Stilstand

If your memory serves you well ...

Alles klar, Jan Fleischhauer!

Joachim Gauck sei also ein knallharter „Neoliberaler“, der jetzt wohl ganz im Sinne der Chicago Boys seine Reden schreiben wird. Und all die blöden Linken seien auf diesen raffiniert getarnten Hayek-Verehrer im Herz-Jesu-Pelz reingefallen. Das verkünden Sie uns – cum grano salis – mit der Süffisanz des geborenen Rechtsauslegers: „„Was das linke Lager heute als Sieg feiert, wird dort morgen schon als gewaltiger Irrtum gelten.“ Da bleibt der Vernunft nur ein Trost: Mit Ihren rasanten Prophezeiungen liegen Sie nach der ersten Kurve zumeist schon im Straßengraben.

Denn sagen Sie mal – dies nur eine Möglichkeit zur schlichten Widerlegung Ihrer These – finden Sie nicht auch, dass die Personalauswahl des neuen Präsidenten einem bekennenden Konservativen wie Ihnen Anlass zur Sorge geben sollte? Derselbe Herr Gauck, Ihre angebliche Rechts-von-mir-ist-nur-die-Wand-Figur nämlich, die hat sich mit David Gill, Andreas Schulze und Johannes Sturm als kongeniale Redenschreiber, Ideengeber und persönliche Vertraute gar keine Margaret-Thatcher-Apostel ausgesucht, wie sie Deutschland jetzt brauchen würde, damit ein Ruck durch die morschen Knochen fährt. Nein, Joachim Gauck hat sich vielmehr zwei SPD’ler und einen Grünen zu sich ins Präsidialamt geholt. Sogar welche mit Parteibüchern! Und eben nicht neoliberale Jahrhundertgenies wie den Hans-Olaf Henkel oder bspw. auch einen Philipp Mißfelder! Ich muss schon sagen, konservativer und neoliberaler geht’s doch eigentlich kaum … und Ihre These beging soeben Selbstmord.

So vernunftverloren plätschert Ihr Text unter Missachtung jeder Logik auch weiterhin durch die Zeilen: „Mit Gauck zieht der erste Neoliberale ins Schloss Bellevue ein.“ Soso, der „erste“ also? Nur eine kurze Gegenfrage – was wäre denn dann der Christian Wulff gewesen? Vielleicht ein Trotzkist oder gar ein böser Sozialdemokrat? Und hat sich der Herr Gauck nicht selbst mehrfach öffentlich als „LINKER und liberaler Konservativer“ bezeichnet? Wobei wir uns natürlich fragen dürfen, ob bei solchen Kreuzungen aus Feuer und Wasser nicht wieder ein Patchwork-Wesen wie der „rechte Sozialdemokrat“ herauskommen könnte. Sei’s drum …

Wissen Sie, Herr Fleischhauer, angesichts Ihres unaufhörlichen Gewurkels neben jeder Spur von Sinn und Verstand überkommt mich der blanke Neid: Sie dürfen Ihre verdrehten Instinkte frei ausleben, ohne sich von Recherche, Fakten, Argumenten oder Sachkenntnis bremsen zu lassen. Sie dürfen ungestraft der Sprache Gewalt durch mangelnde Sprachgewalt antun. Und wöchentlich liefern Sie, der Sie sich vermutlich als überlegener ‚Leistungsträger‘ fühlen, der Redaktion einen länglichen Riemen ab, wie ich ihn innerhalb einer halben Stunde zusammenlöten würde. Anschließend streichen Sie ungestört noch viel Schotter ein. Das alles hat in meinen Augen etwas von ‚Dolce far niente‘.

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