Dass die CDU in Thüringen in Panikphasen gern mal zu obskuren Methoden greift, um ihrem angeschlagenen Ministerpräsidenten doch noch über die Schwelle zur Macht zu verhelfen, das ist schon länger bekannt. Jetzt aber kommt die Affäre um eine Wahlkampfbroschüre hinzu, die sich als politisch neutrales Gute-Laune-Blättchen tarnt, um noch dem begriffsstutzigsten Thüringer hinterrücks beizubimsen, wie toll doch Thüringen – also vor allem der Herr Althaus – sei.

Seltsam ist nur, dass fast alle Personen, die dort zu Wort kommen, CDU-Mitglieder sind. Ohne dass diese absolut unwichtige Eigenschaft neben ihren Namen vermerkt worden wäre. Und das jenes, was all diese interviewten Ur-Thüringer ‚von der Straße‘ dort so toll finden, so ziemlich haargenau dem entspricht, was die CDU freundlicherweise in ihr Wahlprogramm packte. Der Blog ‚Durchblickstrudel‘ hat das mit jedem Detail haarklein aufgelistet. Und auch hier bietet sich ein Panorama-Blick über die redaktionelle Sumpflandschaft.

Gleich nebenan turnt der Hans-Ulrich Jörges vom ‚Stern‘ durch die – dank Anzeigen von AOK und Thüringer Lottogesellschaft – gut dotierten Zeilen. Der sich aber jetzt vor Empörung nicht zu fassen weiß, kein Geld genommen haben will, und das alles bereut – womit er seine publizistische Unabhängigkeit wie ein tropfnasses Kind noch aus dem rufmörderischen Brunnen zu ziehen hofft, der sich dort unversehens auftat: „Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich keinen Finger gerührt“. Kurzum: Es gibt richtig viel Allotria dort zwischen Gera und Eisenach zu besichtigen – oder mit anderen Worten: Dort waren entweder Politanalphabeten, Satiriker oder Schmierenkomödianten am Werk. So weit, so gut …

Neu aber ist es, dass sich jetzt der Macher eines solchen Machwerks persönlich in Siegerpose zu Wort meldet, wobei er sich als publizistischen Oberstrategen feiert. Schließlich hätte es bei ihm auf dem verschwisterten Online-Portal dieser Initiative ‚Tolles Thüringen‘ seither ganz oft ‚Klick‘ gemacht:

„Deckwerth jedenfalls behauptet nun, die Nähe zur Thüringer Regierungspartei sei gewollt, um Aufmerksamkeit für das dahinter steckende Internetportal zu bekommen.“

Etwas Weltferneres ist mir selten untergekommen. Man positioniert sich also einfach im Web „pro CDU“ und bekäme dafür ganz viel ‚Awareness‘. Faktisch das Gegenteil ist richtig: Wer sich im Netz an eine politische Partei ranwanzt, der bekommt im Allgemeinen nichts als nur maßlosen Ärger. Das gilt für alle Parteien, mit Ausnahme vielleicht der Piratenpartei, die sich als ‚Kind des Netzes‘ positionieren konnte. So herum jedenfalls wird allmählich ein Schuh daraus. Was bitte nützt diesem ‚Portal‘ all die gewonnene Aufmerksamkeit, wenn es immer nur die falsche ist, wenn man im Netz als Schleicher, Rosstäuscher und Schlimmeres gilt? „Hauptsache der Name ist richtig geschrieben“, dass scheint das Credo der beleidigten Leberwürste von ‚Tolles Thüringen zu sein, die von einer „beispiellosen Hetzkampagne“ fabulieren:

„Neun Monate lang wurde unser Portal von den Medien und den Parteien in Thüringen ignoriert. Ein Portal, das einzigartig in Deutschland ist, das Internet, Social Community, Information und Bewegtbild miteinander vereint. Es wurde nicht über den Start des Portals am 1. Dezember 2008 berichtet und keine unserer Pressemitteilungen wurde beachtet. Beim Obama-Besuch und bei der Landespressekonferenz begegnete man unseren Videojournalisten mit Hochmut und Ignoranz. Das können Sie jetzt nicht mehr dank einer der besten Marketingideen, die ich je begleiten durfte. Alle bedeutenden Medien haben über uns berichtet. Wir sollen Thema im Landtag und im Bundestag werden. Auch der letzte Thüringer, ob in Bayern oder Hessen, weiß jetzt, dass es uns gibt.“

Ach Gottchen – es vereint „Internet, Social Community, Information und Bewegtbild“ miteinander – und das soll „einmalig“ sein? Bester Herr, wo leben Sie? Jedes bessere Blog tut seit Jahrzehnten nichts anderes, als diese Dinge zu vereinen. Denn das Netz heißt Netz, weil es vernetzt. Aber gut, Verschwörungstheorien sind bekanntlich von rechts wie von links möglich. Hier haben wir nur einen besonders schweren Fall vor uns: Die geheimnisvollen Geldgeber des bunten MP-Homestory-Magazins aber – eine 40-Seiten-Broschüre in 4C und mit etwa einer Million Auflage ist schließlich nicht für einen Appel und ein Ei zu haben – die wären dann entweder Düpierte, die sich vor den Karren irgendeines Internet-Abenteurers hätten spannen lassen. Oder aber das Internet-Portal wäre für die Geldgeber aus der Industrie höchstselbst das zentrale Anliegen gewesen, auch dann, wenn ihre Jubelbroschüre den eigentlich erwünschten Ministerpräsidenten in verdammt schweres Fahrwasser bringt. Käme durch diese publizistische Trottelei der Herr Althaus nicht an die Macht, dann hätten sie politisch mit Zitronen gehandelt – aber immerhin wäre ihr Internet-Portal danach etwas bekannter. Auch wenn mit all diesem Netz-Trallala bisher bekanntlich keine anständige Rendite zu erzielen ist, die einen gestandenen Investor wirklich zufriedenstellen würde.

Beide Möglichkeiten klingen für mich irgendwie gleich dämlich – und eine dritte verschwörungstheoretische Möglichkeit, wonach die Bunte-Bilder-Postille ein ‚U-Boot‘ der Linkspartei sei, verkneife ich mir jetzt einfach mal. Meine persönliche Schlussfolgerung lautet auch ganz anders: Bei einem kräftigen PR-Furz war unerwarteterweise ‚Land‘ dabei. Was bekanntlich immer in die Hose geht. Und so riecht’s jetzt auch …

Merke: Ein echter PR’ler – Abrakadabra! – zeichnet sich dadurch aus, dass er selbst Kötel in der Hose noch als Rosinen ausschreit.

Nachtrag: Dieses Lehrstück in Abrakadabra-Kommunikation erweist sich täglich als noch dämlicher. Auf einem Packzettel für das Blabla-Fasel-Magazin benennt sich die CDU nun selbst als Auftraggeber.

Wer das beliebte Spiel „Welches Schweinderl hätten’s denn gern“ spielen möchte, kann sich jetzt hier umtun: