Stilstand

If your memory serves you well ...

Missgeburten

Um in der Politik, aber auch im Rattenrennen des ‚modernen Qualitätsjournalismus‘, mithalten zu können, ist nach übereinstimmender Ansicht aller Experten vor allem eine Basisqualifikation absolut unerlässlich: das Beherrschen der deutschen Sprache in Wort und Schrift. Dies ist bekanntlich ein Anspruch, den auch unsere Verleger wie eine Monstranz vor sich hertragen. Werfen wir zur Überprüfung des Sachverhalts einen Blick auf die Realität:

Für die sich im Negativtrend befindliche schwarz-gelbe Koalition im Bund setzt Peter Altmaier, Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU/CSU-Fraktion, schon zu Ostern auf die verfrühte Niederkunft des Heiligen Geistes, der laut christlicher Lehre erst zu Pfingsten vom Himmel auf die Menschheit niederkommt. … „Ich hoffe auch, dass wir ein bisschen vom heiligen Geist besucht werden, auch wenn das erst an Pfingsten traditionell angesetzt ist.“ … Und im Übrigen: Die SPD, die in der Opposition ist, würde sich ,von‘ schreiben, wenn sie in der Nähe der Zahlen wäre, die die CDU jetzt immer noch hat.“ …

Zunächst einmal stoßen wir auf diese prall gestopfte Partizipialwurst: “ … die sich im Negativtrend befindliche schwarz-gelbe Koalition im Bund …„. Der Herr Altmaier, wahlweise auch der beteiligte Journalist, verwechselt hier den Befund einer stimmungsvollen ‚Befindlichkeit‘ mit dem logisch erforderlichen Partizip Präsens, die Koalition hätte demnach eine ’sich befindende‘ zu sein. Aber Wurst oder Trend – wo doch der Heilige Geist bereits hochschwanger ist, die politischen Wehen immer nrw-mäßiger zwicken und der religiöse Zeitgeist deshalb einer vorzeitigen ‚Niederkunft‘ entgegensieht! Denn eine Frühgeburt soll’s bitte schön werden, ein Säugling, der vom ersten Lebenstag an schon imstande sein soll, Visite zu machen. Allerdings soll dieser Besuch nur ‚ein bisschen‚ stattfinden, was ungefähr so sinnvoll ist, wie nur ‚ein bisschen‘ mit der Sprache rumzuhuren, ‚ein bisschen‘ schwanger zu sein oder ‚ein bisschen‘ sich in die Politik zu begeben. Warum – um es mit der Kritik nicht zu übertreiben – die SPD sich jetzt ‚von‘ schreiben sollte, das weiß wohl nur jemand, den der Heilige Geist derart funzelig erleuchtete, dass er überall schon dreifaltige Osterhasen an der Krippe betend zu sehen wähnt.

3 Kommentare

  1. „Ein bisschen“ Gnade sollte man denen gewähren, die ohne schriftliche Vorgabe – und von Mikrofonen des Rednerpultes bedroht – frei sprechen. Wenig Gnade haben jene verdient, die die Zeit zur Korrektur ihrer schriftlichen Mitteilung nicht nutzten.

  2. @ Bredenberg: Natürlich hätte ein Journalist aus einer schlechten Rede einen lesbaren Text machen müssen. Dieses Elaborat zeugt dafür, dass der Schreiber nicht zu wissen scheint, welchen Beruf genau er verfehlt hat.

    Trotzdem – was sind das für seltsame religiöse Vorstellungen auch beim Redner: Da gibt es nach Ansicht des Herrn Altmaier die Möglichkeit einer parteipolitischen Gnadenwahl, wo der liebe Gott auf Bitten einer selbstinteressiert daherfrömmelnden CDU seinen Heiligen Geist schon 50 Tage vorher als ideologischen Lampenputzer losschickt, nur damit die Schwarzen die NRW-Wahl nicht vergeigen. Im Klartext: Die Lage erscheint uns so vergurkt, dass nur noch ein himmelblaues Wunder helfen kann …

  3. Meine Anmerkung bezog sich auf den Stil der beiden Protagonisten, nicht auf die Inhalte, die unter den gewählten Formen litten. Herrn Altmaier wollte ich daher auch nur „ein bisschen“ Gnade zukommen lassen, was den Stil seiner Rede angeht.
    Meine gnadenlose Stimmverweigerung für die CDU würde ihn im Mai niederstrecken, wäre ich Nordrheinwestfale.

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