Stilstand

If your memory serves you well ...

Abschweifendes

Von ganzem Herzen liebe ich die großen Digressionisten der Weltliteratur. Laurence Sterne ist einer von ihnen, Jean Paul, David Foster Wallace, auch der Heimito von Doderer, oder fast vergessene Größen wie Theodor Gottlieb von Hippel oder Albert Paris Gütersloh. Auf fortschreitende Handlung gepolte Kritiker zetern dann über den ‚barocken Stil‘ oder die ‚überbordende Phantasie‘ des Verfassers. Sollen sie weiter Stieg Larsson lesen, aber bspw. nie zu einem Karl Immermann greifen, der eines seiner Bücher gleich mal mit dem elften Kapitel beginnen lässt und dann auch noch dem armen Buchbinder die Schuld dafür zuschreibt …

In der Literatur kommt es für mich eher darauf an, was einer im Kopf hat, ob ich mich durch die Lektüre bereichert fühle oder nicht. Es geht mir nicht darum, möglichst stringent und geradlinig von A nach B geführt zu werden. Wenn ein Dutzendschreiber eine dunkle Gasse beschreibt, wie sie in Spanien den Weg zwischen zwei Hauptstraßen abkürzt, dann klänge das in etwa so: „Wir passierten eine dunkle Stiege, wo hoch oben die Wäscheleinen von Fenster zu Fenster ausgeblichene Unterwäsche zur Schau stellten, um dann erleichtert wieder ins grelle Mittagslicht der Ramblas zu treten„. So etwas ist eben literarische Dutzendware …

Ganz anders verfährt einer der größten Digressionisten, der je einem Kuhdorf am Rhein entsprang: Albert Vigoleis Thelen. Seine ‚Insel des zweiten Gesichts‘ lässt sich noch nicht einmal einem Genre zuordnen: Sind diese 1.000 Seiten nun eine Autobiographie, ein pikaresker Roman, erotische Literatur, ein Reisebericht oder ein weltphilosophisches Lehrbuch? Niemand weiß es – am wenigsten wusste es wohl der Verfasser. Klar ist nur, dass er mit seiner Geliebten in den frühen 30er Jahren nach Mallorca reiste – und dass ein großes Buch das Ergebnis dieses bildgewaltigen ‚Hippie-Trips‘ avant la lettre war.

Wer sich mit Vigoleis in das oben erwähnte Dunkel begibt, der darf sich auf viel mehr als nur auf zwei dürre Sätze freuen – eine mehrseitige „Gassenmeditation“ schließt sich an: Neben überaus ‚dichter Beschreibung‘ gibt es einen Exkurs zu Georg Christoph Lichtenberg, über das merkwürdige Verhalten von Menschen in unbeobachteten Situationen, über Laternenpfähle, über schöne Frauen in lasziven Situationen, über Afrika und die Vorurteilsfigur des „Negers“, die doch nur das ausgelagerte kollektive Unterbewusstsein des deutschen Spießers sei, über gute und schlechte Kinderstuben, alles immer unterbrochen von Einsichten geradezu aphoristisch-treffsicherer Natur. In Thelens eigenen Worten ist es ein „Schluchtenzauber“, den er für uns hier inszeniert.

So etwas zu lesen lohnt allemal die Mühe, auch wenn ich als Leser kaum einen Schritt in der ‚Handlung‘ vorankomme, eine Handlung, die bei Thelen eher einer impressionistischen Reihung zumeist urkomischer Situationen und plötzlicher Einsichten gleicht. Das Buch hat überhaupt kein Ziel, kein Finale, keine Auflösung, keine Moral, es bietet – im besten Sinne – auch keine ‚Aufklärung‘ für uns. Dieses Buch ist einfach nur ein Meer aus Erzähllust und Sprache.

Kein Wunder, dass die asketischen Sparta-Süppler der Gruppe 47 wie vom Donner gerührt waren, als dieses mit Tang aus allen Wissensozeanen behängte Ungetüm im Herbst 1953 erschien. Sie forderten – als angebliches Resultat überstandener Kriegserfahrungen – die nackte Sprache, aufs Äußerste reduziert und von allen Phrasen befreit. Das „Emigrantendeutsch“ eines Alfred Döblin oder Joseph Roth hingegen war ihnen zutiefst verhasst: „Ohne jede Tradition, karg und sparsam aus Furcht vor dem entseelten Wort von gestern„, wollten sie schreiben (Hans Werner Richter). Da kam dann aus dem Nirgendwo des mallorcinischen Nebels dieses Dickschiff dahergesegelt, mit einer vollen Ladung gestriger Wörter und – weil das dem Verfasser bei weitem nicht reichte – auch noch eine unaufhörliche Folge bildkräftigster Neologismen im Kielwasser. Nebenbei: Wenige Jahre später, beim Erscheinen von Grass‘ ‚Blechtrommel‘, galt diese frugale Regel in der Gruppe 47 schon nichts mehr. Vermutlich, weil die Prediger der Wortarmut und Sachlichkeit mit ihrer Sprachtheorie auflagenmäßig zu oft Schiffbruch erlitten.

Albert Vigoleis Thelens ‚Insel des zweiten Gesichts‘ jedenfalls erschien zur Unzeit. Bis heute ist das Buch nur einer kleinen treuen Gemeinde bekannt, den dicksten germanistischen Wälzern ist es allenfalls eine Randnotiz wert.

Warum ich das alles erzähle? Zum einen zum Nachweis, dass ohne Abschweifungen die Literatur um vieles ärmer wäre. Und dann natürlich auch als Leseempfehlung. Wer beim ‚Unendlichen Spaß‘ Blut geleckt hat, wer die Langstrecke sucht und nach neuen Leseabenteuern fahndet, der sollte es mit der ‚Insel des zweiten Gesichts‘ ruhig mal versuchen …

2 Kommentare

  1. Danke für die Thelen Empfehlung und den Kommentar. Wenn ich mir manche Kritiken bei Amazon anschaue, die voller Ärger gegen die Foster Wallace und andere Autoren polemisieren,dann hat das wohl auch etwas damit zu tun, dass viele Leser mit verzögerter Befriedigung ungern leben und alles, was vom strikten A-Z Handlungsschema abweicht, als irritierend empfinden. Der eigene Kopf arbeitet zwar auch nicht fortschreitend, sondern eher abschweifend, wiederholend und manchmal wirr, doch wird das reiche, gedankliche Explorieren beim Lesen von vielen als unverdauliche Spinnerei abgetan.

  2. Ja, so ist es wohl, die meisten Leser wollen plotorientierte Bücher lesen, wenn die Handlung nicht andauernd „vorangetrieben“ wird, sind die Werke ’schlecht geschrieben‘, ‚langweilig‘, ‚überflüssig‘ usf. Charakterentwicklung, Weltsicht, Weltbeschreibung spielt alles keine Rolle, Hauptsache es gibt auf die Fresse.

    Vorhin las ich mal ein wenig durch die Beschreibungen und Rezensionen bei Amazon US zu George R.R. Martins A Song of Fire and Ice-Serie, eine Art historical novel in einem Fantasyumfeld. Schon erschreckend, welch Schlichtheit dort aus Menschen spricht, die sich eher für komplexere Geschichten interessieren [behaupten sie zumindest, als Leser der Romane]. Dabei muss die Welt, deren Geschichte und deren Figuren gerade ausführlich mäandernd erzählt werden, wie zu Vor-TV-Zeiten, als eben nicht jeder wusste, wie es in Paris aussieht.

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