Weltdeutungstag bei der ‚Welt‘ – und wieder mal steht diese Deutung auf tönernen Füßen. Ein israelischer Historiker habe in einem Buch von der ‚Erfindung der jüdischen Nation‚ gesprochen und würde deshalb demnächst wohl bei der ‚Erfindung des Holocaust‚ landen. So der notorisch verhaltensauffällige Henryk M. Broder. Klingt zunächst doll, klingt für Unbedarfte schlüssig – ist aber Bullshit.

Zunächst einmal ist es unter Historikern Konsens, dass alle ‚Nationen‘ nur Erfindungen oder Konstruktionen des ausgehenden 18. und des beginnenden 19. Jahrhunderts waren. In Deutschland waren Sturm-und-Drang-Männer wie Johann Gottfried Herder daran beteiligt, vor allem aber die politische Romantik von Joseph Görres bis hin zu Ernst Moritz Arndt. Der amerikanische Historiker Benedict Anderson von der Cornell-University hat dieses ebenso universelle wie geistesgeschichtliche Faktum am wirkungsmächtigsten aufgedröselt, vor allem in seinem Buch ‚Die Erfindung der Nation‚. Broder aber wischt historisches Klippschulwissen beiseite und schreibt in Bezug auf das Buch von Shlomo Sand:

„Nun spricht prinzipiell nichts dagegen, ein Buch auf den Markt zu bringen, in dem die „zionistische Idee“ als ein national-kolonialistisches Hirngespinst dargestellt wird – ohne jeden Bezug zum europäischen Antisemitismus und seiner Vollendung in der Endlösung der Judenfrage. Wenn man will, kann man es so sehen. Auch die Werke von Douglas Adams („Per Anhalter durch die Galaxis“) und Erich von Däniken („Besucher aus dem Kosmos“) leisten im weitesten Sinne einen Beitrag zur Volksbildung.“

Trivialer Sensations-Kitsch würde dem Leser hier also aufgetischt, wissenschaftlich ebenso unhaltbar wie Dänikens Raumfahrer-Götter-Epen. Was demnach – laut historischer Wissenschaft – für alle Völker gilt, soll für das jüdische Volk deshalb nicht gegolten haben, weil es ja irgendwie auch noch den Antisemitismus gab. Förmlich das Gegenteil ist richtig: Wenn es an Shlomo Sands These etwas zu kritisieren gibt, dann ist es die Banalität seiner Behauptung, das marktschreierische Verkünden einer blanken Selbstverständlichkeit.

Wie alle Völker entwickelten auch die Juden im 19. Jahrhundert einen politischen Nationalgedanken, der auch ein Staatsgebiet einschließen sollte. Die chiliastische Hoffnung vor allem galizischer Juden hingegen, irgendwann beim Erscheinen des Messias in ein ‚gelobtes Land‘ zu stiefeln und den Tempel wiederaufzubauen, das war dagegen bloß eine religiöse Utopie, erich-däniken-haft wie das ‚ewige Himmelreich‘ im Christentum.

Der jüdische Nationalismus unterschied sich von dem anderer Völker vor allem darin, dass er mächtig verspätet kam – und dass Männer wie Theodor Herzl tatsächlich viele Stereotype der Antisemiten intellektuell teilten: Auch er sah die Juden als ein schacherndes Volk, auf Intelligenz statt auf Muskeln gegründet, ein Volk, das erst das Arbeiten und Schaffen in einem eigenen Land wieder lernen müsse. „Die Antisemiten gröhlen: ‚Raus mit den Juden!‘„, kommentierte der österreichische Jude Karl Kraus den Parallelitäts-Sachverhalt genüsslich, „und von Seiten der Zionisten schallt es ihnen entgegen: ‚Jawohl, raus mit uns!‚“ [‚Eine Krone für Zion‘].

Auch für die Fixierung des neuen Nationalgedankens aufs Heilige Land, als einer ewig jüdischen Heimstatt, gab es keinerlei uralte nationalhistorische Festlegung. Theodor Herzl ging es primär darum, politisch ein Land mit Grenzen zu schaffen, das allein den Juden gehören sollte. Für die sollte es als eine Art ‚Volkserziehungsanstalt‘ funktionieren. Palästina sah er lange als viel zu komplex und umstritten an. In seinen Tagebüchern diskutiert er u.a. eine afrikanische Landnahme, Argentinien kommt zeitweise genauso ins Spiel, wie auch Madagascar (eine Idee, welche die Nazis später reaktivierten). Kurzum – Broders These einer geradezu urzeitlichen Nationalidee, welche den Juden allein das Land am Jordan mit Gottes Segen vorherbestimmt hätte, läuft schlicht auf Dummenfang hinaus – und steht dabei weit neben den zionistischen Gründungsideen.

Für ein ‚himmlisches Jerusalem‘ waren vor allem die galizischen Juden empfänglich, welche später allerdings den Löwenanteil der Zionisten stellten. Diese Chassidim standen im Gegensatz zu den Maskilim, den aufgeklärten Juden, die den öffentlichen Diskurs bestimmten und die ihr Volk geradezu als ein ‚Anti-Volk‘ betrachteten, als Träger des Menschheitsgedankens statt eines verengten chassidisch-zionistischen Nationalgedankens, „dort, wo Zions Türme blicken zu Tal„. Auch Theodor Herzl war sich des Konstruktiven seines neuen jüdischen Nationalismus stets bewusst – und die gleichfalls verspäteten Germanen waren ihm hierbei Vorbild:

„Glauben Sie mir, die Politik eines ganzen Volkes – besonders wenn es so in aller Welt verstreut ist – macht man nur mit Imponderabilien, die hoch in der Luft schweben. Wissen Sie, woraus das Deutsche Reich entstanden ist? Aus Träumereien, Liedern, Phantasien, und schwarzrotgoldenen Bändern. Und in kurzer Zeit. Bismarck hat nur den Baum geschüttelt, den die Phantasten pflanzten.“ (Briefe u. Tagebücher II, 65)

Kurzum – der Vater des Judenstaates, Theodor Herzl, war sich durchaus im Klaren, welch politische Designer-Leistung er mit der Konstruktion eines ‚Judenstaates‘ und seiner geschichtlichen Fundierung am Ende des 19. Jahrhunderts vollbrachte. Nicht ohne Grund versuchte er die Krönung literarisch und fiktional zu legen, mit dem Buch „Altneuland“. Die Überführung des Fiktiven in die Realität ist vielleicht Herzls eigentliche Leistung. Henryk M. Broder aber schwafelt mal wieder und steht dabei dumm knietief in duftender Mystik herum …