Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: Mai 2014 (Seite 2 von 7)

Part of the Art

Jemand muss schon seltsam vernagelt sein, wenn er nicht zu begreifen vermag, dass das Computerspiel die traditionellen Formen der Artistik längst abgelöst hat – zumindest beim Publikum. Statt bequem im Theater- oder Kinosessel zu dösen, statt ‚ergriffen‘ vor einem Gemälde zu stehen, statt bei einem Konzert ein wenig mit dem Fuß zu wippen, macht diese neue Kunstform das Publikum zum ‚part of the art‘, der Spieler kann in einer ‚offenen Welt‘ sich die Handlung so ausgestalten, wie es seinen individuellen Anlagen und Vorlieben entspricht. Die besten Künstler der neuen Generation haben längst diese Residuen für sich entdeckt: Gestalter, Musiker, Schriftsteller. Von einer Baselitz-Welt, wo es mal als ‚revolutionär‘ galt, Bilder verkehrt herum an die Wand zu hängen, haben sie sich verabschiedet.

Das dominierende Setting der besseren Games ist dabei durchweg ‚post-apokalyptisch‘, und hier wird es gesellschaftlich interessant. Der Feind – so man überhaupt ein verbindendes Muster festlegen kann – das ist immer der ‚Elitarismus‘. Eine gewissen- und skrupellose Oberschicht, die sich selbst für ‚Entscheider‘ und ‚Macher‘ hielt, hat all diese Welten in die Grütze geritten, und der Rest der Menschheit darf im hinterlassenen Chaos versuchen, schlicht zu überleben. Es ist ein einziger und auch durchaus anarchistischer Aufstand gegen Führungsschichten, der dort im virtuellen Raum abläuft – und er trifft unbestreitbar auf ein weit verbreitetes ‚Lebensgefühl‘. Wer will, der darf jetzt anstrengungslos eine Parallele bspw. zur EU-Müdigkeit ziehen, wo hinter verschlossenen Türen in ‚Kommissionen‘ die Polit-Matadore und Industrie-Tycoons ja längst besser als das Volk wissen, was gut für das Volk ist. Der unübersehbare Boom der Computerspiele ist in meinen Augen eben auch eine massenhafte Reaktion auf die Blindheit der Eliten und auf das volksferne Versagen von Parteien, Politikern und Populisten.

Von ‚DayZ‘ bis ‚Breaking Point‘, von ‚Bioshock‘ bis ‚Nether‘, von ‚Fallout 3‘ bis ‚Wasteland 2‘, von ‚Miasmata‘ bis ‚7 Days to Die‘, von ‚Stalker‘ bis zu ‚The Seed‘ zieht sich die Kette solcher Survival-Games, zu denen man selbst das scheinbar putzige ‚Minecraft‘ noch zählen darf, Spiele, deren Erfolg meist nicht mehr auf ausgeklügeltem Marketing beruht (die großen kapitalistischen Entwicklerstudios versagen beim Zuspruch meist jämmerlich), sondern auf Crowd-Funding oder auf der wachsenden Resonanz nach einem ‚Pre-Alpha-Release‘, wo die Spieler selbst die weitere Entwicklung mitbestimmen.

Mit einem Wort – die Avantgarde hat die Welt der Vernissagen und Opernpremieren verlassen. Die Kunst der Eliten steht dumm in einer verstaubten und verlassenen Welt herum … während Millionen von Menschen sich am Überleben in einer Kunstwelt versuchen, wo sie es in der Realität schon zunehmend weniger vermögen.

Tscha, diese ‚Faschisten‘!

1, 9 Prozent für die Svoboda, ein Prozent für den Kandidaten des rechten Sektors. Das ist zusammen erheblich weniger, als die NPD hier mancherorts erzielt … ich bin mal gespannt, wie Putins Kommentariat uns das wieder erklärt … apropos, diese bewaffneten Separatisten dort im Osten sprechen vielfach seltsamerweise tschetschenisch. Woran das bloß liegt?

„Lisicansk is fully controlled by persons of Caucasian appearance.“

Ach, so geht das – sie fälschen sich in Russland mal wieder eine passende Realität zurecht, wo der ‚böse Butzemann‘ angeblich haushoch führt:

„During the “Sunday Time” news programme on First Channel, the presenter, Irada Zeinalova pointed to a screen showing what she calls “a strange picture”. She claims that this screen “appeared on the Central Election Commission central server several minutes ago”. According to this screen Dmytro Yarosh is clearly in the lead with 37.13% of the votes, with Poroshenko far behind, with 29.63%.“

Tscha – und dann haben sie wohl diese ’sensationelle News‘ einfach rausgehauen, obwohl doch der eingeplante Hacker-Angriff auf die Stimmzahlen misslungen war. Ein bisschen doof sind diese russischen Info-Warrior – scheint’s – doch auch. Radio Gleiwitz hat nicht geklappt, dumm gelaufen:

“The Security Service of Ukraine (SBU) and the State Service of Special Communication and Information Protection of Ukraine, together with Ukrainian IT specialists, found, localized and finally neutralized a virus designed to interfere with the post-election counting of votes on the Central Election Committee site. Specifically, the plan was for Dmytro Yarosh to win, showing a 37% return, the equivalent of 19 million voters,” an SBU source told Ukrinform.“

Ich frage mich ja, ob dieser gefakete Sieg von Jarosh dann das Signal für den russischen Einmarsch in die Ostukraine sein sollte – den Figuren um Putin traue ich allmählich alles zu. Gut, eine Zeitlang müssen sie jetzt wohl ihre Wunden lecken …

Soldiers at Info-War

Wenn jetzt die Opposition irgendein eigenes Hashtag on Top herausbringt, beginnen wir sofort, es zuzumüllen. Der niedrigste Mitarbeiter schreibt einen Tweet, diesen Tweet übergibt er einem speziellen Menschen, der ihn in die Maschine einspielt, die Bots mit Hashtag startet. 85 Prozent der Tweets schreiben Bots, 15 Prozent der Tweets schreiben echte und mehr oder weniger bekannte Menschen, um den Schein zu wahren. Das ist die Grundlage der Informationskriege.

Tscha, Insiderwissen – unsere Medien sind noch nicht so weit, zu erkennen, weshalb ihre Kommentarspalten bei jeder nicht genehmen Meinung plötzlich überquellen.

Nachtrag: Die ‚Zeit‘ hat jetzt auch was gemerkt: „Copy & Paste fürs russische Vaterland“.

Es ist doch leicht erklärlich

Lucke gründet stattdessen 2007 unter dem Eindruck der Finanzkrise das Ökonomenforum. … Es ist die Zeit, in der aus dem Wissenschaftler Lucke der Politiker Lucke wird.“

Trigger und Reflex – wie bei Pavlov. Da hat man nun brav auf dem Ökonomie-Tableau in den staubigen Hinterzimmern der Wissenschaft jahrelang seine Zahlen, Daten, Fakten und Statistiken hin- und hergeschoben, wie der Administrator die Waggons seiner Märklin-Eisenbahn – und dann passiert plötzlich eine solche ‚Sauerei‘. Hellere und selbstkritischere Köpfe können dann – weil falsifiziert – ihre bisherigen hayek-basierten Erkenntnisse über Bord schmeißen, wie es einige Kollegen nach dem Crash ja durchaus taten, oder man beginnt an ‚finstere Mächte‘ und Dämonen zu glauben: an den pösen Euro, an die regulierungswütige EU oder an eine Medien-Mafia, um sich hinfort alles in einem engeren nationalen Rahmen zurechtzuschneidern, wo angeblich die Lehrsätze des ‚Großen Märk(t)lin‘ noch gelten sollen. Schon haben wir die AfD in nuce

Keine Nachricht wert?

Meanwhile, Igor Bezler, a Russian Special Services officer, and commander of the terrorist bands in Donbas announced today that he had killed all of the fighters of the pro-Ukrainian “Donbas” volunteer brigade that he had taken prisoner this morning.“

Jaja, diese ‚westlichen Mainstream-Medien‘ … entscheidend ist das, was nicht in der Zeitung steht, sagt Tucholsky. Wer sich noch Illusionen macht, welche Figuren sich dort als ‚ostukrainisches Volk‘ inszenieren, der möge ich diese Aufstellung von ‚Biographien‘ ansehen:

„Russian mercenaries in the Donbas.“*

Es dürfte ihnen bald ähnlich gehen, wie den deutschen Freikorps damals im Baltikum. Viel Spaß der russischen Innenpolitik mit solchen getürmten Figuren … und so kann man eine ‚Bankrobbery‘ natürlich auch nennen, zumindest wenn man für die ‚Junge Welt‘ schreibt, wo der Robin-Hood-Gedanke noch nicht völlig vom Winde verweht wurde:

„Den Aufständischen scheint unterdessen allmählich das Geld auszugehen. Der selbsternannte Regierungschef der »Volksrepublik Donezk«, Denis Puschilin, sagte gegenüber RIA Nowosti, es könne zu Verzögerungen bei der Auszahlung der Renten und sonstiger Sozialleistungen kommen. … Vermutlich im Zusammenhang mit dieser Geldnot konfiszierten die Aufständischen am Donnerstag etwa ein Dutzend Geldtransportfahrzeuge der »Privatbank«

Hallo, Jungs, der Inhalt jener Geldtransporter, den ihr euch da unter den Nagel gerissen habt, waren das nicht die Renten, bei deren Auszahlung es begreiflicherweise jetzt zu ‚Verzögerungen‘ kommt? Und vermutlich werdet ihr den Inhalt auf Heller und Pfennig doch ganz bestimmt an diese armen Rentner auszahlen – oder?

*Aha, werden unsere gepolten Kommentatoren nun gleich wieder losblöken, das ist doch eine Seite aus Winnipeg, aus Kanada also, und Kanada grenzt doch an die USA, und da gibt es bekanntlich den CIA – da kann man’s doch mal wieder sehen!

Lechts – Rinks?

Freie Wirtschaft + unfreie Gesellschaft = rechts (China, Russland, Türkei usw.)
Unfreie Wirtschaft + freie Gesellschaft = links (… to be created)

Seht ihr – es ist doch ganz einfach.

Für den Zettelkasten (30)

Ich fragte mich, ob die Menschheit nicht ohne alle diese Namen auskommen könnte, die sich täglich, zu jeder Stunde und in jedem Augenblick vermehren, bis schließlich die ganze Luft davon erfüllt sein wird. Und selbst in einer weiten Ebene werden die Menschen einer des anderen Atem einsaugen, entsprechend der riesigen Menge von Wörtern, die sie gebrauchen und die die ganze Luft beanspruchen, so wie ein Lampenbrenner das Gas. Aber offenbar haben die Leute eine große Vorliebe für Namen, denn es scheint so, als ob eine große Anzahl von Namen zu kennen soviel bedeutet wie über eine große Menge von Dingen etwas zu wissen. Allerdings wäre ich nicht überrascht, wenn es mehr Namen als Dinge in der Welt gäbe.“
Herman Melville: Redburn, 73

Jaja, all diese Übernamen für bekannte Dinge, möchte jemand mit profundem Wissen gaukeln: Lustration, Subsidiarität, Volatilität, Deregulierung … uns fehlt es wahrlich nicht an Wörtern, es sind die Dinge, die unter der Last all dieser ‚Aliasse‘ ächzen.

No Names (26)

In dieser Zeit ist es wahrlich Zeit für Thalia Zedek, die für mich immer ein wenig wie die Folk-Ausgabe von Marianne Faithfull klingt:

Vorstellungskraft, hilf!

Auf dem wirtschaftlichen Bein hüpft die Globalisierung voran, auf dem sozialen hinkt sie.“

Tscha, die Globalisierung, diese olle Hinkhüpfdohle … und die arglose Frau Poesie hat sich hoffnungslos in einen Redakteur verguckt.

Russische ‚Journalisten‘

Ogottogott – selbst das Lebensnotwendige wird ihnen jetzt abgenommen, wenn sie in diese von Satanisten besessene Ukraine reisen:

„Reportedly, they were carrying man-portable anti-aircraft missiles in the trunks of their cars at the time of their detention … And certainly that raises some questions about these individuals and whether they were actually journalists.“

Was sollen diese blöden ‚Questions‘? Selbstverständlich waren das engagierte Journalisten, die höchstselbst alles mitbrachten, was sie für ihre Stories über den ‚Heldenkampf des ostukrainischen Volkes‘ benötigen …

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