Liebe Christen, Satanisten und Zyniker,

von heute an müsst ihr allein für die himmlische Gerechtigkeit sorgen. Ich bin schlicht amtsmüde, weil der Arbeitsalltag in meinem Job mit meiner Aufgabenstellung immer weniger zu tun hatte. Zwar durfte ich weiterhin den einen oder anderen Bischof mit pharisäerhaft gefalteten Pfötchen gen Hölle spedieren, auch mal einem verblichenen Bandido mit glühenden Zangen die Tattoos vom Leibe reißen, oder einem wortbrüchigen Provinzpolitiker die eigenen Statements den Hals hinabschieben, bis ihm die dampfenden Lügenexkremente aus dem After liefen, an die wirklich dicken Fische aber ließ man mich nicht mehr heran.

Bekanntlich bin ich als Herrscher des dunklen Reiches nur der zweite Mann im Staate Ecclesia. Das setzte meiner Wirksamkeit zunehmend Grenzen. Himmel und Hölle harmonierten nicht mehr. Wollte ich mir sonntags mal etwas besonders Gutes gönnen, einen Bankster, der Tausenden von Familien die Existenz geraubt hatte, oder einen Derivate-Spekulanten, der um seines eigenen Vorteils willen ganze Staaten auf Generationen hinaus am Hungertuch nagen ließ, dann ertönte mir aus Richtung Himmelspforta immer öfter ein herrisches „Systemrelevant!“ entgegen. Bei allem Respekt vor dem Alten dort oben, so konnte es nicht weitergehen!

Gefürchtet muss ich sein, sonst ist mein Reich weder von dieser noch von jener Welt. Um nur kleine Schurken unter glühender Asche in Ewigkeit barmen zu lassen, dazu bin ich mir zu schade, dazu nehme ich meine Aufgabe auch viel zu ernst. Wenn ein Ackermann im Himmel mit gespreizten V-Fingern Cancan tanzen darf, während ich gerade einen popligen Amokläufer oder ein anderes Würstchen auf dem Rost wenden muss, dann steigt mir die bittere Galle hoch. Hinzu kommt jene um sich greifende und wahrhaft ehrverletzende Moral, wonach plötzlich alle sieben Todsünden „marktgerecht“ und „ökonomisch rational“ genannt werden müssen. Was nützt es mir da, wenn ich die Journalisten, also die Posaunen dieser Leute, grillen darf, die Stichwortgeber und wirklich dicken Hunde aber zu unantastbaren Heiligen erklärt werden, denen nur die Seligsprechung zum ewigen Leben noch fehlt.

Kurzum: Mein Job bringt mir keinen Spaß mehr. Ich lege mit dem heutigen Tage das Amt nieder und werde Investmentbanker.

Euer Horst Belial