Stilstand

If your memory serves you well ...

Monat: März 2014 (Seite 2 von 5)

Fuchsteufelsbild

Wer irrt dort derart gleichnishaft durch den deutschen Sprachraum? Das kann nur Lehmings Malte sein, unser Welterklärbär vom ‚Tagesspiegel‘:

„Die Hühner im Stall gackern laut das Prinzip der friedlichen Koexistenz vor sich hin. Doch wenn der Fuchs kommt und sich nicht daran hält, gibt es anschließend meist ein Huhn weniger.“

Oha, …eiß am Stil! Ich denke mal, der Malte genoss nie jenen himmelschreienden Sound, der sich erhebt, besuchen Fuchs oder Marder ungebeten einen Hühnerstall. Beim Gackern und bei nur einem Hühnchen an Krimtartar bleibt’s dann nicht. So drängt sich mir die Ansicht auf, hier gackere jemand bild- und stilverlegen in seiner Kolumne ’so vor sich hin‘ – nichts zu finden, das war sein Sinn.

Und so sitzen die ‚domestizierten Westhühner‘ angeblich brav im Stall – aber bei welchem Hühnerzüchter bloß? Während die Bewunderung des Kolumnisten für den freiwildernden Fuchs Putin durch jede Zeile weht. Mal ganz abgesehen davon, dass das lauteste ‚Gegacker‘ bisher aus Richtung ‚Moskau Inkasso‘ und aus der werten Famiglia drumherum erschallt. Es handelt sich eher um ‚Fuchsgebell‘, und nicht um Gegacker, um mich dem Malte mal begreiflicher auszudrücken …

Jaja, diese Antisemiten …

Die scheinen mir dann doch eher aus Vladimir Tarzanowitsch Putins höchsteigenem ‚Rechtem Sektor‘ zu stammen. Wie überhaupt die Zahl der Antisemiten in der Duma diejenige der Antisemiten in der Rada weit übersteigt:

„Das amerikanisch-jüdische Magazin Forward berichtete von einer telefonischen Umfrage des Ukrainisch-Jüdischen Kongresses Anfang März, die ergeben habe, dass von 29 Gemeinden im ganzen Land 27 die Situation als »ruhig und normal« einstuften. Lediglich im westukrainischen Winniza und in Sewastopol auf der Krim sei man wegen antisemitischer Äußerungen besorgt gewesen – die aber aus Russland beziehungsweise von prorussischen Gruppen gekommen seien.“

Apropos – Frage an Radio Eriwan: Trifft es eigentlich zu, dass sich ‚Die Linke‘ in Janukowitsch-Partei umtaufen will?

Erfolge deutscher Eislaufmuttis

Jetzt sind schon 95 Prozent aller Kinder hochbegabt. Eine konsequente Förderung könnte auch die restlichen fünf Prozent an diese Leistungsspitze heranführen …

Wie blöd darf man sein?

Da schimpft also Bernd, das Brot, auf seinem missglückten AfD-Parteitag nach Leibeskräften gegen ‚die Medien‘, bis ihm endgültig das Stimmchen zu versagen droht, und daraufhin wundern sich unsere Heiligen der letzten Tage, dass sie in diesen Medien keineswegs als Hoffnungsträger der Menschheit erscheinen …

Rechte Chaoten!

Auf dem Parteitag der Alternative für Deutschland (AfD) in Erfurt kämpfen Mitglieder mit den Tränen. Vor den Saalmikrofonen bilden sich lange Schlangen, einige Parteigänger schreien ihre Anträge in den Saal. Immer wieder gehen Wortbeiträge in Wutgeheul oder Applaus unter.“

Kurzum – diese seriöse Partei des ordnungsliebenden Bürgertums stemmt sich mal wieder dem Führergedanken entgegen … wäre ich dort Delegierter, ich würde die Umbenennung in ‚Lucke-Partei‘ beantragen, denn dann weiß man, was man kriegt. Süß, wie eigentlich immer, ist aber das verschworene Häuflein der AfD-Freischärler im Kommentariat, zum Beispiel jänner hier:

„Ich verfolge den Parteitag per Liveticker frage mich wo ist das von den Medien beschriebene Chaos? Was auffällt ist das hohe Bildungsniveau.“

Drei Meter über ihm, vermute ich mal, oben bei den Satzzeichen …

Ein Vorschlag zur Güte

Damit wäre doch dem Gesetz wie der Eitelkeit völlig Genüge getan – und die unbeugsame Frau könnte sich diesen Zusatz auch besonders klein drucken lassen:

„Dr. ex. Annette Schavan“

Für den Zettelkasten (15)

Wollte man eine Bibel des Pessimismus zusammenstellen, alle Männer von Genie und Herz, welche jemals und irgendwo aufgestanden, würden die Verfassser derselben sein. … Wenn der philosophische Optimismus sich daran erbauen mag, alles auf eine sogenannte ‚Weltvernunft‘ zurückzuführen, so hat der philosophische Pessimismus gewiß auch das Recht, die Grundwurzel von allem in einer ‚Weltunvernunft‘ zu erblicken. Diese macht sich wenigstens tagtäglich und allstündlich fühl- und spürbar, während jene nichts ist als eine Verkleidung der alten theologischen Frau Base Teleologie …“
(Johannes Scherr: Größenwahn, 15 f)

Zu unserer portfolio-fixierten Wirtschaftspresse weiß dieser Scherr auch schon was zu sagen. Kurzum – wir sollten diesen vergessenen Radikaldemokraten aus den Antiquariaten buddeln. Erstens passen seine Ansichten wieder so in die Zeit wie Mors auf Eimer, und zweitens gehört er zu den wenigen echten Sprachgewalten, die wir in Deutschland hatten und haben:

„Da ist auch der Größenwahn der arbeitsscheuen Rafferei und Rapserei, welcher sich als „volkswirtschaftliches“ Genie oder „realpolitisches“ Verdienst aufzuspielen weiß mit solchem Erfolg, daß jeder beliebige Schmutzchrist oder Stinkjude, dem es gelungen, die Million oder gar Milliarde zu erdiebsfingern, als ein dreimal gebenedeiter Apis im papierenen Börsendorado vom unteren, mittleren und oberen Pöbel mit Hallelujah und Hosianna umtanzt wird.“ (7 f)

Tscha, die Welt der Gründerzeit wirkt schon merkwürdig vertraut …

Schäfchen auf Kreuzzug

Dass beim ‚Cicero‘ der politische Katholizismus grassiert, ist nicht erst seit Alexander Kissler bekannt. Jetzt also darf der Professor Heinz Theisen von der Katholischen Hochschule Köln dort seine Weltsicht unter dem schönen Titel „Wer Demokratie exportiert, sät Anarchie“ ausbreiten. Und weil er Professor ist, wirkt das Elaborat auch nicht platterdings untauglich, sondern eher ‚halbschlau‘ oder ‚jesuitisch‘. Was er im Kern propagiert, ist ein ‚westlicher Isolationismus‘, wie ihn auch die USA in den dreißiger Jahren praktizierten:

„Die Strategie des Westens, andere Länder zwangsdemokratisieren zu wollen, ist krachend gescheitert. Kluge Außenpolitik sollte lieber auf friedliche Koexistenz mit Autokratien setzen.“

Schön und gut, so etwas kann man ja mal behaupten. Aber bei dem, was der Herr zur Illustration heranzieht, liegt er dann doch oft ebenso krachend daneben:

„Die militärischen Interventionen des Westens rufen angesichts der mangelnden Übertragbarkeit unserer Ideale und Strukturen interkulturelle Tragödien hervor. Die erzwungenen freien Wahlen brachten Islamisten und illiberale Demokratien an die Macht. Das frei gewählte Parlament Afghanistans führte die Scharia einschließlich der Todesstrafe für Konvertiten ein. Im demokratisierten Irak wurden die Christen als „Freunde des Westens“ verfolgt, nicht vom irakischen Staat, sondern von Al Qaida, denen gegenüber dieser demokratische, in Ethnien und Konfessionen zerrissene Staat längst ohnmächtig ist.“

Die ‚mangelnde Übertragbarkeit unserer Ideale‘ hätte all dies bewirkt? Und die Einführung der Scharia in Afghanistan wäre also erst eine Folge der westlichen Intervention samt ‚Freedom & Democracy‘ gewesen? Herr, lass es Hirn regnen! Das Taliban-Regime 1.0 fand vor jeder westlichen Intervention schon statt – und es wurden nicht nur Buddha-Statuen gesprengt, sondern Menschen nach den Gesetzen der Scharia massenhaft gesteinigt und dahingemetzelt, bloß weil sie vielleicht ein wenig Musik hörten. Und mit so etwas soll ein auf kulturellen Ausgleich bedachter Isolationismus Händchen halten?

Auch im Irak unter Saddam wurden zwar nicht gerade Christen verfolgt, sondern ’nur‘ die Schiiten im Euphrat-Delta dahingemeuchelt und die Kurden nördlich von Mossul vergast. Ich bin gewiss kein Freund von Schorsch Dabbeljuh, dieser Leuchte des Abendlandes, aber Saddam Hussein war eben auch kein Menschenfreund, sondern lange Zeit eben nur ‚unser Schlächter‘. Eher ein ‚Mangel an Idealen‘ und ein Übermaß an ‚geopolitischen Interessen‘ konnte ihn so lange tolerieren.

Das Blut floss also nicht erst nach dem angeblichen ‚Demokratieexport‘ des Westens, wie gescheitert solche Interventionen auch immer verlaufen sein mögen. Und es waren nicht ‚erzwungene freie Wahlen‘, welche die ‚Illiberalität‘ erst bewirkten. Auch ohne freie Wahlen gelangten weltweit schon die ekligsten Figuren an die Macht. Ursache und Wirkung werden in bester jesuitischer Tradition hier konsequent vertauscht. Ganz abgesehen davon, dass ‚der Westen‘ Theisens Rezepte doch schon oft genug befolgt, zum Beispiel gegenüber Saudi-Arabien, faktisch eine der übelsten religiösen Diktaturen der Welt. Man könnte sogar mit guten Gründen behaupten, dass der saudische ‚Freund des Westens‘ hinter dem Djihadismus bspw. in Syrien oder im Irak steckt.

In der Folge läuft bei Heinz Theisen alles auf einen Quietismus hinaus, die Welt sei im Grunde unveränderlich und ein Jammertal, das Hohelied der Tradition wird gesungen:

„Russland wurde immer autoritär regiert und sein Nachfolger würde nicht anders regieren können.“

So ist das nun mal – und das russische Volk mit seinen Ambitionen soll gefälligst die Fresse halten, in den Straflagern Ringelreihen tanzen, und sich in sein unveränderliches kulturelles Schicksal ergeben.

Eine bemerkenswerte Kehrtwendung vollzieht unser Professor dann allerdings doch. Sein ‚kulturelles Laissez-Faire‘ gilt in Bezug auf eine der konkurrierenden ‚Kulturen‘ dann eben nicht – in Bezug auf den Islam. Vermutlich rebellierte sein Christenherz doch allzu heftig gegen die Folgerichtigkeit seines eigenen Denkens. Und was für Nordkorea billig sein mag, das gilt noch lange nicht für Dschihadisten. Plötzlich werden wir unversehens mit Huntingdons ‚Clash of Civilizations‘ konfrontiert, aus dem Isolationisten wird schlussendlich wieder ein kultureller Kreuzzügler:

„Der Islamismus ist der Totalitarismus des 21. Jahrhunderts. … Wir können dem Kampf der Kulturen nicht länger ausweichen, indem wir ihn verleugnen oder mit schönen Begriffen wie „interkultureller Dialog“ und „Integration“ verniedlichen.“

Aha – erst eine dolle isolationistische These aufgestellt, und mit dem Mors der Conclusio gleich wieder interventionistisch umgerissen. Jesuitismus live!

Aus dem Bonker

Russland ist das einzige Land auf der Welt, das realistisch betrachtet in der Lage ist, die USA in radioaktive Asche zu verwandeln», sagte der Moderator Dmitri Kiseljow am Sonntagabend im staatlichen Sender Rossija 1. Mir fehlte – neben derartigen ‚Wunderwaffen‘ – eigentlich nur noch der Hinweis auf die ‚Heeresgruppe Wenck‘ …

Wer jetzt glaubt, durchgeknallte Moderatoren gäbe es doch überall, der irrt erheblich. Dmitri Kiseljow wurde von Putin persönlich als oberster Medienagent seines Landes installiert. Er ist die Stimme seines Herrn – und eben kein ‚Comical Ali‘, weil Putin ja auch nicht Saddam Hussein ist:

„Am 9. Dezember 2013 wird [Kiseljow] von Präsident Wladimir Putin per Erlass zum Generaldirektor der Internationalen Informationsagentur „Russland Heute“ berufen, die auf der Basis der Nachrichtenagentur RIA Novosti und des Radiosenders Golos Rossii (Stimme Russlands) errichtet wird und die staatliche Politik und russische Lebenswelt im Ausland verbreiten soll.“

Wer hier also so verbal-illusionistisch und gefahrenvergessen aufschäumt wie eine Kukident-Tablette, das ist Putins Sprachrohr selbst. Es ist eine authentische und zertifizierte Stimme aus dem russischen Führerbunker – und ich hoffe nur, ich irre mich. Die Folge, in Kiseljows eigenen Worten:

„Jegliche Herabsetzung der Messlatte, jegliche Absenkung der Moral und der Regeln werden die Menschen fressen; eines schönen Tages jedoch werden wir uns selbst wie Schweine im Dreck schwimmen sehen. Und es wird eine solche Gesellschaft geben. Und wir werden uns gegenseitig mitsamt dem Dreck fressen.“

Eigentlich eine zutreffende Selbstbeschreibung …

No Names (19)

Weil’s weltpolitisch heute solch ein Scheißtag ist, wo mich ständig dunkle Schatten umschleichen, gibt’s hier etwas Aufheiterndes von Howe Gelb (Giant Sand / Band of Blacky Ranchette), zusammen mit ein paar Tijuana-Gipsies, dort unten an der South-West-Border, an der Grenze zu ‚Calexico‘ oder ‚Scenic‘ – wem auch immer das musikalisch nun wieder was sagen mag:

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