Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Februar 2017

Zweimalig!

Carl Spitzweg: Der Bücherwurm

Die Lebenszeit ist begrenzt. Wenn es hoch kommt, schafft man es vielleicht, drei- bis viertausend Bücher zu lesen. Trotzdem habe ich einige meiner Lieblinge zweimal durchackert:

Knut Hamsun: Die Weiber am Brunnen
(Hochkomik: Im God-Like-Modus schaut der Autor von weit oben auf seinen wimmelnden Menschenzoo hinab)

Heimito von Doderer: Die Dämonen
(So wirr, wie die österreichische Politik um Schattendorf, den brennenden Justizpalast und das Schusschnigg-Regime ist auch der Plot dieses Riesenwerks. Ganze Generationen von Doderer-Entzifferern haben sich daran schon die Zähne ausgebissen)

Wilhelm Raabe: Stopfkuchen
(das tiefste Werk des großen Melancholikers, seither lebe ich gewissermaßen auch auf einer ‚Roten Schanze‘)

Joseph Roth: Das falsche Gewicht
(Der Ehrliche ist der Feind der Menschheit, nebenbei auch eine schöne Studie galizischer Verhältnisse)

Karl Immermann: Die Epigonen
(Über die zwangsläufige Mittelmäßigkeit, die aus dem falschen Zeitpunkt der Geburt resultiert)

Karl Gutzkow: Die Ritter vom Geiste
(stilistisch kein Meisterwerk, aber als Sozialstudie über das Verhalten der Menschen in reaktionären Zeiten unübertroffen)

Albert Vigoleis Thelen: Die Insel des zweiten Gesichts
(Das prä-faschistische Mallorca, wie es heute niemand mehr kennt. Darüber hinaus eine digressionistisches Meisterwerk)

Hans Fallada: Wolf unter Wölfen
(Das einzig bedeutende Werk, das im Nationalsozialismus erschien. Niemand schaute dem ‚kleinen Mann‘ jemals so ins Herz wie Fallada. Wo bleibt eine vernünftige Werkausgabe?)

[… vielleicht setze ich die Reihe irgendwann fort …]

Volk und Volksbegriff

Wenn Rechte vom ‚Volk‘ träumen / Bild: Bundesarchiv, Public Domain

Die scheinbar einfachen Fragen sind oft die schwersten – vor allem, wo in Zeiten von Pegida und AfD der Begriff ‚Volk‘ und seine Zusammensetzungen eine Renaissance erleben. Wer also ist das Volk?

Na ich“, sagt da der Kalle Krawunkel, „ich bin das Volk, oder zumindest ein Teil davon“. Zum Volk zählt er spontan jede und jeden, der in Deutschland geboren wurde. Schon aber beginnt das Dilemma: Müssen die Eltern dann auch ‚deutsch‘ gewesen sein? An diesem Punkt wird die Argumentationsebene schlüpfrig, zum Teil da schon fast ‚völkisch‘.

Im Sprachvergleich zeigt sich, dass es sich beim Wort ‚Volk‘ um eine deutsche Besonderheit handelt. Im Englischen wird ein ähnliches Wort allenfalls gleichbedeutend mit ‚Leute‘ verwendet: „A lot of folks came to the festival, listening to the folk-music.“ Das Staatsrecht dort bezieht sich auf ein „We the people“, aber nicht auf ein ‚folk‘. Im Französischen regiert ‚le peuple‘. In beiden Fällen wären dies schlicht ‚die Leute‘, also jene Menschen, die man so auf der Straße trifft. Im Deutschen gibt es die Bedeutung im Sinne von ‚die Menschenmenge‘ oder ‚die einfachen Leute‘ kaum noch, allenfalls in fast schon altertümelnden Redewendungen: „Viel Volk strömte frohgestimmt zum Zirkuszelt.“

Das deutsche Wort ‚Volk‘ aber, politisch immer in der Einzahl gebraucht, suggeriert hingegen, dass es keine solche Buntheit und Vielheit, sondern dass es ein homogenes Gebilde mit einem einheitlichen Willen gäbe, verbunden durch Blut und Sitte, was zugleich auch der heimliche oder offene Souverän sei. Um zu erkennen, wie pathosbeladen und blutfixiert das deutsche Wort ‚Volk‘ ist, genügt es sich vorzustellen, dass über dem Reichstag schlicht „Den deutschen Leuten“ stünde.

Dazu ist, von der Wortbedeutung her, der Begriff ‚Volk‘ im Kern paradoxerweise wenig ‚souverän‘. Das Wort leitet sich von ‚Gefolge‘ ab, es geht um jene Schar, die einem anderen ‚folgt‘, ‚volkt‘ oder ‚hinterherwackelt‘. Eine ‚Heerschar‘ ist es folglich eher als eine ‚Herrschaft‘.

Historisch gesehen entstand der romantische Mythos vom ‚Volk‘ im Umfeld der gescheiterten deutschen Nationsbildung. Wenn man schon keine toitsche Nation schaffen konnte, so wusste man doch allemal ein imaginiertes ‚Volk‘ hinter sich. Daraus kochte man sich dann seinen ideologischen Ersatzkaffee. Um die Stirn dieses imaginierten Volkes waberte prompt im Laufe der Jahre immer dichterer Mythenqualm, je mehr der Begriff von den Liberalen über die Nationalliberalen bis hin zu den Erzkonservativen eine kurrente Münze wurde.

Alles kulminierte dann im Nationalsozialismus. Die Zahl der Wörter mit der Wortwurzel ‚Volk-‘ wuchs ins Unermessliche – vom Volkstum‘ über den ‚Volksempfänger‘ und ‚Volkskörper‘ bis hin zum ‚gesunden Volksempfinden‘. Denn ‚gesund‘ war das Volk allemal, im Gegensatz zu allem Fremden und Kranken. Letztlich aber blieb das ‚Volk‘ immer nur der Alibi-Begriff für eine Diktatur, wo ein ‚Führer‘ dann den ‚wahren Volkswillen‘ exekutieren durfte, weil er allein die Quintessenz des völkischen Gedankens war. Dieser ‚Volkswille‘, den er ebenso egomanisch wie messianisch verkündete, war allemal nur der seine, für den er dann bloße Akklamation verlangte.

Genau darin liegt auch die Gefahr der Renaissance dieses Volksbegriffs bei Pegida und AfD. Denn das ‚Volk‘ existiert gar nicht. Es gibt nur Millionen von Menschen mit deutschem Pass, die ganz unterschiedliche Ansichten von dieser Welt haben. Und das ist auch gut so, liebe ‚Leute‘ …

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