Stilstand

If your memory serves you well ...

Beunruhigte Märkte

Liebe Kinder, heute erkläre ich euch mal Wirtschaft. Diese Wirtschaft, das ist jene Veranstaltung, die vor allem von den reichen Leuten am Laufen gehalten wird. Also von denen, die mehr Geld haben, als sie vernünftigerweise ausgeben können. Weil die so viel Geld haben, sind sie auch ganz doll ängstlich. Es gibt auf der Welt nichts Furchtsameres als einen reichen Mann. Manche nennen diese reichen Leute übrigens auch ‚Kapitalisten‘ und sie bezeichnen das panische Hin- und Herrennen mit all dem lieben Geld als ‚Kapitalismus‘. Andere drücken sich vornehmer aus und sagen stattdessen ‚Märkte‘ oder ‚unser Wirtschaftssystem‘.

Der Kern aber bleibt sich gleich – im Mittelpunkt alles Geschehens steht stets der Glaube völlig verängstigter Menschen, dass ihr Geld vor allem sicher sein müsse. Der Gewinnglaube wie auch die Verlustangst dieser Menschen – das ist der entscheidende Motor unserer Wirtschaft. Kein anderer Trieb wirkt in diesem Bereich – nicht Vaterland, nicht Hunger, nicht Not, nicht Vernunft oder Bedarf – es gibt immer nur die Gewinnerwartung und die Verlustangst. Diese Gefühle regieren die Welt.

Solange solche Menschen meinen, morgen würden sie mehr Geld haben als heute, brummt das System wie erwünscht. Die Fachleute sprechen dann von einer ‚guten Konjunktur‘ oder von ‚Wachstum‘. So etwas kann von den Regierungen sogar befördert werden. Als bspw. für Biogasanlagen Gewinne garantiert wurden, baute alle Welt plötzlich Biogasanlagen – und Jauche wurde zu einem knappen Gut, das wir heute sogar aus Holland importieren. Der reiche Mann verlor wegen der Garantien der Politiker seine unaufhörliche Angst und er steckte Geld in duftende Fermenter und in Blockheizkraftwerke hinein – er ‚investierte‘ es, um den Fachausdruck zu verwenden. Und weil dieser Gewinnglaube so übermächtig war, liehen ihm sogar die Banken Kredite, wenn das eigene Geld nicht reichte.

Was aber ist, wenn solcher Gewinnglaube plötzlich platzt, wenn der reiche Mann sein Geld nicht mehr sicher wähnt, vor allem, weil ihm bestallte Weltuntergangsprediger den Teufel an die Wand malen? Derartige Prediger sitzen übrigens zumeist in den Banken, in den Zeitungen und in Verbänden, und sie nennen sich entweder ‚Experten‘ oder ‚Journalisten‘. Regelmäßig beginnt dann, sobald nur genügend Prediger dem reichen Mann Sodom und Gomorrha an die Wand malen und die ganze Herde in Unruhe gerät, ein wahres Rattenrennen: Heraus aus dem Risiko, heißt plötzlich die Parole, und einer steckt damit den anderen an. Denn Risiko und Reichtum, das ist wie Feuer und Wasser.

Die Ware verliert an Wert, die Preise sinken, die Fabrikation stockt, der Absatz schmilzt, der Kredit wird nicht mehr gewährt, der Schuldner wird zur Zahlung gedrängt, der reiche Mann flieht holterdipolter mitsamt seinem Geld in die Pampa. Die Fachleute sprechen dann von einer ‚Krise‘ und von ‚beunruhigten Märkten‘, also von reichen Leuten, die sich plötzlich vor Panik in die Hose pinkeln. Das Geld wäre zwar immer noch da, aber es ist nicht mehr dort, wo es nötig ist.

Solche Krisen lassen sich natürlich erzeugen. Das ist der Fall der so genannten ‚Schuldenkrise‘. Die reichen Leute in ihrer unaufhörlichen Angst steckten nämlich immer schon viel Geld in Staatsanleihen. Sie pumpten also ihren Regierungen Geld, weil es dort als absolut sicher galt. Je mehr Schulden ein Staat machte, desto mehr Geld konnten die reichen Leute sicher bunkern. Dafür verzichteten sie zwar auf ein wenig Gewinn, sie konnten sich aber beruhigt ins Kissen lehnen und den Dackel streicheln.

Nun aber schrieben ganz viele Zeitungen wie aus einem Mund, dass diese Staatsanleihen – ätschbätsch! – ja gar nicht sicher seien, dass sei ein heidnischer Irrglaube, noch nicht einmal wegen des drohenden Sozialismus, sondern deshalb, weil ja auch Staaten ihre Wechsel platzen lassen könnten, so wie ein Igor Grabschkoff von der Petersburger Mafia. Das ist zwar völliger Quatsch, denn ein Staat kann ja nicht weglaufen, wie der Igor. Die reichen Leute aber, immer angstbereit, glaubten es trotzdem. Sie zogen also ihr Geld aus diesen Ländern ab und steckten es lieber in windige Papiere, die ihnen die Prediger von der Kirche des Hl. Neoliberallala unermüdlich als absolut narrensicheren Ersatz anpriesen.

Dadurch wuchs ihre unaufhörliche Angst weiter an: Rein ging’s in die ‚Emerging Markets‘, also in Länder mit unbegründeten Hoffnungen, ein paar Wochen später ging’s dann wieder raus, um jetzt Rohstoffe zu kaufen, die noch kein Mensch je besaß. Das taufte die Kirche dann ‚Future Bonds‘ oder so ähnlich. Denn diese Religionsgemeinschaft ist beim verheißungsvollen Wortklingeling sehr erfinderisch, sie verdient an jedem Rein-und-Raus schließlich immer kräftig mit. Deshalb gilt es, die große Angst ständig und immer neu zu schüren, um das Geld der reichen Leute möglichst oft in möglichst kurzer Zeit um die ganze Welt zu jagen.

Auch all den anderen Menschen ging es in der einsetzenden Wirtschaftskrise plötzlich viel schlechter. Sie wären ja schuld, weil sie der Kirche zufolge ‚über ihre Verhältnisse gelebt‘ und deshalb den Scherbenhaufen auch zusammenzukehren hätten, den die panische Herde der reichen Leute im ganzen Land hinterließ. Im Chor tröteten die Anhänger des Hl. Liberallala jetzt aus allen Zeitungsrohren, dass das Volk sparen und bescheiden leben müsse, obwohl es doch für den ganzen Zirkus nicht verantwortlich war und keineswegs über seine Verhältnisse gelebt hatte. Die meisten hatten bis dahin noch nicht einmal Schulden.

Das ‚große Senken‘ wurde jetzt zu einem ‚Prinzip‘ erhoben, zu etwas, was unbedingt zu tun war, obwohl keiner wusste, weshalb eigentlich genau. Es hieß jetzt, die Ansprüche wären zu hoch gewesen, wie auch der Lebensstandard, die Löhne seien nicht länger vertretbar, das ‚Sparen‘ kam in aller Munde und die ganze Herde sagte ‚Mäh!‘. Im Kern aber wurden bloß irgendwelche Ziffern gesenkt, aber keine durchgreifende Lösung gesucht. Im Gegenteil: Alles wurde nur noch schlimmer. Die Angst hatte jetzt alle befallen, nicht nur die reichen Leute.

Seht ihr, liebe Kinder, und deshalb leben wir heute in einer Welt, wo die reichen Leute ihr Geld immer rasender um die Welt treiben, einzig aus ihrer Angst heraus, während es allen anderen immer schlechter geht. Und das eben sind ‚beunruhigte Märkte‘.

Ach so, ihr Dummerchen, falls ihr euch über jene objektiven Bewertungen wundert, die so oft im Kladderadatsch enden: Die Bestnote ‚AAA‘ heißt doch bloß: Hat bezahlt …

3 Kommentare

  1. Ohne Kommentar… D.h., Flann O’Brien passt gut: „Fuck the fucking fuckers!“: http://www.handelsblatt.com/unternehmen/banken/irische-pleitebanker-milliarden-aus-dem-arsch-gezogen/8406334.html

  2. Der ‚deutsche Anleger‘, von dem dort die Rede ist, das ist übrigens gar nicht die Oma Schnipphase von nebenan, das sind die ‚reichen Leute‘, von denen ich dort oben sprach. Und jene irischen Banker, das sind unsere Prediger und ‚Experten‘, dann, wenn sie mal Tacheles reden. Das Muster: Angst machen, mit einem sicheren Hafen locken, um dort die Prise fachgerecht zu entladen …

  3. Kommmentar eines irischen Freundes: What can I say! The country is in shock regarding these revelations!the tax payer is currently trying to pay the bill of 64 billion,thats the amount given over time to the banks as a bail-out,and we (the taxpayers)are „pissed off“ big time with the bankers ( gangsters ) who have now retired with massive pensions coupled this with the retired ( more big pensions )politicians who were kicked out of power after the last election for being sucked in by bankers and falling asleep at the wheel,but Knobody goes to jail! It just seems that nobody gives a shit at the top.
    The biggest revelation for me was on the previous/earlier tape the day before ,was the phone conversation between the top bank Guy Peter Fitzgerald  and his side kick Bowe after  he told the government that all was needed to save the bank would be 7 billion,he bank colleague asked him „where/how did you get that amount from? His reply was “ I just pulled it out of my arse“ and just get them ( the government )to commit and then they will have to keep bailing us out to save the country.
    The only other alternative was to burn the bond holders (thats european investment brokers ,who we still do not know who the are ) and shut down the toxic bank,however the government of the day were being urged by the EU not to do this as it would have an effect of spreading to other countries and even worse „could bring down the euro“…..talk about a rock and a hard place,anyway to sum it up ,Europe ( mainly Germany) now bail Ireland out,we pay the bond holders and Joe blogs ( not a real person)on the street pays everybody back and the banks don’t loose and That’s why the bankers are laughing at us and you guys on the tapes.
    From my point of view ,I thought I would share the above with you,as i see it ,I think the above is a fair assessment of what went down,and not finished yet….

    Anyway,we still make great Guinness (…)!

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