiligung durch das ‘AAA’ einer Rating-Agentur könnte es schon sein.“
    Da ist zum Beispiel manch Text von Martin Z. Schröder in seinem „Druckerey Blog“ sehr hilfreich.

  2. Ja, diese alten Bücher im Bleisatz haben noch einen ganzen eigenen Charakter, wenn die Hand noch wirklich den Eindruck der Lettern im Papier spürt. Dort gibt’s wirklich noch ‚Haptik‘, im Gegensatz zur Zeitung.

    So viel Link darf übrigens sein …

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