Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Juni 2014 (Seite 2 von 7)

Info-War over?

Kaum liest man eine Headline über die Gesprächsbereitschaft der ebenso zerstrittenen wie auch arg dezimierten ‚Separatisten‘, da wird es in den Foren schon merklich ruhiger. Wie hier im ‚Standard‘, wo ein ‚Ukraine-Beitrag‘ sonst unter 300 Kommentaren nie abging:

„Prorussische Separatisten verkünden Waffenruhe.“

Tscha, das war natürlich immer nur die empörte österreichische Bevölkerung, auf die der Putin doch so gar keinen Einfluss hat, die dort plötzlich abgeschaltet wurde. Nur ein, zwei ‚Verspätetete‘ krakeelen da jetzt noch in den Gängen herum. Wie drücken sich zwei der anderen Kommentatoren dort sarkastisch aus:

„So schön ruhig hier im Forum. Das ist ein gutes Zeichen.“ … Antwort: „Die sind alle bei der Krisensitzung in der russischen Botschaft. Morgen gibt es hohen Besuch aus der Zentrale.“

Es mag aber auch sein, dass es nach dem 27. Juni, wo über weitere Sanktionen entschieden wird, gleich wieder los geht. Aber wenn sogar die ‚Junge Welt‘ jetzt so etwas schreibt:

„Ihnen gegenüber machte Putin deutlich, daß die Übernahme durch »Mütterchen Rußland« keine Option ist. … Es gehe darum, daß die Bewohner des Südostens der Ukraine sich als untrennbarer Teil jenes Landes fühlen könnten.“

Nanu – ‚jenes Landes‘ dort also … das hieße mit anderen Worten doch: Tschüß, Novorossija.

Nachtrag: Zu früh gefreut. Nach dem Abschuss des ukrainischen Transporthubschraubers wurden die Nashibots jetzt wieder von der Kette gelassen. Obwohl die ‚Separatisten‘ doch höchstselbst die Verantwortung für den Abschuss übernommen haben, heißt es völlig beweisbefreit, die ‚faschistischen Maidan-Schützen‘ hätten in Wirklichkeit die Maschine vom Himmel geholt, dieser Transporthubschrauber wäre faktisch doch ein Kampfhubschrauber gewesen, der mindestens Fassbomben zur Bekämpfung der Zivilbevölkerung transportiert hätte, und natürlich trüge an allem sowieso immer nur die EUSA die Schuld … mehr Bullshit in einer Minute, als man fressen mag – die pösen Regierungstruppen würden da sogar „mit Napalm in Wohngebiete reinballern“. Mein Ratschlag: Tut es euch nicht an.

Selbstüberschätzung

An dem Punkt habe ich dann aufgehört, Gabor Steingarts Traktat noch weiter zu lesen, weil er gleich mal von falschen Voraussetzungen ausgeht. Und stimmt vorn die Prämisse nicht, dann kann hinten auch nichts Zutreffendes folgen. Tsss … als würden im Netz nur ‚Verlagsprodukte‘ herumstehen:

„Von den vielen Millionen deutschen Dokumenten, die das Google-Archiv auf seinen Servern bereithält, stammt kein einziger Text von einem Google-Mitarbeiter, sondern alles, was da an Artikeln begeistert, polarisiert, langweilt oder einfach nur informiert, ist von den Autoren deutscher Verlage in deutscher Sprache erstellt worden.“

Donnerwetter, ‚alles‘ – was für ein Alleinvertretungsanspruch! Die Sache mit den ‚deutschen Autoren‘ mag für den deutschsprachigen Teil des Netzes ja noch halbwegs stimmen. Aber gleich allen Autoren zu unterstellen, sie würden nur für konfektionierte Ware aus deutschen Verlagen sorgen, das erscheint mir als These doch arg abenteuerlich und durch keinerlei Fakten gedeckt. Meine Einschätzung lautet anders: Nur der geringere Teil der Inhalte im Netz stammt heutzutage noch aus dem altehrwürdigen Verlagsbereich.

Zumindest für den ‚Stilstand‘ darf ich schon mal feststellen, dass hier nicht ein einziger Text als ‚Paid Content‘ auf dem gepflegten Rasen eines gebenedeiten Verlagsgeländes heranwuchs …

Anarchie im Allgäu

Doch heuer hat die Polizei mit den Schwarzgeld-Schmugglern plötzlich alle Hände voll zu tun. Auslöser dieser noch nie da gewesenen Geldtransport-Lawine sind Steuer-CDs mit brisanten Daten, die nach Deutschland geschickt wurden … Was danach kam, bezeichnet Hagen Kohlmann vom Hauptzollamt Ulm als „wirklich unglaublich“: „Im April hatten wir die krasseste Spitze, da hatten wir bei zehn Fahrzeugkontrollen locker drei, vier Treffer.“

Ich rate allen abenteuerlustigen jungen Männern, sich umgehend beim Zoll zu bewerben. Denn wer unserer Bourgeoisie ans Geld geht, der kann was erleben …

Anti-Nashibot-Vorschlag

Er richtet sich an die Redaktionen der Leserforen in Deutschlands Medien: Statt die Beiträge nach dem Datum des Eintreffens zu listen, könnte man doch einfach den ‚Vernunftgehalt‘ zum Maßstab der Reihenfolge nehmen. Führt also ein Beitrag zusätzliche Informationen für den Leser an? Genügt seine Argumentation intellektuellen Mindeststandards? Ist ein Posting von ‚bloßem Gemöhre‘ weit genug entfernt? – Solche Qualitätskriterien würden dafür sorgen, dass eindeutige Gaga-Beiträge, ‚Whataboutism‘, Themenverfehlungen, Nashibot-Spam und tausendfach Wiedergekäutes erst am Ende des Threads erscheinen könnten, dort, wohin sich niemand mehr durchklickt. Das wäre dann keine Zensur, wohl aber ein redaktioneller Eingriff. Alternativ könnte man auch separat eine ‚vernunftbefreite Zone‘ einrichten, gekennzeichnet vielleicht mit einem WC-Symbol, für jene Leser, denen es vor nichts graut …

Teilweise ließe sich eine solche Redigierarbeit sicherlich auch automatisieren, mit Tags wie ‚habe mein Abo gekündigt‘, ‚Kiewer Faschisten-Junta‘, ‚westliche Mainstream-Presse‘, ‚EUSA‘ und anderen einschlägigen Indizien dafür, dass hier bei jemandem der Sparren schon recht locker sitzt … so etwas käme dann gleich ins ‚WC‘:

„Deutschland hat noch immer noch keine Friedensvertrag [klassische rechte Konspirationsthese u. dazu Thema verfehlt] mit den 4 Siegermächten des wegen ist merkel und ko [das ist doch alles eine Soße da in der Politik] den usa ausgeliefert [anti-amerikanische Verschwörungstheorie, zugl. whataboutism] und wenn mann putins berater mal an hört was er das sagt [hört, hört!] ist es nicht auszuschließen das da etwas ware dran sein würd [nix Genaues weiß man aber nicht, grassierende Konjunktivitis] die sache mit der ukraine es ist etwas übertrieben aber in grunde auch verständlich [tscha, schlussendlich versandet dann alles in blanker Wirrsal,  die wohl nur ihm noch verständlich bleibt].“

Vodka mag bei diesem exemplarischen Beitrag allerdings auch im Spiel gewesen sein …

Für den Zettelkasten (32)

Die Journalisten, die als Stimmführer anerkannten, sind die öffentlichen Beamten des Publikums, und versehen dessen Funktionen gerade so, wie die Beamten des Fürsten die ihrigen. Sowenig nun derjenige, der einen Paß braucht, weil er nicht ohne ihn nach Italien oder Griechenland gehen kann, durch die moralische Beschaffenheit des Polizei-Direktors, den er vielleicht lieber auf der Galeere sähe, abhalten lassen soll, sich um den Paß zu bewerben, so soll auch der Autor, Künstler oder wer es sei, sich nicht daran stoßen, daß der Funktionär der öffentlichen Meinung, bei dem sich jeder sein gestempeltes Urteil über Menschen und Dinge abholt, zufällig den Galgen oder Hals-Eisen und Brandmal verdient, sondern die Verantwortlichkeit dafür dem Patron anheimstellen.“
(Friedrich Hebbel, Tagebücher, 6243)

Jingoismus 2.0

Die Macht der Medien wird oft unterschätzt. Dort, wo es nur ‚gelenkte Massenmedien‘ gibt, sind sie in der Lage landesweit einen ‚Mindset‘ zu erzeugen, der nur den Interessen einer kleinen Minderheit entspricht. Im Vorfeld des Krim-Krieges hetzte die Fleet-Street im Auftrag der ‚Londoner City‘ eine ganze Nation förmlich in diesen Krieg hinein, als die Südstaatler im Vorfeld des amerikanischen Bürgerkrieges einen neuen Sklavenstaat in Nicaragua errichteten, als die Buren in Südafrika niedergeschlagen werden sollten, als es zu Beginn des Ersten Weltkrieges galt, die ‚Kriegsbegeisterung‘ zu wecken – immer stand die Presse als Avantgarde und mit Schaum vor dem Maul an vorderster Front, um die mentalen Voraussetzungen für Pläne kriegslüsterner Minderheiten zu schaffen. Auch das – und nicht nur die ‚Aufklärung‘ – gehört zu einer umfassenden Geschichte des Journalismus. Der Fachausdruck für dieses publizistische Verfahren lautet ‚Jingoismus‘. Über ‚Individualität‘ – verstanden als die Fähigkeit, eben nicht die mentale Konfektionsware anderer Leute aufzutragen – verfügen leider nur die wenigsten Menschen im Publikum.

Die ’sozialen Medien‘ können heute solche Strategien höchstens ein wenig unterlaufen, und auch nur dort, wo das Internet in der Bevölkerung schon ‚habituell‘ geworden ist. Journalisten aber verwandeln sich in vielen Ländern noch immer in Kriegstreiber im Berichterstattergewand, sofern die Kasse stimmt oder ansonsten die Entlassung droht. Auch bei uns flöteten von 1933 bis 1945 Tausende von Journalisten immer nur aus einem Loch, die Ausnahmen lassen sich an den Fingern einer Hand abzählen. So auch in Russland und in der Ukraine heute – der Putin’sche Jingoismus bzw. ‚Info-War‘ ist ja nur in seinem totalitären Ausmaß neu, nicht aber im Prinzip:

„Wenn Russland in die Ukraine nicht solche Flüsse von Lüge und Hass liefern würde, hätte dort im Osten nie ein Krieg begonnen. Kämpfer und Waffen – die sind natürlich ein sehr wichtiger Import-Posten – aber trotzdem – sie sind nur zweitrangig. Das Wichtigste ist die Goebbels´sche Propaganda.“

Und genau deshalb werden immer zuerst die Sendeanstalten und Funktürme besetzt, es geht um ‚Gehirnwäsche‘ … und sobald dann das Trommelfeuer der Kreml-Propaganda konsequent unterbrochen wird, wie derzeit z.B. im russischsprachigen Dnjepropetrowsk, verwandeln sich ganze Städte wieder in Zonen der Ruhe und des Friedens, obwohl sie kaum hundert Kilometer von Slowjansk entfernt liegen.

Nachtrag – Wenn sogar die FAZ das jetzt meint: „Putin lügt seit Beginn der Ukraine-Krise, dass sich die Balken biegen,“ dann ist er halt der Ober-Jingo, der ‚Leader of the Pack‘ …

Nachrichten, die Freude machen

Der deutsche Zoll hat im Hamburger Hafen … umfangreiche Bank-Unterlagen sichergestellt, die Informationen über Konten mutmaßlicher Steuerhinterzieher enthalten könnten. Es seien zwei Container mit mehr als 1000 Kartons mit Daten beschlagnahmt worden, die von den Cayman Islands stammten.“

Mein Gott, noch nicht einmal in der Karibik ist man als aufrechter Anarchist vor diesen Staatsschnüffels mehr sicher! Mein Tipp für Verzweifelte: Nordkorea. Besonders der Fonds ‚Unwiede Binglick da Hing‘. Die Gagas von den ‚Deutschen Wirtschafts Nachrichten‘ haben mal wieder eine etwas eigenwillige Meinung zum Thema:

„Codewort „Steuersünder“: Totalitäre Tendenzen in der Finanz-Krise.“

Immerhin eine klare Position

Man mag ja zu dem kühnen Gedanken eine ‚Regime Change‘ in Russland stehen, wie man will, zumindest ist dies mal eine Analyse, welche die Dinge und die Optionen entschlossen beim Namen nennt:

„Almost three months have passed since Putin’s outrageous violation of the post-Cold War world order. The state of shock in international community diplomatic circles should have worn off by now, but surprisingly, political elites appear to be immune even to seemingly lunatic encroachments on Europe’s established borders. Indeed the fact that Putin’s defiance of international law is so blatant, and the Kremlin’s justifications for such action are so completely unorthodox (patently opposite from the truth), leaves one to believe that the only possible diagnosis for Putin’s state of mind is lunacy. … If one is to break out of the paradigm of battle tactics, reaching further into strategy, one needs to look at the war as a whole. What are the aims of the West with respect to Russia? Clearly, the old paradigm of seeking economic and political cooperation/competition within a set rule framework, and concomitant respect for the mutual interests of international players, is no longer a valid option: Russia simply refuses to play by the rules, and regardless of how much the Kremlin is urged to return to the established institutional framework, mutual trust has been undermined to such an extent that it will never be restored.“

So ist es … das diplomatische Wagalaweia hat man ja auch allmählich mal satt. Putin ist ein Feind Europas. Punkt. Dafür gibt es Belege von hier bis zum Jenissej. Er ist also keiner ‚von uns‘, schon gar nicht ein lupenreiner Demokrat. Wie aber bekämpft man einen Gegner, der über Atomwaffen verfügt? Im Falle der guten alten Sowjetunion gab es da schon mal eine Strategie … die hieß ‚Containment‘, wenn ich mich recht entsinne. Ihre Mittel waren einerseits ‚Marshall-Pläne‘, also eine massive ökonomische Unterstützung bedrohter Länder – und später dann das ‚Roll-Back‘, also das Herausbrechen ganzer Völker aus dem Würgegriff des Imperiums. So etwas verlangt natürlich nach Geld (Steuern) und nach starken Staaten – also nach dem  Gegenteil dessen, was der Neoliberalismus verlangt.

Wer übrigens glaubt, das russische Vorgehen in der Ukraine sei eine ungeplante Ad-hoc-Strategie, die nur spontan auf Entwicklungen reagiere, der irrt. Diese Pläne sind älteren Datums – wenn Russland in der Ukraine seinen Krieg jetzt auf eine ’neue Art‘ zu führen scheint, neu zumindest in den Augen jener westlichen Generäle, die immer noch gern in ihren Sandkästen die Divisionen hin- und herschieben, dann verfolgen sie dort eine penibel ausgearbeitete Strategie:

„In these wars of a new type, Gerasimov says, are “mixed together” a broad range of “political, economic, information, humanitarian and other measures,” all of which are supplemented by covert and thus deniable military measures plus offers of peace-keeping assistance as a means to strategic ends. “New information technologies,” the general continues, permit a significant reduction in the spatial, temporal, and information gap between the forces and organs of administration.” And they also mean that “frontal clashes of major military formations … are gradually receding into the past.” All this also means, Gerasimov says, that the customary “distinctions between strategic, operational and tactical levels and between offensive and defensive operations are being wiped out.” That is something that Russian military theorists and planners must take into ever greater account. “Asymmetric methods” also have the capacity to “level the playing field” against an opponent who may enjoy local superiority. Such methods include but are not limited to the use of special operations forces and the recruitment and mobilization of opposition groups on the territory of one’s opponent to make his entire country “a front” in the conflict.

Gerassimov ist ja nicht irgendwer, sondern der militärische Mastermind Russlands, Leiter des Generalstabs dort … und auf eine neue Art der Kriegsführung antwortet man nicht mit Reisediplomatie und mit dem Griff zum Telefon. Inzwischen haben die Separatisten nämlich schon mehr angeblich ukrainische Panzer ‚erobert‘, zuletzt 250, als in der ganzen ukrainischen Armee nach dem ‚Ausverkauf‘ unter Janukowitsch überhaupt noch vorhanden waren. Eine logische Unmöglichkeit? Ach was – doch nicht wenn ‚Russia Today‘ solche Fakten höchst glaubwürdig bestätigt! Man möchte wieder Winston Churchill zitieren:

“We will see how calls for moderation may become the main source of fatal danger; how the middle position, taken under the influence of pursuit of safety and welfare, might lead to a catastrophe. We will witness the absolute necessity of broad international actions taken by many states, regardless any changes in their internal policies.”

Oh wie schön ist’s in ‚Novorossija‘, sagt derweil die UN:

„The escalation in criminal activity resulting in human rights abuses is no longer limited to targeting journalists, elected representatives, local politicians, civil servants and civil society activists. Abductions, detentions, acts of ill-treatment and torture, and killings by armed groups are now affecting the broader population of the two eastern regions, which are now marked by an atmosphere of intimidation and consequent fear. Armed groups must be urged to stop their illegal activities and lay down their arms.“

Das tun sie aber nicht …

Such den Widerspruch!

Der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu habe den Aufmarsch bestätigt, berichtete die Moskauer Tageszeitung „RBK daily“. Das Militär habe sich zu einem Aufmarsch entschlossen, da die Gefechte in der Ukraine nicht abklingen würden.

„Russland hat Vorwürfe der Nato zurückgewiesen, erneut Truppen an der ukrainischen Grenze zusammenzuziehen.“

Eins von beiden muss dann wohl gelogen sein … und da sie in Zeiten der Satellitentechnologie nicht mehr davon ausgehen können, dass ihre Aggression unbemerkt bleiben könnte, ist die erste Äußerung wohl außenpolitisch, und die zweite innenpolitisch gemeint (wie auch fürs linientreue Kommentariat selbstverständlich).

Nachtrag: Die offene russische Invasion hat jetzt – scheint’s – begonnen, der Schafspelz hat wohl ausgedient:

„There have now been multiple sightings, recorded on video, of a column of Russian forces including tanks, APCs and military trucks progressing as far as Gorlovka in the Donetsk region.“

Da werden unsere ‚Frühüüdensdemonstranten‘ von den Montagsdemos jetzt aber kräftig feiern …

Im Adjektiv-Zoo

Journalisten, insbesondere wenn sie über das Ausland schreiben, denen geht es oft wie mir: Sie sitzen daheim oder in der Redaktion vor ihrem knarzenden Schreibtisch und sollen dennoch den Leser ‚hautnah‘ packen. Das Substantiv allein genügt ihnen dann nicht mehr, nahezu unvermeidlich wird jedes Hauptwort mit einer Charakterisierung und Wertung verbandelt. Wenn’s wenigstens noch ungleiche Ehen wären – zumeist aber sind sie so vorhersagbar wie der Sonnenaufgang: Müllers Heidi heiratet Meiers Krischan …

Im Fall des Irak wären also die Klerikofaschisten der Isis keineswegs nur ‚Kämpfer‘, nein, es sind allemal „brutale Kämpfer“, obwohl doch auch der Philipp aus Dinslaken dort herumirrt, dem in einer Moschee das Hirn gewaschen wurde. Und wenn ich mit dem Zählen eingenommener Städte nicht mehr nachkomme, dann wurden allemal „zahlreiche Städte“ erobert, ein kleiner Zusatz, der bei aller Unbestimmtheit doch die Größe der Bedrohung maximiert, obwohl es faktisch in diesem Zeitraum nur zwei oder drei Städtchen waren. Und die Regierungstruppen kämpfen niemals bloß gegen all diese Söldner, nein, sie kämpfen stets unter „härtesten Bedingungen“. Wie auch sonst, Herr Superlativus?

Ähnlich geht’s im Sportteil zu: Das Wörtchen ‚Fußballstar‘ wäre ja eigentlich kaum zu überbieten, aber dort im Hurra-Ressort werden diese Millionarios adjektivisch immer noch ein wenig mehr aufgebrezelt: Es sind natürlich „große Fußballstars“ – wahrscheinlich alle mit einem Gardemaß von zwei Metern. Und es handelt sich im Sport auch nicht schnöderdings um ‚Profis‘, der gewiefte Sportreporter verwandelt sie gewohnheitsmäßig in „echte Profis“. Alle anderen dagegen sind bloß „normale Spieler“, also ‚falsche Profis‘, die nur Geld abstauben, statt auf dem Platz um ihr Leben zu dribbeln, als wären sie nicht mehr ’normal‘.

Wechseln wir zum Wirtschaftsteil, wo die Manager nicht einfach nur irgendwohin fliegen, nein, sie sind allemal „persönlich nach Paris geflogen“. ‚Unpersönlich‘ wäre wohl auch ein Unding. Konzerne, die sich vermählen wollen, schließen nie bloß eine ‚Allianz‘, eine „umfassende Allianz“ sollte es in Deutschlands Redaktionen schon sein. Und ‚Arbeitsplätze‘ sind zwar wichtig, noch schöner aber wirken allemal „zusätzliche Arbeitsplätze“. Tscha, was ein Adjektiv doch ausmacht … ich könnte diese Reihung ohne Ende fortführen.

Diese Zwangskombiniererei trifft natürlich nicht nur auf Redakteure zu, sondern bspw. ebenso auf das Kommentariat der Putin-Fanboys: Wer die Kiewer Regierung nicht flugs mit dem Beiwort ‚faschistisch‘ bedenkt, wer jedwede Propaganda nicht als ‚westlich‘ charakterisiert, wer nicht jeden Beitrag, der ihm nicht passt, mit dem Etikett ‚unseriös‘ versieht, der ist auch kein ‚wahrer‘ Troll. An ihren Adjektiven könnt ihr sie erkennen …

Um nicht missverstanden zu werden: Ich eifere hier nicht gegen Adjektive und Adverbien generell. Die dritthäufigste Wortart im Deutschen darf man nicht in die Tonne treten. Mich langweilen aber diese vorhersagbaren Kombinationen, dieses journalistische Pret-à-porter. Wobei wiederum mein ‚journalistisches Pret-à-porter‘ zeigt, worauf ich ziele: Ein Wort aus dem Textilgewerbe wurde mit einem Adjektiv aus der Tastatur-Zunft verkoppelt. Mit der Garantie, durch Entlegenes und Unerwartetes mehr Leseanreiz zu schaffen …

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