Stilstand

If your memory serves you well ...

Alle Achtung, alter Mann!

Wann hat ein schlichtes, nicht übermäßig gelungenes Gedicht – ein Gedicht! – in unserem harthörigen Deutschland zuletzt ein solches Ballyhoo ausgelöst? Unsere Hierophanten und Berufsinterpreten eiern jetzt wie angestochen durchs Föjetong und werfen dem aufgekündigten politischen Konsens Rettungsringe zu – allen voran der Großdenker Malte Lehming: „Ist Günter Grass ein Antisemit? Ja, das ist er.“ Süsswoll – das haste jetzt davon! So braun, wie der Sarrazin – ‚weil SPD‘ – nie sein durfte, so braun wirst du – ‚weil SPD‘ – jetzt angestrichen. Malte locuta, causa finita

Israels Botschafter verstieg sich sogar in jene bräunlichen Regionen, wo der ‚Ritualmordvorwurf‘ noch immer aus den ‚Protokollen‘ der zaristischen Geheimpolizei duftet. Das war in meinen Augen die bisher dulligste Interpretation des Vorgefallenen, weil sie völlig auf Fakten verzichtet. Denn woher sollte dieser eilfertige diplomatische Westerwellist die Zeit auch nehmen, das Gedicht zu lesen? Hätte er’s getan, wüsste er, dass Grass darin im Kern nur den Besitz von unkontrollierten und unkontrollierbaren Atomwaffen in Israel kritisiert.

Natürlich gibt’s auch Anlässe zur Kritik am Gedicht. So kokettiert Grass doch arg und stark mit dem Vorwurf, dass er nur deshalb solange geschwiegen hätte, weil er Deutscher sei. Zweitens würde Israel – im Falle eines Falles – ja nicht gleich Atomwaffen gen Iran schicken, nach allem, was wir aus den unentwegten Drohungen des Zion-Staates heraushören können. Hier liegt Grass also sachlich-militärisch neben der Spur. Anlass, ihn einen Antisemiten zu schimpfen, gibt es deshalb trotzdem nicht. Da könnten wir Henryk M. Broder schon eher als Islamophoben outen.

Bevor mich jemand um meine Meinung anquakt: Für mich können talmudwälzende Schläfenlöckchenträger genauso leicht irrational handeln wie kismetgläubige Mullahbartträger: Beide Seiten sind antirational, frauenfeindlich, unzurechnungsfähig und in jeder Hinsicht auf dem Weg ins Mittelalter. Zugleich glauben sie, in ihrer Verranntheit wären sie ganz was Besonderes. In der Regierung sitzen sie sowohl bei Benjamin ‚Graut-vor-nix‘ Netanjahu wie bei Mahmud ‚Ich bölke, also bin ich‘ Ahmehdinedschad.

Weshalb es aber in einem demokratischen Land wie Israel soweit kommen konnte, und nicht nur in amtlichen Diktaturen wie dem Iran, das sollten die Israelis mal untereinander klären. Und zwar, solange sie darüber noch diskutieren dürfen. Denn das eigentliche Problem für mich sind stets die Knallreligiösen, die wollen immer die Diktatur sans phrase, also in ihrer Sprache einen ‚Gottesstaat‘. Für dieses große Ziel nehmen sie gern auch ein feuriges Armageddon in Kauf, weil danach die Party angeblich noch exklusiver weiterginge. Das Problem – so sehe ich das – ist also gar nicht diese oder jene Religion, das Problem sind Leute, die grundlos völlig unbewiesene Dinge glauben und als Beweis ihres Machtanspruchs und ihrer krausen Weltsicht nur schimmlige Dokumente aus der Vorzeit anführen können. Ob sie nun Hindus, Christen, Juden oder Muslime heißen, ist völlig egal … nur sitzen diese Figuren im Iran wie in Israel in der Regierung. Das ängstigt dann nicht nur mich.

Nachtrag: Das Nirgendwo beginnt gleich außerhalb der Presse, das schreibt uns jedenfalls die FTD: „Nirgendwo fanden sich Unterstützer für den alten Dichter. Soso … – so sieht’s jedenfalls in der Wirklichkeit aus, andernorts, wo Journalisten sich nicht für ‚Die Welt‘ halten: „In Deutschland kam es gestern zu regelrechten Protestmärschen, bei denen Grass die Unterstützung zugesprochen wurde.“

5 Kommentare

  1. In der Tat, ich bin auch verängstigt, sogar mehr als das. Günter Grass verfasst einen Hilferuf, so simpel sehe ich das. Wir sollten mit dem gehörigen Abstand zum Wahnsinn der Eskalation im Nahen Osten doch in der Lage sein, vernünftig über die nicht zu leugnende Gefahr zu diskutieren. Wir können es nicht. Wir sind selbst schon präventiv dem Wahn verfallen – aber warum????

  2. 1) Der kämpfende Pazifist, der sich der Größe seiner Aufgabe bewusst ist, wird keinen Unterschied machen zwischen Bürger- und Völkerkrieg, zwischen äußeren und inneren Feinden. Für ihn gibt es nur einen Krieg, nur einen Frieden. Mit gleicher Macht erstrebt er den Frieden nach innen wie nach außen.

    2) Der Pazifist, der tiefer in die Beweggründe der Kriege schaut, geht noch einen Schritt weiter in der Beurteilung des Bürger- und Völkerfriedens und sagt, der Kriegsgeist, der Geist der Gewalt, ist ein Kind des chronischen bürgerlichen Kriegszustandes, der die Eingeweide aller Kulturvölker zerreißt. Wer diesen Geist bekämpfen will, muss ihn in erster Linie als Bürger im eigenen Lande bekämpfen. Der Weg zum Völkerfrieden geht über den Weg des Bürgerfriedens und nicht umgekehrt.

    3) Das, was die Völker und Volksklassen in Waffen gegeneinander treibt und immer getrieben hat, sind Dinge wirtschaftlicher Natur, die Notzustände schaffen oder vorherrschen lassen, und für diese Zustände gilt das Gesetz: NOT KENNT KEIN GEBOT. Die Not bricht nicht nur Eisen, sondern auch Verfassungen, Verträge und Bündnisse und setzt sich über alle moralischen, ethischen und religiösen Hemmungen hinweg. Nichts ist schließlich der Not heilig als der Kampf gegen ihre Ursachen.

    4) Auf die Beseitigung solcher Notzustände hat also der ernsthafte Friedenskämpfer sein Augenmerk zu richten, unbeschadet seiner etwaigen Überzeugung, dass der Frieden oder wenigstens der Friedenswunsch mit moralischen, religiösen und ethischen Mitteln auch noch gefordert werden könne.

    5) Der Notzustand, der zu den Kriegen treibt, hat wenigstens bei den heutigen Industrie- und Handelsvölkern seinen Grund nicht in einem naturgegebenen Mangel an Industrie- und Nährstoffen, sondern in unseren gesellschaftlichen Einrichtungen, die die Produktion und den Austausch beherrschen und die Arbeit tributpflichtig machen, wobei der Umstand noch erschwerend wirkt, dass zur Sicherung dieses Tributes der Produktion und dem Tausch Hemmungen bereitet werden müssen, die zu Krisen und Arbeitslosigkeit führen. Die gesellschaftlichen Einrichtungen, um die es sich da handelt, sind das Privateigentum an Grund und Boden und das herkömmliche, aus dem Altertum in unveränderter Gestalt von uns übernommene Geldwesen, dessen Mängel immer offensichtlicher geworden sind. Grund- und Geldbesitzer fordern Zins, sonst sperren sie der Produktion den Boden und dem Austausch der Produkte das Geld. Dieser Zins überträgt sich automatisch auf das gesamte Wirtschaftsleben und schafft das, was als Kapitalismus bezeichnet wird.

    Silvio Gesell (Stabilisierung des Bürger- und Völkerfriedens, 1928)

    Ein geistiger Tiefflieger wie Günter Grass wird das wohl bis zum Jüngsten Tag nicht mehr begreifen.

    http://www.deweles.de/intro.html

  3. @ Stefan Wehmeier: Silvio Gesell und seine Freigeldtheorie in allen Ehren – aber das ist ja nun der ganz große Wurf, der – eben weil übergroß – zumeist wirkungslos verpufft. Um mit Heine zu reden: Bevor nicht das Erbrecht abgeschafft wird, kann auch nichts besser werden. Vor solchen Megaforderungen stehe ich regelmäßig ratlos davor, und frage mich, wie jemand die nötigen Mehrheiten zustandebringen will. Zudem habe ich ein Misstrauen gegen alles, was die Welt aus einem Punkt heraus kurieren will.

    Etwas mehr Skepsis gegen den großen ‚Aufmarsch der Religiösen‘ aber, der heute zeitgleich in allen Kulturen stattfindet, von der Tea Party bis zu den Taliban, das wäre durchaus von Menschen guten Willens und klaren Verstandes zu organisieren. Zugleich wäre dies der beste Dienst an der Aufklärung.

  4. „…aber das ist ja nun der ganz große Wurf…“

    Der „ganz große Wurf“ ist noch sehr viel größer, als Sie sich gegenwärtig vorstellen können:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2011/07/die-ruckkehr-ins-paradies.html

  5. „Für mich können talmudwälzende Schläfenlöckchenträger genauso leicht irrational handeln wie kismetgläubige Mullahbartträger: Beide Seiten sind antirational, frauenfeindlich, unzurechnungsfähig und in jeder Hinsicht auf dem Weg ins Mittelalter. …“

    …ebenso wie Leute, die zu lange und zu verschwurbelte Texte schreiben oder gar darauf verlinken, wo man dann nicht mal ein Impressum findet, in dem man lesen könnte, welch‘ Spinner denn nun wieder DAhinter steckt.
    .

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