Wer im Netz die große Suchmaschine mit den zwei Begriffen ‚Manager‘ und ‚authentisch sein‘ füttert, der stößt auf zwei Millionen Treffer. Viele Links verweisen auf Seminare, wo Führungskräfte lernen sollen, endlich wieder ‚ganz sie selbst‘ zu sein. Wie aber kann ich etwas sein, was ich erst werden soll und trainieren muss? Läuft das nicht auf Katharsis und auf die Sage vom ‚neuen Menschen‘ hinaus? Und weshalb wäre ein Chef nicht authentisch, der mit hochrotem Kopf und mit Kollerkommunikation seine Untergebenen zu mehr ‚Commitment‘ peitscht? Er ist doch schon ganz ‚authos‘, ganz er selbst.

Die Psychologenfraktion innerhalb der wachsenden Coaching-Szene würde jetzt argumentieren, dass ein Manager erst sein ‚wahres Ich‘ oder sein ‚besseres Selbst‘ entdecken muss – dieses verfahre dann natürlicherweise sehr viel teamorientierter, verständnisvoller und motivierender. Eine wahre Bonanza aus verschütteten Führungsqualitäten könne so mit Hilfe des bezahlten Mentors freigelegt werden, denn „zwei Seelen wohnen – ach! – in deiner Brust …

Das große Reden von der erworbenen Authentizität und Glaubwürdigkeit leidet dabei stets an immanenten Widersprüchen. Nur selten ist es selbst ‚glaubwürdig‘, vor allem dann, wenn Logik und gesunder Menschenverstand die angewandten rhetorischen Mittel näher untersuchen. Im Kern geht es zumeist darum, eine schauspielerhafte Glaubwürdigkeit und ‚Authentizität‘ als Rollenspiel so zu trainieren, dass diese angenommene Gestalt auf andere natürlich und angeboren wirkt. Es geht also um Effekte und Effektivität – aber nicht um ein neues Sein. Mit dem eigenen ‚Selbst‘ – was immer dies ist – hat die erwünschte Authentizität nichts zu tun. Der Wortsinn steht gewissermaßen Kopf.

Die Rabulistik, wie sie aus dem Zusammenspiel unternehmensinterner Rollenzwänge und dem Versprechen lukrativer Linderung durch eine boomende Coaching-Industrie entsteht, wirkt folgerichtig oft halsbrecherisch: „Authentizität zeigt sich situativ immer anders, sie ist bewusste Inszenierung statt unbewusste Natürlichkeit“, heißt es beispielsweise im Schnuppertext eines großen Management-Portals. Eine solche Argumentation grenzt an Goethes Hexeneinmaleins : „Verlier die Vier, aus Fünf und Sechs, so sagt die Hex’, mach Sieben und Acht, so ist’s vollbracht.“ Demnach käme eine ‚bewusste Inszenierung‘ – noch böser ausgedrückt: gewolltes Blendertum – der erwünschten Authentizität erst nahe. Der Seminarmarkt schreit gewissermaßen den Scharlatan oder Schauspieler als wahren und einzig authentischen Jakob aus.

Natürlich steckt hinter dem massiven Angebot an Selbstfindungs-Seminaren eine wachsende Sehnsucht, die wiederum diese Trainingscamps füllt. Das Burn-Out-Syndrom unter Managern ist schließlich kein Märchen, auch nicht das ‚Neben-sich-Stehen‘ auf allen Führungsebenen, oder das betriebswirtschaftliche Kalkül, das häufig in Widerspruch zur natürlichen Empathie unter Menschen geraten muss. Nur sollte keine Führungskraft glauben, dass sie diesen Funktionszwängen und den nachfolgenden Depressionen entkommt, indem sie sich eine schablonierte Authentizität von der Stange antrainiert. Wenn es partout nicht mehr geht, sollte der Betreffende sich selbst gegenüber schon so ‚authentisch‘ sein, das Rollenfach auch mal zu wechseln.