Zu meiner Überraschung lud mich Professor Rolf Nobel als Mitdiskutanten nach Hannover ein, wohl deshalb, weil ich für die Zeitschrift ‚freelens‘ schon mal über Fotografie im Netz schrieb. Im Rahmen des „Lumix Festivals für jungen Fotojournalismus“ soll ich dort heute über das Thema „Multimedia – ein neues Medium verlangt neue Fotografen“ mit Michael Hauri (2470media), Fabian Mohr (Die Zeit) und Robert Wenkemann (FAZ) Folgerungen aus dem Medienwandel in möglichst bildhafter Sprache in Szene setzen. Hier vorab schon mal das Thesenpapier, das ich mich zur Vorbereitung ‚gestrickt‘ habe, so dass es die Teilnehmer anschließend auch im Netz abrufen können:

Kein Blitz, sondern ein Grundbeben – der ablaufende Medienwandel:

Der Medienwandel schlägt in die existierenden Strukturen nicht so ein, wie der Blitz in einen Baum. Es ist ein Prozess, der sich über einen längeren Zeitraum hinziehen wird, vielleicht sogar über Generationen. Nachdem Gutenberg im 15. Jahrhundert die Druckerpresse grundlegend verbesserte, hielten nicht am nächsten Tag schon alle Bauern die Bibel in der Hand, um sich künftig selbst über Gottes Wort zu informieren. Trotzdem verlor allmählich eine Kaste – die Priester und Schriftgelehrten – ihr Verfügungsmonopol über die himmlischen Geschäftsangelegenheiten. Hundert Jahre später hatten wir dann die Reformation – die bekanntlich weitgehend aus diesem Medienwandel hin zum gedruckten Laienpriestertum folgte. Ähnlich wie den Klostergelehrten damals ergeht es den Journalisten und Fotojournalisten heute. Kleiner Trost für massenmediale ‚Torwächter‘: Es gibt heute, Jahrhunderte nach Gutenberg, immer noch Katholiken und auch Priester – professionelle ‚Gatekeeper‘ zum medialen Himmelreich. Nur ihre Autorität hat erheblich gelitten. Ihr Monopol ist keines mehr.

Take a walk on the wild side – die neue Ästhetik:

Ein Medienwandel ändert immer auch Form und Stil der Medien. Im nächsten ‚Medium Magazin‘ habe ich mich an einem Beitrag zu neuen Stilformen im Textbereich versucht: Statt des einheitlichen dpa-Stils prophezeie ich dort eine Renaissance nahezu vergessener Stilformen wie Pamphlet, Glosse, Gleichnis, Pasquill, Fabel oder Satire. Neue fotografische Ausdrucksformen – ohne dass ich für den Bereich der Fotografie in irgendeiner Form kompetent wäre – wird es wohl auch im Bereich der Bilder geben müssen. Wer entwickelt sie? Als ‚State of the Art‘ galten bisher die langen Hochglanzfotostrecken der Edelmagazine, querfinanziert durch das Anzeigenaufkommen anderswo im Heft. Sie waren der Ausweis eines fotografischen Meisters. Die unausweichliche Folge: Als Betrachter sah ich die immergleichen glattgeschleckten und perfekt ausgeleuchteten Food-Strecken im Ernährungsteil, mit Photoshop auf Hochglanz poliert; immergleiche Barbie-Männchen im Business-Anzug grinsten mich im Wirtschaftsteil an; und selbst ein Dieter Bohlen wurde für das große Interview in ‚Cicero‘ oder anderswo noch porträtfotografisch und schwarzweiß-ästhetisch auf Meisterdenker getrimmt. Die Bilder zeigten mir nicht mehr die Wirklichkeit, sondern eine genormte Scheinwelt. Die Folge: Wo kein Unterschied mehr ist, macht auch das Bild für den Betrachter keinen Unterschied. Er nimmt es schlicht nicht mehr wahr. Der übliche gedruckte Fotojournalismus ist in meinen Augen gnadenlos langweilig geworden, eine ästhetische Lego-Welt – ich sehe ihn kaum mehr an.

Das Netz verlangt wohl auch hier einen neuen Stil, eine neue und schnellere Ästhetik, allein schon wegen der technischen Gegebenheiten, zum Beispiel wegen der Ladezeiten auf den Rechnern. Alles wird – vermute ich – rauer, unfertiger, momenthafter und wilder werden. Das Beste aber: Der Fotograf darf wieder machen, was er will …

What goes up will come down – eine neue Logik der Kommunikation:

Das Netz kennt keine Hierarchien. Ebenso wenig, wie der berüchtigte ‚Alpha-Journalist‘ im Netz überleben wird, ebenso wenig wird dies der ‚Alpha-Fotograf‘. Sobald sich jemand als höhere Instanz aufspielt, wird er schlicht gemieden. Durch das Netz wird alle Kommunikation ‚dialogisch‘. Ein geflügeltes Wort lautet: „Die Ameisen haben jetzt Megafone“. Hinzu kommt: Diese Ameisen reden auch nicht gern mit den Ameisenbären oder mit Marketing-Vertretertypen und PR-Bubis. Ein Fotograf im Netz wird sich also – nolens volens – künftig auf Augenhöhe auch in die Diskussion über die Voraussetzungen seiner Kunst und seiner Produktion hinein begeben müssen. Elitäre Positionen vom Elfenbeinturm herab widersprechen grundlegend der demokratischen Funktionsweise des Netzes. Auch die fotografische Kunst spricht nicht mehr allein durch ihre Bilder, sondern auch über ihre Bilder, auch das wäre ‚multimedial‘ …

Keine Makler mehr – die Rolle der Verlage:

Das Netz ist ein Jedermann-Medium, eine nahezu unüberschaubare Welt aus kleinen Mikro-Medien. Orientierung liefert allein die google-unterstützte Kompetenz der Nutzer, sich in diesem Dickicht eigne Wildwechsel zu schaffen. Der Bedarf für Massenmedien aber sinkt kontinuierlich, jene periodischen Veranstaltungen, die bisher – laut Habermas – eine ‚formierte Öffentlichkeit‘ autoritär schufen, mit dem Journalisten als dem Mandarin der Volksaufklärung. Diese Funktion übten Journalisten übrigens klaglos auch in der Nazi-Zeit aus – um an dieser Stelle allen Legendenbildungen über den Berufsstand vorzubeugen. Auch der ‚Völkische Beobachter‘ war stets gut mit Text gefüllt. Ihre scheinbar angeborene und unhinterfragbare gesellschaftliche Aufgabe haben Massenmedien verloren, zumindest befindet diese Aufgabe sich in fortschreitender Erosion. Eine neue Öffentlichkeit formiert sich im informellen Austausch von mikromedialen Teilnehmern untereinander – was dann oft vereinfachend als ‚Schwarmverhalten‘ tituliert wird. Es bildet sich ein ‚Netzdenken‘ oder eine ‚Blogger-Philosophie‘ aus, die oft radikaldemokratische Züge aufweist. Wo ist die Bildwelt, die diesen Prozess begleitet?

Technisch sinkt der Bedarf an großen Verlagen ebenfalls: Mit dem Besitz von Logistik, Druckmaschinen, Vertrieb usw. kontrollierten Verlage zuvor den Zugang zu jeder Form von Publizität. Dieses technische Monopol hat sich aufgelöst wie Morgendunst in der Sonne: Jeder hat nahezu kostenfrei Zugang zur Öffentlichkeit. Die Masse, also jedes einzelne Individuum, kann im Web 2.0 die Ketten abschütteln, die bisher jeder „swinish multitude“ (Edmund Burke) den Zugang zur Öffentlichkeit verwehrten … das ist soziotechnisch wohl das Novum des Geschehens. Zwischenstufen oder Verlage sind in Zeiten von ‚Wordpress‘ einfach nicht länger erforderlich, um selbst ins Horn der Öffentlichkeit zu stoßen. Der Informations-Broker kann jetzt gehen! Ob das nun ‚gut‘ oder ‚schlecht‘ ist, will ich hier gar nicht beurteilen. Die Selbstinformation aber ersetzt zunehmend die präformierte Fremdinformation.

Lauter Dilettanten – das Ökonomische:

„Where’s the beef?“ – das ist die grundlegende Frage für jeden Medienschaffenden, der von seiner Tätigkeit leben will. Im Laufe der letzten Jahre habe ich geschätzte tausend ‚Geschäftsideen‘ fürs Web 2.0 scheitern sehen. Auch ‚Flattr‘ und ‚Kachingle‘ wird es wohl ähnlich ergehen. Bis zum Beweis des Gegenteils glaube ich jedenfalls, dass das Netz einfach nicht ‚ökonomisierbar‘ ist. Selbst ein übermächtiges Unternehmen wie ‚Google‘ kann nur existieren, solange die Nutzer Google als das beste Instrument zur Netzfahndung wahrnehmen, und solange es weiterhin nichts kostet. Wenn aber nicht, dann nicht – dann gehen die ‚Netizens‘ eben anderswo hin. Das Netz ist ein reiner Käufermarkt geworden, auf dem die Käufer – zur Verzweiflung aller Ökonomen und Absatzstrategen – zugleich nur ganz wenig bezahlen wollen.

Spannenderweise fördert dies eine Mentalität, die ich als ‚Dilettantismus‘ im ursprünglichen Sinne bezeichnen möchte: Der ‚Professionelle‘ oder ‚Intellektuelle‘ hat lange Zeit aus seinem Können einen Brotberuf gemacht, der Dilettant im Wortsinn aber macht alles nur ‚aus Liebe zur Sache‘. Dies ist der Wortsinn des Begriffs. Für das Netz gilt also derzeit das Prinzip des Dilettanten: „Mache es gern und ohne auf den Lohn zu schauen – oder lasse es bleiben!“ Wenn du’s aber machst, dann erwarte nur ‚symbolisches Kapital‘ in Form von Anerkennung, Freunden oder Unterstützung. Das Ganze figuriert derzeit unter dem Begriff ‚Social Media‘. Die Folge sind duale Überlebensstrategien: Man erarbeitet sich seine Subsistenz weiterhin für Retro-Medien – und man entwickelt, derzeit noch ohne Aussicht auf Einkünfte, parallel das neue Medium.

Alles verschwimmt – das neue, multimediale Berufsbild:

Früher gab es viele exotische Berufe: Setzer, Reprofotografen, Lithografen, Siebdrucker, Korrektoren, Druckvorlagenhersteller; Beleuchter, Kabelhalter usw. Sie alle verschlang der wirbelnde Mahlstrom der Digitalisierung. Heute gibt es viele weitere Berufe – Pressefotografen, Lokaljournalisten, Filmemacher, Rechercheure. Sie alle wachsen jetzt zusammen – es wird dadurch weniger multimedial im Sinne einer Arbeitsteilung, sondern unimedial, weil sich alle Medien in einem Kopf vereinen. In der Schmelze des Netzes bildet sich ein einziges neues Online-Medium, wo die alten Grenzen der diversifizierten Professionalität zwischen Text, Foto und Ton aufgehoben sind zugunsten des multikompetenten Einzelnen – oder vielleicht auch zugunsten von Arbeitsgemeinschaften. Es gab ja schon mal ‚Künstlergemeinschaften‘ und ‚Kollektive‘.  Vermutlich wird aus deren Werkzeugen eines werden – eines, das gewissermaßen Tastatur, Filmkamera, Mikrofon und Fotoapparat in sich vereinen wird. Die Zukunft aber gehört zunehmend dem medialen Netz-Allrounder …