Stilstand

If your memory serves you well ...

Being Sarrazin

Der Weg zu Reichtum und Popularität ist so leicht, setzt man nur einige Grundregeln verquerer Argumentation gezielt zur Übertölpelung ein. Da ich euch eine Zukunft in Ruhm und Reichtum nicht verbauen will, findet ihr hier einige probate Hilfsmittel aus der bewährten argumentativen Grabbelkiste mit der Aufschrift ‚Methode Sarrazin‘:

Baue dir zunächst einen Popanz, der eine bloße Korrelation (ein gleichzeitiges Auftreten) mit einer Kausalität (Ursache) gleichsetzt: Die Bildung in Deutschland nähme mit der importierten Döner-Menge besonders im gehobenen Bürgertum rapide ab. Schon kann man’s doch mal wieder sehen. Bloß nicht an dir …

Haue nach Kräften auf andere ein und argumentiere stringent ‚ad hominem‘: Nenne insbesondere die ‚Gutmenschen‘, die ‚Multi-Kulti-Romantiker‘, die ‚kinderlosen Frauen‘, die deine Probleme allesamt verantwortungslos ignorieren und aus falsch verstandener Humanität verschweigen …

Interpretiere und zitiere Autoritäten nach Belieben, auch wenn die deine Resultate gar nicht teilen: Berufe dich zum Beispiel auf eine bekannte Bevölkerungswissenschaftlerin, die sich prompt verbittet, von dir vereinnahmt zu werden. Was aber keiner merkt, der nur dein Buch liest. Warum schreibt sie nicht auch so erfolgsorientiert wie du …

Male den Teufel an die Wand, indem du alle Nachteile dieser Welt auf ‚falsche Entscheidungen‘ deiner Kontrahenten schiebst: Die Politiker hätten jahrelang die Augen verschlossen vor jenen Gefahren, die du als Einziger und als Prophet des unaufhaltsamen Niedergangs in deiner großen Wagalaweia-Glaskugel zu erblicken vermagst …

Wenn es keine Belege für deine steilen Thesen gibt, dann verkünde frech, dass diese Abwesenheit von Fakten ja noch lange kein Beweis für ihre Nichtexistenz sei, denn es gebe ja Dinge zwischen Himmel und Erde (s. a. Gottesbeweise) …

Notfalls berufe dich auf den göttlichen Willen, auf das Schicksal, die Pflicht, die Gene oder auf etwas anderes aus dem Weltreich des Mythischen und Ungefähren: Der Gott des Islam will ‚dies und das‘ (möglichst Schreckensvolles jetzt an dieser Leerstelle platzieren, etwa dass wir alle nur noch Döner essen, alle zu Selbstmordattentätern werden müssen usw.) …

Wenn nur ein, zwei Dinge für deine Ansichten sprechen, aber tausend andere dagegen, dann lasse die tausend Dinge weg …

Stelle sinnlose Fragen: Was passiert, wenn Millionen Migranten plötzlich auch Mercedes fahren würden, wäre das nicht das Ende des freien Verkehrs auf deutschen Autobahnen, entstanden durch eine verantwortungslose Gutmenschenpolitik …

Verkünde selbstgewiss und mit dräuendem Unterton statistischen Bullshit oder blanke Selbstverständlichkeiten, dass zum Beispiel schon fünfzig Prozent aller Migranten mit ihrem IQ unter dem Durchschnitt der anderen Migranten liegen würden. Merkt doch keiner …

Blase anekdotisch Einzelfälle zur Regel auf, indem du statistische Ereignisse unterhalb der Signifikanzschwelle für dein Luftschloss heranziehst: Drei Migranten in Neukölln haben neulich wieder eine deutsche Frau belästigt – schon nickt dir der darob empörte deutsche Michel wissend zu …

Blöke immer lauthals von Tabus, die du mit deinem krausen Zeug endlich durchbrechen würdest und inszeniere dich in Savanarola-Pose als Apostel der einzig wahren Wahrheit aller wahrhaft Wahrheitsdurstigen …

Verlängere kurzfristige Trends so weit in eine nebulöse Zukunft hinein, bis sie irgendwann nach 120 Jahren zu deinem Gallimatthias passen …

Nimm neue und positiv konnotierte Worte um alten Käse zu verkünden: Sage also nie ‚Rassenlehre‘, sondern sprich von der ‚biologisch-genetischen Ausstattung bestimmter Populationsgruppen‘ …

Statte dubiose Figuren aus deinem Dunstkreis, die niemand kennt, mit möglichst strahlenden Adjektiven aus: der ‚bekannte‘ Wissenschaftler, der ‚luzide‘ Denker, der ‚erfahrene‘ Praktiker usw. …

Mache alle Wissenschaften konsequent zu deinen Hilfstruppen, indem dir nur die Rosinen aus weit verstreuten und unzusammenhängenden Fächern herauspickst …

Nicht zu vergessen: Zeige dich sofort grenzenlos empört, wenn unwissende Gegner dir jetzt ‚Unwissenschaftlichkeit‘ vorwerfen. Auf mehr als 400 Seiten kann man schließlich nicht irren.

7 Kommentare

  1. So langsam verstehe ich die SPD überhaupt nicht mehr. Da wollen die den Sarrazin aus der SPD werfen und wollen das noch nicht mal das schriftlich begründen. Es wird echt mal Zeit, dass meine Buchhandlung das Buch heranschafft, dass ich mir selbst ein Bild machen kann. Aber, meiner Meinung nach ist das Verhalten der SPD nicht sehr fair.

  2. Ich bin mir sicher, „Er“ wird ihre „Ratschläge“ beim nächsten „Auftragswerk“ alle (!) berücksichtigen . . .

    Dank für die grandiose „Zusammenfassung“ der sarrazinäischen „Flügelschläge“.

  3. Dass Du all diese Feinheiten (halt nur umgekehrt) verstehst umzusetzen, hast Du ja im vorigen Beitrag bewiesen.
    Wieso sind alle lächerlich, die nicht Deine Meinung vertreten? Aber bei Dir ist es witzig?

  4. Vielleicht deshalb, weil ich genügend ‚Witz‘ habe, um solchen Dummfug zu erkennen? Witz in jenem alten Sinn, denn das 18. Jahrhundert noch kannte, und der im englischen Wort ‚wit‘ noch steckt …

    Die Selbstanwendung müsstest du mir schon etwas detaillierter nachweisen.

  5. Sein Buch habe ich verschenkt nach den ersten paar Seiten. Ziemlich starker Tobak.

  6. Herrlich, hab Tränen gelacht!
    Was ich mich nur immer frage wenn ich den Namen Sarrazin lese, ob er sich wohl selbst bewusst ist, dass seine Vorfahren mit hoher Wahrscheinlichkeit selbst aus dem nahen Osten stammen.
    Aber das wurde seine these ja wieder bestetigen…

  7. Der Name Sarrazin deutet wohl eher auf ein französisches Hugenottengeschlecht hin, von denen viele später, in der Gegenreformation, nach Preußen flohen. Die ‚Sarrazins‘ (Sarazenen) waren für die anderen Franzosen eher jene Figuren, die aus dem tiefen Süden des Midi und aus dem Vorland der Pyrenäen stammten. Hier hatten die Hugenotten eine ihrer Hochburgen (Henri IV. stammte bspw. aus Pau). Es waren aber nicht notwendigerweise Araber.

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