Stilstand

If your memory serves you well ...

Abging der Abgang

Selber schuld habe ich, was war ich auch so frech! Nun bin ich beim größten Journalisten deutscher Zunge aus dem Kommentariat geflogen – Stefan Niggemeier höchstselbst hat zu mir gesagt: ‚Geh weg!‘. Hier der Tatort – und das der Beweis:

Ach, ich Armer! – was habe ich den Herrn Niggemeier mal bewundert, damals, als er im BildBlog Deutschlands größter Desinformationsanstalt noch täglich die Giftzähne zog. Dann aber stieg er dort aus und auf – und seine Beiträge stiegen mählich ab. Es folgten ellenlange Berichte vom European Song Contest, wo er das große Trallala und UmpfUmpfUmpf mit einem solch heiligen Ernst besprach, als ginge es um Leben und Tod – und nicht um Hörz und Schmörz. Kritiker von Grimme-Preis-Entscheidungen hatten unter seinem Liktorat nichts mehr zu lachen, obwohl ich immer dachte, die Mitglieder der Jury würden sich – ohne loszuprusten – nicht in die Augen schauen können, wenn sie bspw. allen Ernstes das DschungelCamp zum Kandidaten kürten. Jetzt also kam er uns mit einem gewissen Monty Jacobs daher, einem Mann, der wohl in irgendeinem Privatkanal die Sprüche reißt, wenn der Vati aus dem Gummiboot fällt oder der Schleudergang die Katze zaust. ‚Uups- die Pannenshow‚ heißt das Format für den extra tief gelegten Humor dort wohl.

Stefan Niggemeier verglich prompt die Wortgewalt des Blödelbarden mit – nein, jetzt nicht mit Goethe – aber immerhin mit Hanns-Dieter Hüsch, dem größten kabarettistischen Missverständnis, das je in Deutschland ein Publikum langweilen durfte. Da platzte mir dann der Kragen … die Folge: Arschtritt. Sei’s drum, alle Links zum Reader seien wunschgemäß gekappt.

Was bleibt? Nun – gelegentlich nimmt sich der Stefan Niggemeier, um seinen Ruf als kritischer Kopf zu retten, eine arglose Frauenzeitschrift zur Brust, er tummelt sich dann im Grüne-Blatt- und Figaro-Genre, von woher ihm mit Sicherheit keine Aufträge winken. Als Spezialist für Weltbewegendes pflegt er dann in etwa Folgendes nachzuweisen, dass nämlich jenes Baby der Prinzessin Anna-Lucia von Funkelstein ja gar kein Junge geworden sei, wie es die Redaktion befahl, sondern unverständlicherweise jetzt ein Mädchen die fürstliche Ahnfolge bevölkert. Und schon hat unser Siegfried wieder den Drachen einer schlechten Recherche erlegt. Zu medialen Unglücksfällen wie Schavan aber, zur politischen Schnellabspeisung in Sachen NSU oder zu dem Zusammenhang von String-Tanga-TV und Berlusconi fällt ihm als ‚Medienjournalist‘ doch nur wenig ein. Gut – ab und zu bevölkert noch etwas Zutreffendes zum Leistungsschutzrecht die Spalten …

Mich jedenfalls würde es nicht wundern, wenn der Stefan Niggemeier demnächst für Florian Silbereisen oder Helene Fischer den Wortteppich ausrollt. Mich deucht, er hat einen wachsenden Hang zu jenen Szenen, wo sich die leichten Musen tummeln und nichts Echtes mehr gedeiht. Public Relations also? Nun, es fällt schwer, das nicht zu vermuten …

Ergänzung, für den, den’s denn interessiert: Der Text, der dort gelöscht wurde, bezog sich auf einen gewissen Theo, der mich weiter oben angestrullt hatte (No. 25). Er lautet (aus dem Gedächtnis zitiert): „@theo Sei getröstet: Eher als mit dir würde ich mit Volker Kauder über Humor diskutieren.“ Mehr war’s nicht. Trotzdem – eine wahrhaft unverzeihliche Entgleisung in diesem rundum harmonischen und zustimmungsbedürftigen Heiteitei-Milieu dort, hoch auf dem gelben Wagen …

20 Kommentare

  1. Auch ich bin vor zwei, drei (?) Jahren nicht mehr Leser des Niggemeier-Blogs. Er hat sich wirklich verändert.
    Und sein Musikgeschmack – es wird ober ja erwähnt – ist unter aller Sau = mit so einem kann ich einfach nicht.

  2. Wahr, so wahr. Guter Anreiz eigentlich, Herrn Niggemeier aus dem RSS-Leser zu werfen. Wenn er was schreibt, und das ist nur noch selten, überlese ich es ohnehin meist. Er hat einfach keinen Biss mehr. Muss am SPIEGEL liegen, der macht Leute zu Zombies.

  3. Fliege ich jetzt raus, wenn ich Dich frage, ob Du hier nicht etwas zu empfindlich reagierst?

    Tatsache ist: Man kann gar nicht in jeder Frage mit Stefan Niggemeier übereinstimmen. Ich würde mir den Song Contest auch dann nicht anschauen, wenn ich dafür meinen üblichen Stundensatz doppelt oder dreifach ausgezahlt bekäme.

    Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass Stefan Niggemeier zu den besten Medienjournalisten Deutschlands gehört. Zu seinen Themen gehörte eben auch: Öffentlich-Rechtliches Fernsehen, Menschenrechtsverletzungen, Schlamperei und Schluderei im Journalismus, Leistungsschutzrecht …

    Man kann im einen oder anderen Sinne immer etwas lernen, wenn man seine Artikel liest. Und wenn es um Dschungelcamp oder Song Contest geht, kann man ja diskret wegschauen.

    Just my 2 Cent 😉

  4. Passt. Es mag ja sein, dass Stefan Niggemeier auch Bedenkenswertes schreibt und das Bildblog seine Verdienste hat: Wenn ich in seinem Blog vorbeilese, bekommen ich regelmäßig einen ganz anderen Eindruck, nämlich von dauereregter Selbstgerechtigkeit und gaaanz schnellem Beleidigtsein (nicht nur was ihn selbst angeht, sondern als Grundstimmung auch in den Kommentaren.) Diese pissige Reaktion ist da nur ein Beispiel.

  5. @stefanolix: Du siehst die immergleichen ‚Mixed Pickles‘, wo ich einen Prozess sehe. Selbst du sagst doch, dass er zu den besten Medienjournalisten „gehört“, um unmittelbar darauf dann selbst in den Imperfekt zu verfallen: Da schreibst du nämlich „gehörte“. Genau das meine ich ja …

    Sonderlich ‚empfindlich‘ reagiere ich übrigens nicht: Er fordert von mir ‚Geh weg!‘ – und ich lasse ihn wunschgemäß in seinem Vaudeville zufrieden. Wo wäre bei beiderseitiger Zufriedenheit das Problem?

    @tux.: Wow – die erste King Crimson …

    @jeeves: Der Musikgeschmack ist – glaube ich – veranlagungs- und szenebedingt. Ich habe für die Grünen in Bremen mal die erste Aids-Hilfe mitgegründet und war auch für den Kontakt zum Rat-und-Tat-Zentrum zuständig. Da lief ständig solche Mucke wie: „Er gehört zu mir, wie das Schild an meiner Tür“ und ähnliches Balla-Balla-Zeug …

    @nnier: Altbekanntes Phänomen – wer gern schwer austeilt, reagiert in eigener Sache meistens hochsensibel.

  6. Jeder Blogbetreiber kann Kommentare zulassen oder nicht. Er kann auch selektieren. Niggemeier löscht Kommentare und sperrt Kommentatoren aus. Darf er!
    Herr Jarchow wurde immerhin erkennbar gelöscht und mit einer Bemerkung bedacht. Andere Kommentare werden kommentarlos entfernt. Einige Kommentatoren werden anhand von Name, E-Mail-Adresse, IP-Adresse oder sonstiger Merkmale „moderiert“ oder überhaupt nicht „durchgestellt“. Auch das darf er!
    Er darf sich sich selber für einen großen Journalisten halten. Auch darf er unter verschiedenen Pseudonymen selber Kommentare schreiben. Er darf auch Freunde animieren, ihn zu verlinken und sein Werk zustimmend zu kommentieren.
    Er darf einen Musikgeschmack und Humor pflegen, der in seinen Kreisen mehrheitsfähig ist. Er darf die Leute verächtlich machen, die er nicht mag und die Leute lobpreisen, denen er zugetan ist.
    Das manche ihn für wichtig und bedeutend halten, ist nicht ihm anzulasten. Ob der Spiegel von ihm profitiert oder er vom Spiegel oder beide von beiden, weiß ich nicht. Sein wöchentliches „Medienlexikon“ im gedruckten Spiegel wurde eingestellt.
    Die FAS ist mit seinem Abgang nicht schlechter geworden.

  7. Das war das letzte was mir noch gefehlt hat – jetzt habe ich seinen Feed gelöscht. Sowas finde ich total daneben, bestimmt auch weil ich mich maßlos darüber ärgere, wenn das mit meinen Kommentaren passiert. Denn noch nicht mal erklären darf man sich dann ja noch dazu, das ist eine nicht akzeptable Diskurskultur.

  8. Mein aufrichtiges Beileid – immerhin bleibt Dir der Trost, die Berichte über den European Song Contest – wenn auch kommentarlos – weiterverfolgen zu dürfen. Bei mir haben diese Berichte des mehrheitsfähigen Medienjournalisten jedes Mal für Kicherkrämpfe gesorgt. In den ca. 25 Jahren, in denen ich beruflich mit solchen Veranstaltungen zu tun hatte, wollte ich immer schon wissen, welche Klientel diese Bingo-Show tatsächlich ernst nimmt; daß es nun ausgerechnet Niggemeier war…
    In Zeiten, in denen Stefan Raab das Kanzlerkandidaten-Duell moderiert, bleibt aber festzuhalten, daß Niggemeier auf das richtige Pferd setzt. Die Chance, daß das nächste Duell bei »Upps, die Pannenshow« stattfindet, sind hoch: Da hat er dann schon einen Fuß in der Tür.

  9. „Musikgeschmack ist – glaube ich – veranlagungs- und szenebedingt.“
    Aber ganz sicher ist es das. Wer sich zur deutschen Schlagermusik hingezogen fühlt und das öffentlich mitteilt, der wird von mir und wohl von jedem Musikliebhaber dementsprechend beurteilt. Es geht ja hier nicht um einen geistig etwas karg ausgestatteten armen Wicht ohne Bedeutung, Geschmack und Einfluss sondern um „einen der besten Medienjournalisten Deutschlands“.

  10. Musikgeschmack ist Musikgeschmack, den würde ich bei der Debatte weglassen …

  11. Es ging oben auch um Musik. Und um Nigges Musikgeschmack. Wieso also weglassen?
    Da find‘ ich doch sicher in meiner Zitatensammling, … moment.

    Da isses:
    Über Geschmack läßt sich nicht streiten … Das sagen immer die, die keinen haben.

  12. Freilich lässt sich über Geschmack schlecht streiten, jedoch:
    Über Gestreit lässt sich gut schnacken!

    (Quod erat demonstrandum.)

  13. Siehe: http://www.stefan-niggemeier.de/blog/luegen-fuers-leistungsschutzrecht-4/ Kommentare #12 und #15.
    Ausgerechnet beim Niggemeier beklagen sich diese Kommentatoren über „Zensur“.

  14. @jeeves: Ich begebe mich da womöglich auf heikles Terrain, wenn ich Stefan Niggemeiers ESC-Begeisterung mit seiner sexuellen Orientierung in Verbindung bringe, aber es ist nun mal so, dass der Schlagerwettbewerb in schwulen Kreisen einen unglaublichen Kultstatus genießt. Dass etliche der musikalischen Darbietungen hochqualitativen Standards nicht genügen, darf man als bekannt voraussetzen, und das tut dem Spaß an der Sache auch überhaupt keinen Abbruch. Wohlgemerkt: Mir als natural born hetero geht der Popanz natürlich total auf die Gonaden, und die Sendung komplett angucken zu müssen wäre Folter. Aber den popkulturellen Stellenwert dieses Phänomens kann ich trotzdem anerkennen, auch wenn mein eigener Musikgeschmack in ganz andere Richtungen geht.

    Ansonsten: Was Herr nnier sagt…

  15. @mark793 Ich hatte weiter oben bewusst zurückgenommen formuliert, aber nun, wo du das Thema schon mal angeschnitten hast:

    Gewisse Pop-Events – ob Volksmusik, ob Rammstein oder ob Glitzer-ESC – die sind in jener Szene nun mal Kult, wohl kaum aus musikalischen Gründen. In meinen Augen geht es um die Faszination jener Soziotope, wo auch Männer schicke Fummel tragen – das kann der Laufsteg der Haute Couture sein, die deutsche Trachtenmusik, die Laserwelt des ESC oder auch die Katholische Kirche. Pubertierende Mädchen gehen ja auch nicht wegen der Musik ins Justin-Bieber-Konzert, und die Zahnwaltsgattin geht nicht nicht wegen der unerhörten Libretti ins Musical …

  16. @Klaus Jarchow: Dass Dir dieser Background klar ist, kam für mich weiter oben schon klar rüber, aber bei @jeeves war ich mir dessen nicht so sicher. Ich bin selber schon in Fettnäpfchen getreten, dergestalt, dass mir mein Geätze über den Schlager-Grand-Prix als Homophobie angekreidet wurde, dabei hatte ich das bis zu dem Zeitpunkt überhaupt gar nicht auf dem Schirm gehabt, welchen Stellenwert dieses Event in jenen Kreisen genießt.

    Warum aber nun gerade Dein Kommentar an die Adresse eines gewissen Theo dem Niggemeierschen Fallbeil zum Opfer fiel, verstehe ich nicht. Bist Du dort vielleicht öfters schon angeeckt?

  17. Den Vorentscheid hab ich mir heuer sogar komplett gegeben (Langeweile? Voyeurismus?) – normalerweise machen solche Sendungen mich zum Menschenhasser und Kulturpessimisten, aber diesmal staunte ich einfach nur: Das ist echt ernst gemeint? Was mag das kosten? Derart viele gutestgelaunte Dudelfunk-Klone gibt es? So grauslich ein Stück nach dem anderen? Sogar den Siegertitel habe ich richtig getippt: Rampensau plus Umpfta geht immer!
    Es geht da halt, wie schon erwähnt wurde, um alles mögliche – um Musik aber nicht. So what.
    Eine starke Dosis Lucinda Williams war danach allerdings dringend erforderlich…

  18. @mark793: Ich habe keine Ahnung, weshalb mich dieses Fallbeil traf. Ich argumentiere durchaus ja mal konträr, wenn ich Sachen anders sehe, aber in der Regel ohne persönliche Invektiven. Da muss mir jemand schon ganz blöd kommen. Dieses ‚Geh weg!‘ hat ja auch einen zickigen Duktus, als hätte ein Frechling mit seinem Lieblings-Teddy zu knuddeln gewagt. Dabei hatte ich doch nur einen Vergleich zu Volker Kauder aus dem Ärmel gezogen …

    Möglich wäre es allerdings, dass er mein Buch gelesen hat, wo ich an irgendeiner Stelle schrieb, dass seine Beiträge erheblich an Biss verloren hätten, seit er auf die Verlegerseite gewechselt sei. Damals dichtete er frisch für die Brandstweeties.

    Dass ihm mein Titel vom ‚Ende des Journalismus‘ generell stinkt, wäre ebenfalls möglich, obwohl er die Argumentation vermutlich gar nicht kennt, die mich zu dieser kühnen Aussage führt. Für ihn ist die alte Berufsbezeichnung ja noch ein Ehrentitel, ein blitzblankes Panier, das seit Heinrich Heines Tagen so hell wie das Wort ‚Aufklärer‘ funkelt. Aber das alles ist reine Spökenkiekerei … privat denke ich eher schlicht – ihm ging’s also an dem Tag vielleicht nicht so gut, und ich stand gerade im Weg. Oder aber, ich störte mit meinem Beitrag seine große Monty-PR-Show. Was weiß ich …

  19. Ja, komplizierter muss man das vermutlich gar nicht machen. Wobei das mit „auf die Verlegerseite gewechselt“ so ja auch nicht ganz stimmt: Im Dienste der FAS (oder vorher bei der SZ oder als kress-Korrespondent) ist man doch nicht weniger in Diensten von Verlagen, und diese Sozialisation hält ihn ja trotzdem nicht davon ab, gegen die Interesen der Verleger beim LSR ganz klar Stellung zu beziehen oder deren Kampagnen-Berichterstattung gegen die Rundfunkgebühren-Novelle aufzuspießen.

    Aber Glanz und Elend liegt bei ihm manchmal nah beisammen, und das hat (davon abgesehen, dass er im Umgang kein ganz einfacher Zeitgenosse ist) auch damit zu tun, dass seine Kritik sich immer nur an Einzel-Begebenheiten abarbeitet, aber so gut wie nie das System als solches in Frage stellt.

  20. Also gut, der Herr Niggemeier ist schwul. Aber was erklärt das?
    Kritische Kommentare zu löschen, unliebsame Kommentatoren zu sperren, das hat doch nichts mit der sexuellen Ausrichtung zu tun. Das ist doch eher eine Charakterfrage.
    Fan des ESC bin ich nicht, aber manche deutsche Schlager höre ich gern.
    Die Lobhudeleien und Schmähungen des Herrn Niggemeier scheinen mir zu oft zu sehr von seinen persönlichen Beziehungen gesteuert zu sein.

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