Hihi – ich habe mal in den Dateien alter Leserbriefe gestöbert. Das war noch Polemik, zu der Zeit ging einem beim Blick in die Zeitung noch der Hut hoch! Ich muss sagen, ich bin doch arg zahnlos geworden. Gedruckt wurden sie übrigens damals alle.

1. Ein früher ‚Karikaturenstreit: Der Zeichner Til Mette hatte in der Bremer taz Ungehöriges zu Papier gebracht. Der Text wurde am 12. 2. 1998 verfasst und brachte mir viel Ärger mit der revolutionären Frauenzelle ‚Lila Periode‘ ein:

„Wenn sich Frau X über ein Bild empört, erfahre ich sehr viel über Frau X – und wenig über das Bild. Sicherlich, Til Mette hat schon bessere Karikaturen geliefert. Ein guter Witz trifft wie ein Blitz, und hier muß ich mir das Was-hat-er-möglicherweise-mal-gemeint mühsam zusammen klamüsern. Langeweile aber macht aus einem alten Kämpen noch keinen enttarnten Sexisten.

Viel lustiger sind die Pawlow’schen Reflexe, die bei der Leser- und Leserinnenschaft einschnappen, wenn sie eine Frau vor einem Mann knien sehen, dazu auch noch mit dessen Schniedel im Mund. Hier liegt der eigentliche Kern der Entrüstung: Fellatio ist politisch nicht korrekt! Jedes altlinks analytisch geschulte Denken erkennt sofort die „gschlächtspitzüphüsche“ Symbolik der gedemütigten und unterdrückten Sklavin vor ihrem Pascha. Und bewundert sich selbst und die eigene gedankliche Tiefe!

Vielleicht aber sind diejenigen, die sich im Leben nie über Blümchen-Sex und Missionarsstellung hinauswagten, nur unfähig zu begreifen, daß es täglich tausendfach zu Fellatio ganz freiwillig, gern und auch ungezwungen kommt – manchmal sogar gewollt und ausgehend von der Frau. Und daß es – physiologisch bedingt – dann meist auf Hüfthöhe dazu kommen muss.

Wer dann „dominiert“, ist doch sehr die Frage. Denn Frau Haifisch hat bekanntlich Zähne. Aus anderer Perspektive also steht bei besagtem Skandalon die Machtfrage richtiggehend Kopf – im Gegensatz zum PC-geprüften Mann-oben-Frau-unten-Spiel. Also, meine Damen, einfach mal ausprobieren! Und Männer, schützt eure heiligsten Güter!

Was also war los? – Nix war los! Ein linker Karikaturist hat Oralverkehr dargestellt, ohne sich ausdrücklich davon zu distanzieren. Und die viktorianisch-feministische Prüderia weiß nicht, wie sie diese Technik ihren Kinderchen erklären soll. Am besten, ihr sagt ihnen einfach, wie´s ist!

2. Einmal jährlich findet im graumelierten Szene-Viertel ‚Ostertor‘ das Viertelfest statt. Vorhersagbar empören sich unsere zunehmend zahnlosen Ex-Revoluzzer dann über Lautstärke und barbarische Techno-Mucke, weil sie heute nun mal lieber Vivaldi hören als Grateful Dead. Der Text ist von 2001:

„Wenn demnächst beim festlichen Jubiläum der Wallanlagen Tausende von froh gestimmten Besuchern mit einem Gläschen Prosecco – „Aber nur eins noch, bitte!“ – überaus zivilisiert anstoßen, um unter sich ihre inzwischen auf meditative Stille gepolte Leitkultur zu zelebrieren, feuilletonreife Büttenreden zu halten und ganz ohne Krach sich wie Bolle zu amüsieren, damit sie der Jugend einmal zeigen, was wahrer Fun und echte Party ist, dann sehe ich diesen Stumpfsinn schon förmlich vor mir. Auch sind ja die anderen auf dem ‚Viertelfest‘, die zugelaufenen Provinzdackel mit ihrer Dumpf-Dumpf-Dumpf-Musik in diesem sanft ergrauten Pensionärsparadies zwischen Goethe- und St-Jürgen-Platz längst fehl am Platz, nur wollen sie´s irgendwie partout nicht einsehen.

Da bleibt uns Außenstehenden nur die wettverdächtige Frage: Werden die schwarzen Engel von der Bremer Gastronomenbruderschaft sich den alljährlichen Millionengewinn so einfach von einigen Kulturbeiräten mit einem leisen „Vergelt´s Gott!“ vom Teller ziehen lassen? Ich persönlich vermute, es geht bei diesem Wiedergängerthema so aus, wie in jedem Jahr: Die Alteingesessenen – besser: die eingesessenen Alten – zetern, der Beirat zetert mit. Trotzdem verwandelt sich das ganze Viertel für zwei Tage in ein großes, rentnerfreies Dixi-Land.“

Jaja, so war das damals …