Stilstand

If your memory serves you well ...

Blogschreiber: Don Alphonso

Als Beispiel für den neuen Stil, der durch das Web 2.0 in die schreibende Zunft Einzug hält, wähle ich einfach mal einen stark kommentierten Beitrag aus den FAZ-Blogs. Don Alphonso stellte ihn am 18. März 2009 dort ein – unter dem Titel „Klassenkampf oder was davon übrig ist“.

In seinen Beiträgen dort – wie auch anderswo – gefällt sich der Don in der Rolle eines vermögenden Sohnes aus der Haute Bourgeoisie, selbst allen materiellen Sorgen enthoben, der trotzdem unentwegt bereit ist, auch gegen den Stachel der Upper Class zu löcken. Folgerichtig beginnt der Artikel mit einem revolutionären Mission Statement, das der arglose Leser nicht ausgerechnet in seiner kreuzkonservativen FAZ zu lesen erwarten durfte:

„Natürlich kommt man nicht umhin zuzugeben, daß es einen höchst erfolgreichen Klassenkampf in Deutschland gibt: Den Klassenkampf von oben. Das hört man nicht gerne an der Spitze, denn dort sehnt man sich nach Ruhe und Abgeschiedenheit, und man hört es nicht gerne unten, denn dort hätte man das gerne anders“

Devianz – Abweichlertum also: Die marxistische Praxis wird den Spitzen der Gesellschaft in die Schuhe geschoben, der wahre Hort aufklärerischer Werte ist die Bohème. Aversion sowohl gegen ‚die da oben‘ wie auch ‚gegen die da unten‘, gegen Prada-Chichi und Proleten-Hiphop gleichermaßen – das inszeniert Don Alphonso als soziokulturellen Ort erfolgreichen Bloggertums. Die Position gleicht damit derjenigen des „freischwebenden Intellektuellen“ im Sinne Carl Schmitts, der klassenenthoben über allen Parteien gottgleich auf einer überlegenen Warte zu thronen meint und sich nur voluntaristisch irgendwo zuordnet, dann, wenn dieser Ort ästhetisch akzeptabel ist. Im Dandytum Oscar Wildes oder im Ästhetizismus Huysmans hat dies Verfahren historische Vorbilder.

Diese Position zwischen den Stühlen wird in extenso geschildert, denn die hemmungslose Subjektivität, die Rückkehr des Autors in den Text, die ist ein weiteres untrügliches Kennzeichen gut gemachter Blogs. Don Alphonso steht als Autor stets auf Bergeshöhen, als eine Nippes-Ausgabe von Nietzsche, der damals in brüderlicher Verbundenheit auch nur noch seine Gletscher in Sils Maria als gleichberechtigte Gesprächspartner akzeptierte, den leeren Himmel über sich. Zugleich hat Don Alphonsos Text soziopolitisch die steile These zu belegen, dass die Finanzkrise zwar eine Krise der Reichen sei, aber keine Krise für die Reichen.

Das Plateau, auf das sich Don Alphonso hier begibt, ist keines der sozialen Äquidistanz. ‚Die da unten‘, die haben gefälligst auch weit unten zu wimmeln, am Fuße des Berges. ‚Die da oben‘ aber, die stehen auf gleicher Höhe mit dem Autor, auf einem Tafelberg mit Kaffeehaus-Niveau. So dass der Don als Autor sie mit der gebotenen Ironie auch ganz von nahem betrachten kann:

„Gestern Nachmittag etwa kam wieder ein Schwall solcher Wünsche von Menschen herein, denen ich noch nicht mal vorgestellt wurde. Ich bekam es natürlich nicht mit, denn während man sich unten an den Grundregeln der Grammatik die Finger verbog, war ich oben, ganz oben, auf 1600 Meter, auf dem Wallberg. Dort oben ist ein feines, teures Cafe mit Panoramablick, hier oben herrscht noch König Winter und eine Gesellschaft, die augenscheinlich zufrieden ist. Die alten Tanten im Wallberghaus haben kein Internet, und sie bekommen all die schlechten Wünsche noch nicht einmal mit. Man steht da oben, schaut hinunter auf den Leeberg, Tegernsee, die Privatkliniken in Bad Wiessee und das perverserweise florierende Escadageschäft in Rottach. Alles ist famos, alles ist zufrieden, in der Realität“.

Mit solchen und ähnlichen Internet-Texten jedenfalls kehrt der Autorenjournalismus in die mediale Welt zurück, die Literaturkritik hat zukünftig die Medienkritik zu ersetzen, und der Leser schreitet Seite an Seite mit dem Verfasser durch ein Wunderland der Literatur, statt durch die dürre Steppe des Journalismus. Parallel läuft im Text eine ständige Selbstreflexion des Geschehens in diesem neuen Medium ab. Der Autor thematisiert, was ihm Unerhörtes geschieht, nur weil er im Netz in aller Arglosigkeit etwas Provokantes schreibt und veröffentlicht. Diese Selbstreflexion des eigenen Schreibhandelns ist für alle guten Texte im Web 2.0 konstitutiv geworden, ein wenig Koketterie ist – wie in diesem Fall – natürlich oft dabei:

„Aber hallo. Ein Anonymling lässt mich wissen, er habe Anzeige wegen Volksverhetzung gestellt, und auch der Pädophilie möchte man mich verdächtigt sehen. Man wünscht mir verbales „Waterboarding“, ich sei asozial, ein Schnösel, „Teil des Problems“, dem man die „Fresse einschlagen“ sollte. Meiner Schicht wünscht man explizit das Schafott, die Pleite, den Untergang, vermutlich würde man uns allesamt gerne im TV-Gerät betrachten, wie wir ohne Bezahlung gezwungen sind, entwürdigende Szenen der Realitätsschauspiele privater Sender nachzuspielen. Das wäre sicher eine Freude, aber es ist eben auch ein Teil des Problems. Ein Teil des Problems derer da unten“.

Es ist schon lustig, wie Don Alphonso, der vielen in Deutschland geradezu als die Inkarnation des ‚Motzbloggers‘ gilt, hier das Trolltum, die Pöbelei und den Schimpfwortgebrauch als ein Problem ‚derer da unten‘ abtut, zu denen er sich insgeheim eben nicht zu zählen pflegt. Zugleich entstehen durch diese schizoiden Inkonsistenzen und ‚persönlichen Macken‘ exakt jene Reibungsflächen in einem Blog, die den Leser zu Kommentaren reizen. Wer im neuen Netz nur noch glattgeschleckt, in Gestalt eines zehnfach aufgebügelten PR-Textes daherkäme, der würde auch keine Leser finden – und keinen Dialog in Gang setzen können.

Dieser Dialog wiederum sieht dann oft anders aus und es geht in ihm anders zu als in den gepflegten Mandarin-Diskursen, die uns der Genosse Habermas zur Pflege der kommunikativen Kultur empfiehlt. Hier ein wenig O-Ton aus den Threads:

„Ich sehe ein schlimmes Konglomerat aus der herablassenden Bourgeois-Macher-Meinung A.: „Die da unten sind selber schuld, können nicht einmal Revolution machen, diese obrigkeitshörigen Schafe. Aber daddeln wie blöd!“ (muss eine Info sein, die ihre Schreiber mit höchster Wahrscheinlichkeit und problemlos aus Krawall-TV, Supernanny und ähnlich asozialem TV-Konsum beziehen – aber sicher nicht aus der realen Welt „da unten“, denn zu der haben die meisten Schreiber hier keinen Zugang). Schlimmes Konglomerat von A mit Meinung B, die da geht: „Der oder der muss das mal machen gegen die da oben für uns da unten“ Which means: eine Stellvertreterkultur“.

Die Grammatik macht hier (18. März, 15:18 Uhr) einige seltsame Verrenkungen, der Text ist bloß ‚dahergehuscht‘, trotzdem ist die These klar: Der Don Alphonso habe von ‚denen da unten‘ aber auch nicht den Hauch einer Ahnung! Was angesichts des bereits beschriebenen Standpunktes, den der Don einzunehmen pflegt, ja auch nicht weiter wundert. Das wird von der Verfasserin, einer gewissen ‚Vroni‘, in extenso herausgestellt. In ihren Augen sei der Don Alphonso eben kein knallharter literarischer Realist, dies sei er bestenfalls für die Schilderungen seiner Haute Volée. Statt einer Schilderung der sozialen Niederungen biete auch er nicht mehr als eine virtuelle Welt, zusammenphantasiert und zusammengeleimt aus Vorurteilen über den Pöbel.

Das ist harter Stoff, gerade in einer virtuellen Leuchtschriftwelt, dort, wo man sich nicht in die Augen schaut, sondern eine Diskussion aus ausgetauschten Buchstaben produziert. Gerade da geht es oft wesentlich deftiger zu als im Falle der Face-to-Face-Kommunikation – kein Wunder also, dass Diskussionen im Netz ein wenig mehr Dickfelligkeit und Engagement erfordern und ohne das diskursive Polster übermäßiger Höflichkeit auszutragen sind. Wer den neuen Dialog ertragen will, den das Web 2.0 jetzt allen Schreibern abverlangt, statt der geschützten Monologe der guten alten Zeit, der muss jene mimosenhafte Empfindlichkeit der Journalisten abschütteln, die sie in ihren stillen Redaktionstübchen einstmals pflegen durften, als allenfalls ein ungehöriger Leserbrief mal wieder nicht abgedruckt wurde.

Eine harte Conclusio, eine abschließende Sinngebung also, gehört zu einem zünftigen Blogtext dann natürlich auch noch dazu. Don Alphonso übt in seinem Schlusswort eine beinharte und provozierende Menschenverachtung, von der ich nur hoffen will, dass sie gespielt ist. Er spuckt gewissermaßen von seinem bourgeoisen Maulwurfshaufen herab den versammelten Mitbloggern auf die Köpfe: Bei denen handele es sich doch nur um aufstiegswilliges Gewürm aus der Unterschicht, das ewiglich nie oben ankommen würde. Damit passt er dann doch wieder gut in die FAZ hinein, und eine heftige Diskussion war – wie gewünscht – mit diesem Pasquill auch vorprogrammiert:

„Die heutigen Gegner meiner Klasse dagegen sind, pardon, wenn ich das so sage, Waschlappen. Selbstverschuldete Waschlappen, digitales Lumpenproletariat, wenn man mir das alte Wort gestattet, für die der Gipfel des gesellschaftspolitischen Engagements Genörgel bei Twitter ist. Es ist da, es ist vorhanden, aber das sind die Hinterlassenschaften von Dackel Waldi auf dem Uferweg auch, man weicht aus und betrachtet wieder den feinen Sonnenuntergang am See. Es wird Frühling. Julchen hat nächsten Mittwoch Urlaub, man könnte nach Sterzing fahren. Vielleicht doch ein Segelboot im Sommer? Und wann geht es nach Rom?“


4 Kommentare

  1. Sehr guter Text. Endlich weiß ich, warum ich so gern beim Don lese (das meine ich nicht ironisch!!!)

    Rückkehr des Autorenjournalismus und Seite an Seite mit dem Verfasser durch ein Wunderland der Literatur schreiten, statt durch die dürre Steppe des Journalismus – großartig!

  2. „Don Alphonso, der vielen in Deutschland geradezu als die Inkarnation des ‚Motzbloggers‘ gilt, “

    Genau deswegen hatte ich sehr schnell aufgegeben, seinen (nicht den FAZ-) Blog weiterhin zu besuchen & zu lesen. Ich vermutete hinter dem Don einen unreifen Punker.
    Dann kam der FAZ-Blog und ich rieb mir erstaunt die Augen: nette Reiseberichte, viel gute Texte und Fotos über alte schöne Autos, Kirchen und Antiquitäten. Als ich meine Erstaunen über den offensichtlichen Zwiespalt als Kommentar schrieb, wurde nie wieder einer meiner Kommentare dort freigegeben. Das war jedenfalls mein Eindruck. Ich gab’s auf. Les‘ die FAZ-Blogs aber weiterhin, und den Don dort oft mit Gewinn.

  3. @Jeeves: Mir geht es eher umgekehrt – das FAZ-Blog von DA ist mir streckenweise zu langatmig, die Blogbar lese ich hingegen gerne, da er ein sicheres Haendchen dafuer hat, die Entwicklungen im Netz vorauszuahnen.
    Sein Umgang mit Kommentatoren, der ist oefters mehr als eigenwillig…

  4. Stimmt, fhu, ich hatte wohl seinen oftmaligen „Umgang mit Kommentatoren“ im Gedächtnis. (ich komme gerade von der faz.blog-Seite mit all den wunderbaren Auto-Detail-Fotos die der Don in Rom machte. Bin selbst kein Autofan, aber diese alten Karren, doch, die haben was. Danke, Don).

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