Stilstand

If your memory serves you well ...

Auf den Hund gekommen

Wer sagt, der Sommer fiele aus? Der ‚Focus‘ steckt doch schon mitten drin im Sommerloch: „Ein Dorf sucht den Todesraser“ – so lautet der heutige Headliner in der Online-Ausgabe. Vorab, und um nicht missverstanden zu werden: Natürlich ist es tragisch, wenn junge Menschen sich zu Tode rasen. Ob der Wagen gestohlen war, ist demgegenüber ein Randaspekt. Aber selbst der Lokalpresse wäre ein solches Ereignis bestenfalls einen Zweispalter auf der dritten Seite wert. In Deutschlands bundesweitem Hort des Qualitätsjournalismus jedoch reicht es zur Langstrecke über drei hauchdünn ausgewalzte Klickseiten: Germany’s finest journalism, proudly presented by Linda Wurster.

Kein Detail bleibt uns erspart: Da ist der Kleingärtner, dessen Hühner so „schrecklich aufgeregt“ gewesen wären. Und dann diese verflixten Sanitäter: „Mit ihrem Hubschrauber haben sie in der Nacht bei der Landung meinen ganzen Rhabarber plattgeweht“, sagt der Rentner.‘ Eine eigens installierte Google-Map zeigt uns derweil haargenau, in welcher Kurve dieser grausame Unfall passierte.

Die Reporterin vor Ort hat sich raffinierterweise hinter die Brötchenkäufer im örtlichen Bäckerladen geschlichen: „Auch die Kunden spekulieren mit, nur wissen tut es keiner.“ Weiß nix, macht nix – heute kommt alles in die Wurst! Doch dann, während ein Polizeiwagen sich im Matsch festfährt, werden weitere sensationelle Details bekannt: „Zunächst sei die Straße durch den Unfall komplett versperrt gewesen, die Polizei sei gar nicht durchgekommen, sagt der 51-jährige S.“ Jaja, dieser Herr S., vermutlich ‚S‘ wie ‚Sherlock‘. Da ist die Polizei aber schon auf den Hund gekommen und zieht mit ‚Mantrailern‘ die Straßen entlang.

Aus ermittlungstechnischer Routine wird jetzt atemlose Spannung, der Leser sitzt gebannt und lauscht: „Spezialisten des Landeskriminalamts werden den Wagen untersuchen.“ Boah, ej! Längst aber zieht das Ereignis größere Kreise: „„Mich haben sogar Bekannte aus Schweinfurt extra angerufen, um zu fragen, was da bei uns los ist“, sagt [der Felsenkellerwirt]‘. Und während die Reporterin vorm Tresen an ihrem Selters nippt, erfährt sie neue, unglaubliche Details: „„Einer von [den Gästen] kennt die Frau, deren Auto der Unfallfahrer gestohlen hat, persönlich.“ Sogar persönlich, Mannomannomann! bzw. Frauofrauofrau!

Der unermüdliche Einsatz der tapferen Dorfbewohner zahlt sich schlussendlich aus, der ‚Todesraser‘ wird gefasst, ein arbeitsreicher Einsatztag geht zu Ende: „Die eigene Enkelin ist bei der freiwilligen Feuerwehr und war in der vergangenen Nacht bis halb fünf Uhr morgens dabei bei der Suche.“

Jaja, dabyebye! Dort war vielleicht was los in Schonungen! Der arme Rhabarber!

6 Kommentare

  1. „Linda Wurster“ ?
    Linda Wurster.
    Eben.

  2. »Furchtbar, was da passiert ist, ganz furchtbar!« Und das im Kuh-Journalismus. Fakten, Fakten, Fakten. Und der meistgelessene Artikel ist es auch noch.
    Schwer vorstellbar, wie der Focus das noch überbieten will. Vielleicht mit der vor 41 Minuten hereingekommenen Meldung: »Mann wirft Sessel aus dem Fenster und verletzt Kind«. Leider ist er nicht wegglaufen und Linda Wurster war nicht vor Ort. Über Rhabarberplantagen ist ebenfalls nichts bekannt. Nur eine DPA-Meldung ohne Eigenanteil. Da weiß man wenigstens, was man hat. Kuh-Journalismus.

  3. Q-Journalismus: Die Leserunterforderung schreitet voran …

  4. Wofür entschuldigst du dich? Das sollte doch eher der Focus beim Leser tun …

  5. ich verstehe:

    kaum bin ich aus der intensiv raus, versuchst du mich nier als allererstes mittels eines schreiend komischen blogposts, kombiniert mit einem keks und einer tasse cora thé vert orient zu einem in raserei abdriftenden lachanfall zu meucheln.

    wahrscheinlich nur, um nachher brühwarm drüber zu berichten: „stilstand sprach als erster mit dem hinterlassenen teebeutel“

    na danke 😉

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